Mit dem „Haus zur Beuge“ eröffnet die Stiftung Ferien im Baudenkmal ihr zweites Objekt im Kanton Glarus. Sein Kern geht auf zwei Wehrtürme aus dem Jahr 1415 zurück, die im Laufe der Zeit zu zwei separaten Wohnhäusern ausgebaut und im 17. Jahrhundert zu einem herrschaftlichen Patrizierhaus erweitert wurden.
Näfels, bekannt durch die alljährlich stattfindende Näfelser Fahrt, einem der höchsten Festtage im Glarnerland, das an die siegreiche Schlacht der Glarner und Eidgenossen gegen das zahlenmässig überlegene Heer der Habsburger im Jahre 1388 erinnert, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. Diese Geschichte lässt sich gut an den Häusern im Ortskern ablesen, so auch am „Haus zur Beuge“. Sein Kern geht auf zwei Wehrtürme aus dem Jahr 1415 zurück, die im Laufe der Zeit zu zwei separaten Wohnhäusern ausgebaut und im 17. Jahrhundert zu einem herrschaftlichen Patrizierhaus erweitert wurden. Die durch die Reisläuferei zu Wohlstand gekommenen Erbauerfamilien verarmten im Laufe der Zeit. Die Güter wurden aufgeteilt und im 19. und 20. Jahrhundert befanden sich im Gebäudekomplex mehrere Wohneinheiten und im Erdgeschoss Krämerläden.
Das Ensemble des „Haus zur Beuge“ bildete einst zusammen mit dem 1950 abgetragenen Restaurant Schlüssel den städtebaulichen Abschluss des Dorfkerns von Näfels. Das imposante Gebäudevolumen überragt die umgebende Bebauung um zwei bis drei Geschosse. Ursprünglich wurden beide Herrenhäuser von den Familien Müller und Hauser bewohnt, die durch Reisläuferei zu Reichtum kamen im Laufe der Zeit jedoch verarmten. Mit dem Besitzerwechsel kam es zu einer Art Zellteilung der Häuser und die dazugehörenden Güter. Im südlichen Hauserhaus ging dies so weit, dass fast jeder Raum eine eigene Wohneinheit bildete. Bei der Beuge wurden alle Güter samt Stallung abgetrennt, so dass nur noch das Haus übrigblieb. In den Erdgeschossen beider Häuser lassen sich vom 19. Jahrhundert bis zur Renovierung 2020 kleine Krämerläden nachweisen. Zuletzt wurden die Häuser als Wohn- und Geschäftshäuser genutzt
Der Ursprungsbau der Beuge, dem nördlichen Hausteil geht auf das Jahr 1415 zurück. Ausgehend von einem turmartigen Kern entwickelte sich das Gebäude zunächst nach Süden und später auch nach Osten. Die erste Erweiterung erfolgte 1564, bei der die Hausfläche nach Süden zunächst durch einen Lagerraum und später durch einen Gewölbekeller vergrössert wurde. 1584 erfolgte eine weitere Erweiterung, bei der die Fläche zur heutigen Strasse hin verdoppelt wurde. Die westliche Wand des vierseitig ummauerten Gebäudes, ist eine im Jahr 1584 fertiggestellte Bohlenständerkonstruktion, die vom ersten Obergeschoss bis zum Dachgeschoss reicht und zur aussergewöhnlich guten Erhaltung des Hauses beiträgt.
Die Bohlenständerkonstruktion des „Haus zur Beuge“ gehört zu den vollständigsten und ältesten ihrer Art im Kanton Glarus und der ganzen Region. Der zweigeschossige Kernturm, das Gewölbe sowie zwei gotische Balkendecken aus den Jahren 1564 und 1584 sind heute noch sichtbar und konnten bei der Restaurierung im Jahr 2022 erhalten werden. In der Oststube des ersten Obergeschosses – der Stube der Ferienwohnung – wurde eine gotische Halbsäule im Fenster freigelegt. Gut erhalten ist auch eine hochwertige Ständerwand aus Hartholz, die den Mittelgang von der Oststube trennt. Der Kachelofen des Glarner Hafners Schwitter aus dem Jahr 1788 wurde rekonstruiert und erstrahlt in seiner ursprünglichen Pracht. Die blau bemalten Kacheln zeigen Hirten- und Landschaftsmotive, umrahmt von grünen Füllkacheln. Der historische Herd in der Küche aus dem 19. Jahrhundert wurde ebenfalls restauriert.
Dank der jüngsten Renovation durch die Genossenschaft Alterswohnungen Linth (GAW Linth) und dem Architekten Volker Marterer, ist es gelungen, all diese verborgenen Elemente wieder freizulegen und die über 600-jährige Baugeschichte des „Haus zur Beuge“ erlebbar zu machen.
Ziel der Restaurierung war es, die Qualität der historischen Substanz zu erhalten, und gleichzeitig den Anforderungen der Gegenwart gerecht zu werden. So wurden die Anbauten aus dem 19. und 20. Jahrhundert sowie spätere, baufremde Schichten entfernt. Die darunter liegenden historischen Strukturen wurden freigelegt, was zu einer hohen Schutzwürdigkeit der Bausubstanz führt. Mit der Rettung des Patrizierhauses konnte ein wichtiges Element des historischen Ortsbildes von Näfels erhalten werden. Seine Bedeutung im Kanton geht weit über Näfels hinaus. Das neu geschaffene Angebot an renovierten Wohnungen und Gewerbeeinheiten im historischen Haus fördert die Belebung des Dorfkerns.
Das Haus ist im Eigentum der Genossenschaft Alterswohnungen Linth (GAW Linth) und wird über die Stiftung Ferien im Baudenkmal vermietet.
© Studio Gataric, Hans Bühler
Weitere Informationen zu dem Bau finden Sie hier.
