Im Gespräch mit Atelier Broglia Dias

„Todos Juntos.“ (Atelier Broglia Dias) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wir sind zurzeit mit einigen sehr unterschiedlichen Aufgaben beschäftigt. In der Schweiz haben wir mit der Baustelle der Schulanlage Tüffenwies für die Stadt Zürich begonnen und arbeiten gleichzeitig an einem Vorprojekt für die Schulanlage Meierhof in Baden. Parallel dazu planen und realisieren wir ein kleines Hotel an der kolumbianischen Karibikküste. Und natürlich sind wir immer wieder in verschiedene Wettbewerbe und Studien involviert. Gerade die Vielfalt der Aufgaben und Kontexte inspiriert unsere Arbeit. Sie fordert uns heraus, für jeden Ort spezifische Lösungen zu entwickeln.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Vor zwei Monaten sind uns zufällig zwei Bücher mit Bildern und Plänen zweier spanischer Architektenduos in die Hände gefallen, Jaume Bach und Gabriel Mora sowie Oscar Tusquets und Lluís Clotet. Während die italienische Nachkriegsmoderne inzwischen ziemlich breit aufgearbeitet ist, sind viele spanische Positionen dieser Zeit noch erstaunlich wenig bekannt. Es gibt bei uns gerade ein wachsendes Interesse an der spanischen Architektur dieser Zeit. Wir waren beeindruckt, wie aktuell die Werke der beiden Büros wirken. Da sehen wir eine sehr solide und ernsthafte Architektur, gleichzeitig voll räumlicher Fantasie. Wenn wir hier eine Auswahl treffen müssten, würden wir empfehlen, sich mal die Bilder der „Escola Pública Josep Maria Jujolv“ in Barcelona und der „Apartamentos Mozart-Fortuny“ in Sant Cugat del Vallès anzuschauen.

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
In unserer Arbeit interessieren uns weniger neue Materialien als die Wiederentdeckung und Weiterentwicklung von Materialien, die seit jeher Teil der Architektur sind. Besonders intensiv beschäftigen wir uns mit Holzbaukonstruktionen in Verbindung mit Lehm. Doch Holz ist nicht gleich Holz und Lehm nicht gleich Lehm. In unseren Schweizer Projekten fungiert Holz als Tragstruktur, während industriell gefertigte Lehmbauplatten die fehlende Masse ergänzen und eine komplementäre Rolle übernehmen. Im Projekt in Kolumbien sind die Materialien zwar ähnlich, ihre Anwendung jedoch genau umgekehrt: Massive, vor Ort handgefertigte und luftgetrocknete Lehmsteine bilden das tragende System. Holz wird dagegen für leichtere Elemente eingesetzt – etwa für die filigrane Dachkonstruktion oder für bewegliche Bauteile wie Schiebeelemente und Türen, die als Membran zwischen Innen- und Aussenraum wirken. Nicht nur klimatische Bedingungen, bautechnische Aspekte und lokales Know-how führen zu diesen unterschiedlichen Anwendungen derselben Materialien, sondern auch die jeweils unterschiedliche Komplexität der Vorgaben und Anforderungen.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
„Beauty is the peak of functionality“, sagt Álvaro Siza. Was genau er damit gemeint hat, bleibt offen, aber die Richtung gefällt uns. Schönheit ist für uns jedenfalls keine rein ästhetische Kategorie. Sie hat eher mit der Haltung eines Gebäudes zu tun: mit seiner Funktion, mit dem Ort, an dem es steht, und mit der Art, wie es sich zur Gesellschaft verhält. Wenn diese Dinge zusammenkommen und selbstverständlich ineinandergreifen, entsteht manchmal etwas, das man Schönheit nennen könnte. Oder etwas prosaischer gesagt: Schönheit ist oft einfach das Nebenprodukt einer sehr gut gelösten Aufgabe.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Auch ein Gebäude kann eine Seele haben. Die interessantere Frage ist vielleicht, wann und wie man sie ihm wieder nimmt oder warum so viele Beseelungen gar nicht erst entstehen dürfen. Dann bleiben am Ende nur noch Gebäude übrig.

Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Bescheidenheit, Zuhören und die Fähigkeit, neugierig und kritisch Fragen zu stellen, sind für uns essenzielle Eigenschaften eines Architekten. Denn eine Antwort kann nur so gut sein wie die Frage, die gestellt wird.

Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
„Todos Juntos“, portugiesisch für alle zusammen, war der Titel unseres Wettbewerbsbeitrags für die Schulanlage Tüffenwies in Zürich. Der Ausdruck beschreibt auch ganz gut, wie wir unsere Rolle verstehen. Wenn man zum Beispiel eine Schule baut, baut man nicht nur für Schülerinnen und Schüler oder für Lehrpersonen, sondern für die Stadtgesellschaft als Ganzes. Eine Schule ist immer auch ein öffentlicher Ort. Es geht darum, Räume zu schaffen, die Begegnung, Austausch und Verbindungen ermöglichen. In Kolumbien versuchen wir zudem, mit lokalen Handwerkern zusammenzuarbeiten, das vorhandene Wissen weiterzuentwickeln und mit Materialien zu bauen, die vor Ort verfügbar sind. Das ist nicht immer selbstverständlich – weder für uns noch für die Menschen vor Ort. Gerade deshalb ist es interessant, weil dabei oft Lösungen entstehen, auf die man allein nicht gekommen wäre. Wir wollen Menschen zusammenbringen, im Planungsprozess und später in den Räumen, die wir bauen.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
In unserem Verständnis ist der Architekt ein Generalist. Wir sind gewissermassen das Bindeglied zwischen unterschiedlichen Wissensbereichen. Unsere Aufgabe ist es, Vision, Wissen und unterschiedliche Akteure zusammenzuführen und verschiedene Perspektiven in einen gemeinsamen Prozess zu integrieren. Diese Rolle bleibt jedoch oft unsichtbar und wird deshalb nicht immer entsprechend wahrgenommen. Umso wichtiger ist der Bildungsaspekt. Architektur betrifft letztlich alle, und ein grundlegendes Verständnis für Raum, Stadt und Baukultur sollte eigentlich Teil der allgemeinen Bildung sein. Je besser dieses Verständnis in der Gesellschaft verankert ist, desto höher ist auch die Wertschätzung für Architektur. Auch die Politik kann dazu beitragen, indem sie Rahmenbedingungen schafft, in denen Baukultur gedeihen kann. Architektur entsteht nie im luftleeren Raum, sondern immer in einem gesellschaftlichen und politischen Kontext. In der Schweiz ist dieser Kontext grundsätzlich sehr gut, aber natürlich immer weiter entwickelbar. Es ist also wichtig, politisch ein Bewusstsein für die Bedeutung unserer Rolle zu schaffen.

Kann Architektur die Welt verbessern?
Das ist unsere Aufgabe, unser Ziel und unsere Hoffnung. Wir wollen es zumindest mal probieren.

Mehr zu dem Büro finden Sie hier.

 

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