Beat Schönbächler, Gründer und Inhaber der KST AG, denkt Raumklima nicht als isolierte Technik, sondern als Zusammenspiel von Architektur, Komfort, Energie und Produktion. Im Gespräch über den Neubau im Einsiedler
Kobiboden wird deutlich, wie stark diese Haltung das Unternehmen prägt – bis hin zu CoolShift, einer Lösung,
die den Nachthimmel zur Gebäudekühlung nutzt.
Im Einsiedler Kobiboden ist mit dem Neubau der KST AG mehr entstanden als ein neuer Firmensitz. Was ist aus Ihrer ursprünglichen Vision geworden?
Der Wunsch nach etwas Eigenem war schon lange da. Ich wollte aber nie einfach eine Halle mit Büro bauen, sondern etwas Werthaltiges, das die Firma langfristig trägt. Am Anfang ging es vor allem um Produktion, Lager, Büro und bessere Abläufe. Mit der Zeit wurde daraus eine grössere Idee: ein Ort, an dem man sieht, was KST kann. Kunden, Architekten und Fachplaner sollen Raumklima nicht nur erklärt bekommen, sondern erleben. Nun ist genau das entstanden: ein Gebäude, das unsere Arbeit sichtbar macht und gleichzeitig die Basis für die nächsten Jahrzehnte bildet.
KST steht für Klima, System und Technologie. Wie ist aus diesen drei Begriffen ein Unternehmen gewachsen, das heute Entwicklung, Produktion, Beratung und Gebäudetechnik zusammenführt?
Ich komme ursprünglich vom Maschinenbau und bin eher zufällig in die Klimatechnik hineingerutscht. Dort habe ich viel gelernt, aber auch gesehen, was in der Branche fehlt. Irgendwann war für mich klar: Die Firma, in der ich so arbeiten kann, wie ich es mir vorstelle, gibt es nicht. Also musste ich sie selber gründen. 2008 haben wir mit sehr einfachen Mitteln begonnen, vieles von Hand gemacht, ausprobiert und Schritt für Schritt weiterentwickelt. Daraus ist KST gewachsen. Heute denken wir nicht mehr in einzelnen Produkten, sondern in Systemen: Kühlen, Heizen, Lüften, Akustik, Gestaltung, Simulation und Produktion gehören für uns zusammen.
Der Neubau ist auch ein begehbares Schaufenster für zeitgemässe Raumklimalösungen. Was sollen Architekt:innen, Fachplaner, Bauherrschaften und Besucher hier unmittelbar erleben?
Sie sollen verstehen, dass Raumklima kein abstraktes technisches Thema ist. Man kann es spüren, hören, sehen und messen. Der Neubau ist keine klassische Musterzentrale, sondern ein funktionierendes Gebäude, in dem unsere Lösungen real verbaut sind. Man sieht die Manufaktur, das Klimalabor, verschiedene Deckensysteme, Akustiklösungen, Lüftungskomponenten und Energiekonzepte. Gleichzeitig muss man fokussieren: Ein Architekt schaut anders auf das Gebäude als ein Fachplaner oder eine Bauherrschaft. Aber genau darin liegt die Stärke dieses Ortes. Er kann sehr unterschiedliche Fragen beantworten.
Mit Home of Comfort ist im Kobiboden ein Umfeld entstanden, in dem Raumkomfort in verschiedenen Anwendungen sichtbar wird. Welche Idee steckt dahinter?
Home of Comfort macht Raumkomfort greifbar. Man kann hier nicht nur über Produkte sprechen, sondern unterschiedliche Anwendungen direkt erleben: Büro, Produktion, Labor, Gastronomie, Energie, Akustik, Lüftung, Kühlen, Heizen. Viele Entscheidungen im Bau werden aufgrund von Plänen, Datenblätter und Mustern getroffen. Das reicht oft nicht. Wer einen Raum betritt, spürt sofort, ob etwas funktioniert. Wie klingt er? Wie fühlt sich die Temperatur an? Wie ist die Luft? Wie wirkt das Material? Genau darum geht es: Lösungen sollen nicht nur verglichen, sondern erlebt werden.
Ihr Neubau vereint Denken, Planen, Herstellen, Messen und Anwenden unter einem Dach. Wie wichtig ist diese Nähe für die Innovationskraft von KST?
Sie ist entscheidend. Innovation entsteht bei uns nicht im stillen Büro, sondern im Zusammenspiel von Entwicklung, Engineering, Produktion, Montageerfahrung und Kundenberatung. Wenn eine Idee nicht funktioniert, merken wir das schnell. Wenn etwas Potenzial hat, können wir es testen, messen, verbessern und wieder zurück in die Produktion bringen. Das eigene Klimalabor ist dabei wichtig, aber auch die Tatsache, dass unsere Systeme im eigenen Gebäude im Betrieb sind. Man lernt nicht aus Prospekten, sondern indem man etwas ausprobiert.
Mit CoolShift hat KST eine Lösung realisiert, die auf einem alten physikalischen Prinzip basiert. Was hat Sie daran von Anfang an fasziniert?
Mich hat fasziniert, dass die Grundidee eigentlich sehr einfach ist: Wärme wird nachts an den Himmel abgegeben. Dieses Prinzip ist alt und bewährt. Gerade deshalb fand ich es spannend. In der Gebäudetechnik sprechen wir oft über immer komplexere Systeme, dabei liegt manchmal in einer einfachen physikalischen Logik eine grosse Kraft. Als wir mit dem Forschungsprojekt in Kontakt kamen, war für mich bald klar: Wenn wir ohnehin unseren Neubau planen, dann ist das die ideale Gelegenheit, diese Idee in die Praxis zu bringen – nicht als Studie, sondern als funktionierende Anlage auf unserem eigenen Gebäude.
CoolShift verbindet Photovoltaik am Tag mit nächtlicher Gebäuderückkühlung. Wie lässt sich dieses Prinzip einfach erklären?
Tagsüber erwärmt sich ein Gebäude. Diese Wärme wird bei uns teilweise in der Gebäudemasse, also im Beton, gespeichert. In den Betondecken verlaufen wasserführende Leitungen. In der Nacht wird die Wärme über dieses Wasser zu den Emitter-Modulen auf dem Dach geführt. Die Panels drehen sich zum Himmel und geben die Wärme über Strahlung ab. Am Tag nutzen dieselben Panels ihre Photovoltaikseite und produzieren Strom für den Gebäudebetrieb. Vereinfacht gesagt: Am Tag gewinnen sie Energie, in der Nacht helfen sie, Wärme loszuwerden. Der grosse Fortschritt liegt darin, dass wir mit sehr wenig Energie kühlen können.
Der Klimawandel erhöht den Kühlbedarf in Gebäuden deutlich. Welche Rolle können passive oder energiearme Systeme künftig spielen?
Eine sehr grosse. Wir haben lange vor allem über das Heizen gesprochen. In Zukunft wird das Kühlen mindestens so wichtig. Aber wir können nicht einfach überall zusätzliche Kältemaschinen installieren und immer mehr Energie verbrauchen. Gebäude müssen stärker als Gesamtsystem gedacht werden: Speichermasse, Verschattung, Nachtauskühlung, Freecooling, Photovoltaik, Bauteilspeicher, gebäudeinterne Wärmeaufnahmesysteme wie z.B. Kühldecken und intelligente Regelung.
Innovation braucht Mut, aber auch fundiertes Handwerk. Wie bringt KST Pioniergeist und Praxistauglichkeit zusammen?
Indem wir beides ernst nehmen. Eine Lösung muss am Ende montierbar, messbar, bezahlbar und betreibbar sein. Bei KST arbeiten Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen. Wir entwickeln vieles selbst, aber immer mit Blick auf die Praxis. Wenn eine Lösung nur auf dem Papier gut aussieht, bringt sie nichts. Sie muss auf der Baustelle funktionieren, in der Produktion herstellbar sein und dem Kunden langfristig einen Nutzen bringen.
Welche Entwicklungen werden das Bauen und das Betreiben von Gebäuden am stärksten verändern?
Das Bauen wird stärker durch Energiefragen, Digitalisierung und Fachkräftemangel geprägt sein. Wir werden Gebäude effizienter planen, präziser produzieren und intelligenter betreiben müssen. Datenmodelle, 3D-Planung, Simulationen und digitale Werkzeuge werden wichtiger. Aber sie ersetzen das Handwerk nicht. Am Schluss braucht es Menschen, die verstehen, was sie tun. Diese Verbindung ist für mich entscheidend: moderne Technologie, fundiertes Fachwissen, eigene Produktion und handwerkliche Qualität. KST möchte hier eine aktive Rolle spielen, nicht indem wir jedem Trend nachlaufen, sondern indem wir an Projekten zeigen, dass bessere Lösungen möglich sind.
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