Zeichnung wird Szene. Im Modulør 04/26 widmen wir uns El Lissitzky. Kaum eine Figur der Avantgarde verkörpert die Verschmelzung von Kunst, Architektur, Grafik und Gesellschaftsvision so konsequent wie er.

Der 1890 in Potschinok geborene Künstler, Architekt, Typograf und Theoretiker zählt zu den prägendsten Protagonisten der russischen Moderne. Dennoch ist sein architektonisches Werk bis heute von einem bemerkenswerten Paradox geprägt: Seine einflussreichsten Projekte wurden nie gebaut.
Lissitzky studierte Architektur an der Technischen Hochschule Darmstadt, bevor er nach der Russischen Revolution zu einer zentralen Figur der Avantgarde aufstieg. Gemeinsam mit Kasimir Malewitsch entwickelte er den Suprematismus weiter, überführte dessen abstrakte Formensprache in den Raum und schuf mit den Proun-Arbeiten – „Projekte zur Bestätigung des Neuen“ – eine neuartige Schnittstelle zwischen Malerei und Architektur. Für Lissitzky waren diese Arbeiten keine Bilder mehr, sondern Denkmodelle einer zukünftigen räumlichen Ordnung.
Die Architektur des 20. Jahrhunderts verdankt ihm weit mehr als einzelne Entwürfe. Lissitzky gehörte zu jener Generation, die Architektur nicht nur als Baukunst verstand, sondern als Instrument gesellschaftlicher Transformation. Seine Ideen entstanden in einer Zeit radikaler politischer, technologischer und kultureller Umbrüche. Die junge Sowjetunion erschien vielen Avantgardisten als Laboratorium einer neuen Welt, in der Architektur die Aufgabe übernehmen sollte, moderne Lebensformen zu organisieren und sichtbar zu machen.
Besonders faszinierend ist dabei, dass Lissitzkys architektonischer Einfluss weit über die Zahl seiner realisierten Projekte hinausreicht. Tatsächlich blieb nahezu sein gesamtes architektonisches Werk auf dem Papier. Gerade diese Ungebautheit macht seine Arbeiten heute so aktuell. Sie zeigen Architektur nicht als fertiges Objekt, sondern als spekulatives Werkzeug, als Medium des Denkens und Entwerfens.
Lissitzkys Werk bewegte sich zwischen Suprematismus, Konstruktivismus und Rationalismus und prägte zentrale Debatten über Raum, Wahrnehmung und Gesellschaft. Die von Christina Lodder beleuchteten Proun-Räume markieren den Übergang vom Bild zum aktivierten Raum und gelten als wegweisend für die moderne Ausstellungsgestaltung. Samuel Johnson zeigt anhand der Druckerei für die Illustrierte „Ogonjok“, wie Lissitzky Architektur, Medien und industrielle Produktion miteinander verknüpfte. Carole Haensler wiederum beleuchtet seine engen Verbindungen zur Schweiz und die Rolle Zürichs als wichtiger Ort für die internationale Verbreitung seiner Ideen.
Hundert Jahre nach ihrer Entstehung wirken Lissitzkys Entwürfe noch immer überraschend frisch. Vielleicht liegt das daran, dass sie weniger Antworten liefern als Fragen stellen. Wie kann Architektur gesellschaftlichen Wandel begleiten? Wie lassen sich bestehende Städte weiterdenken, ohne sie zu zerstören? Und welche Rolle spielt die Vorstellungskraft in einer Disziplin, die oft von Zwängen bestimmt wird?
Mehr über die Entwicklungen in Bergen finden Sie in unserer neuesten Ausgabe.
