Hoch über dem Vierwaldstättersee, mit Blick auf die Rigi, die Hochflue und das Dorf Brunnen, steht eines der ältesten erhaltenen Holzhäuser der Zentralschweiz. Das Wohnhaus Buochholz in Seelisberg wurde im Winter 1348/49 errichtet und blickt auf eine über 650-jährige Geschichte zurück. Nach einer sorgfältigen Restaurierung ist das Baudenkmal heute Teil des Angebots der Stiftung Ferien im Baudenkmal und kann erstmals als Ferienhaus erlebt werden. Das Projekt verbindet Denkmalpflege, Architektur und Tourismus auf eindrückliche Weise und macht ein einzigartiges Zeugnis mittelalterlicher Baukultur für die Öffentlichkeit zugänglich.
Ein Haus aus dem Mittelalter
Das Wohnhaus Buochholz liegt oberhalb des kleinen Weilers Volligen in der Gemeinde Seelisberg und gehört zu den ältesten datierten Holzbauten des Kantons Uri. Über Jahrhunderte wurde das Gebäude als Bauernhaus genutzt, bis es 1973 seine ursprüngliche Funktion verlor. Trotz seines hohen Alters blieb die historische Bausubstanz aussergewöhnlich gut erhalten.
Der Bau ist ein typischer Innerschweizer Strickbau des 13. und 14. Jahrhunderts. Charakteristisch sind die fassadenbündigen Bodenbohlen, die sichtbaren Vorstösse der inneren Blockwände sowie die kompakte, funktionale Raumstruktur. Fenster und Fassaden wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrfach angepasst, ohne den ursprünglichen Charakter des Hauses zu verändern.
Architektur als Zeitreise
Besonders bemerkenswert ist die Vielzahl historischer Schichten, die im Inneren des Hauses ablesbar bleiben. Die Raumstruktur entspricht weitgehend jener des Mittelalters: Im Erdgeschoss befinden sich die Stube, ein Stubli sowie die ursprünglich offene Rauchküche, während das Obergeschoss Schlafkammern und Vorratsräume beherbergt. Gleichzeitig dokumentieren zahlreiche Bauteile die Weiterentwicklung des Hauses über die Jahrhunderte hinweg. Ein Stubenbuffet aus dem 17. Jahrhundert, Täferungen des 18. Jahrhunderts sowie ein Kachelofen aus dem 19. Jahrhundert erzählen von wechselnden Wohnkulturen und handwerklichen Traditionen. Selbst die Fenster lassen vier verschiedene Bauphasen erkennen.
Auch weniger offensichtliche Details eröffnen Einblicke in die Alltagskultur vergangener Zeiten. Geisterbanndübel in Astlöchern und Fugen oder geheimnisvolle Brandmarkierungen im Holz zeugen vom Volksglauben früherer Generationen und verleihen dem Haus eine zusätzliche kulturelle Dimension.
Behutsame Restaurierung statt Rekonstruktion
Damit das Buochholz auch künftig genutzt werden kann, wurde es 2025 und 2026 unter der Leitung des Stanser Architekten Hanspeter Odermatt umfassend restauriert. Ziel war es nicht, einen historischen Idealzustand herzustellen, sondern die gewachsene Geschichte des Hauses sichtbar zu bewahren. Grundlage bildeten detaillierte Bauuntersuchungen, anhand derer über den Umgang mit den einzelnen Bauteilen entschieden wurde. Historische Oberflächen wurden gesichert und aufgefrischt, der Kachelofen vollständig neu aufgebaut und wieder funktionstüchtig gemacht. Gleichzeitig integrierte man zeitgemässe Infrastruktur wie Küche und Bäder behutsam in die bestehende Struktur.
Ein wichtiger Eingriff betraf die ehemalige Rauchküche: Dort wurde ein in den 1970er-Jahren eingezogener Boden teilweise zurückgebaut, um die ursprüngliche Raumhöhe und räumliche Wirkung wieder erfahrbar zu machen.
Zeitgemässer Komfort im historischen Bestand
Heute bietet das Haus Platz für fünf Personen. Die historische Raumstruktur blieb weitgehend erhalten, wurde jedoch für die Nutzung als Ferienhaus sorgfältig ergänzt. Auf beiden Geschossen befinden sich Badezimmer, während die Wohnräume mit restaurierten historischen Möbeln und ausgewählten zeitgenössischen Stücken ausgestattet wurden.
Bewusst verzichtete man auf eine umfassende Dämmung oder eine moderne Heizungsanlage. Beheizt wird das Haus weiterhin über den restaurierten Kachelofen – ein Entscheid, der sowohl dem Denkmalcharakter als auch dem authentischen Wohnerlebnis zugutekommt.
Die Trotte als zweites Kapitel
Zum Ensemble gehört auch die benachbarte Trotte, ein ungewöhnlicher Steinbau aus dem frühen 20. Jahrhundert. Ursprünglich sollte hier Obst verarbeitet und über eine geplante Bahnlinie entlang des Vierwaldstättersees transportiert werden. Die sogenannte „Linksufrige“ wurde jedoch nie realisiert, wodurch auch die vorgesehene Nutzung der Trotte ausblieb. Heute dient das Gebäude als ergänzender Aufenthaltsort und erinnert an ein Infrastrukturprojekt, das nie über die Planungsphase hinausgelangte.
Denkmalpflege durch Nutzung
Die Öffnung des Buochholz als Ferienhaus zeigt beispielhaft, wie historische Bauten langfristig erhalten werden können. Möglich wurde dies durch die Zusammenarbeit mit der Stiftung Ferien im Baudenkmal, die seit über zwanzig Jahren denkmalgeschützte Gebäude einer neuen Nutzung zuführt. Anstatt als museales Objekt konserviert zu werden, bleibt das Haus Teil des alltäglichen Lebens. Gäste erleben die Geschichte des Gebäudes unmittelbar – vom mittelalterlichen Holzbau über die Spuren früherer Bewohner bis hin zur sorgfältigen Restaurierung der Gegenwart. Das Buochholz wird damit nicht nur bewahrt, sondern weiterhin bewohnt und genutzt – ganz im Sinne seiner jahrhundertealten Geschichte.
©Studio Gataric Fotografie
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