Am Rand des Bündner Dorfs Grüsch steht ein Baukörper, der lange Zeit weniger durch seine Nutzung als durch seine Präsenz wirkte. Die ehemalige Mühle am Taschinasbach, deren Ursprünge bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen, war über Jahrhunderte hinweg Teil der lokalen Produktions- und Energielandschaft. Sie mahlte Getreide, lieferte Strom, strukturierte Arbeit – und prägte mit ihrem markanten Siloturm das Dorfbild weit über ihre funktionale Bedeutung hinaus. Nach der Stilllegung im Jahr 2010 blieb vor allem eines zurück: ein räumliches und historisches Gedächtnis. Mit der Transformation durch Ritter Schumacher Architekten wurde dieses industrielle Erbe nicht konserviert, sondern in ein neues, zeitgemässes Wohnmodell mit Vorbildfunktion überführt.
Das Prättigau erstreckt sich über rund 40 km zwischen der Klus bei Landquart und dem Silvrettagebiet bei Klosters. Im vorderen Talbereich, unweit der Verkehrsinfrastruktur und dennoch klar ländlich geprägt, liegt Grüsch mit rund 2000 Einwohner:innen. Die Gemeinde ist keine touristische Zweitwohnungsdestination, sondern ein Ort des Arbeitens und Wohnens. Produzierendes Gewerbe, neue Industrieansiedlungen sowie das Spital im benachbarten Schiers schaffen lokale Arbeitsplätze – und damit einen konkreten Bedarf an bezahlbarem, gut gelegenem Wohnraum. Seit 1939 markierte die Mühle Grüsch mit ihrem rund 30 m hohen Siloturm die Einfahrt ins Dorf. Der Bau war weithin sichtbar, technisch funktional und identitätsstiftend. Nach der Stilllegung 2010 wurde das Areal temporär kulturell genutzt, bevor erste Pläne für Eigentumswohnungen im historischen Hauptgebäude diskutiert wurden. Diese scheiterten jedoch an der wirtschaftlichen Realität – und öffneten den Raum für eine grundsätzlich neue Perspektive.
Wohnen statt Verwertung
Mit dem Erwerb des Areals durch die Gutgrün AG wurde ein klarer Anspruch formuliert: Nicht maximale Rendite, sondern ein Projekt mit Modellcharakter für zirkuläres Bauen sollte hier entstehen. Im Direktauftrag entwickelten Ritter Schumacher Architekten 2022 ein Konzept, das diesen Anspruch ernst nahm und gleichzeitig auf die Bedürfnisse der Gemeinde reagierte. Die Mühle Grüsch wurde nicht als abgeschlossenes Denkmal verstanden, sondern als Ausgangspunkt für eine architektonische Weiterentwicklung, die Bestand, Material und gesellschaftliche Verantwortung zusammenführt. Statt hochpreisiger Eigentumswohnungen wurden 52 Mietwohnungen geplant – verteilt auf das sanierte Hauptgebäude und einen aus dem alten Mühleturm neu errichteten Wohnturm. Der Fokus lag auf Dauerhaftigkeit, sozialer Durchmischung und einer langfristigen Nutzungsperspektive, wobei die Nachhaltigkeit in all ihren Facetten beachtet wird. Diese wurde dabei nicht als Zusatz verstanden, sondern als strukturelles Prinzip von Anfang an miteinbezogen, das Architektur, Konstruktion, Materialwahl und Betrieb gleichermassen prägt.
Bestand lesen, nicht ersetzen
Im Rahmen des Grossprojekts wurde das historische Hauptgebäude der Mühle saniert und behutsam umgebaut. Die bestehende Struktur blieb weitgehend erhalten und wurde mit einer neuen Raumorganisation an neue Wohnnutzungen angepasst. Im sanierten Hauptgebäude befinden sich nun 15 Loftwohnungen mit 2,5 bis 3,5 Zimmern und Flächen von bis zu 147 m2. Die grosszügigen, offenen Grundrisse nutzen die vorhandene Raumhöhe von knapp 3 m und zeigen die (Trag-)Struktur des ehemaligen Industriebaus. Jede Wohnung verfügt über eine Loggia oder einen Balkon, wodurch private Aussenräume in das dichte Gefüge integriert werden.
Wo immer möglich blieben die Oberflächen des Bestands unbehandelt und prägen den Innenraum: Beton, Mauerwerk und Stahl zeigen ihre Patina, die Gebrauchsspuren der früheren Nutzungen und ihre Geschichte. Selbst Graffiti – deren Zustand es zuliess – einer früheren Urban-Art-Zwischennutzung wurden bewusst belassen und brechen immer wieder mit dem hellen, monotonen Innenraum. Sie verleihen den Räumen eine unerwartete Urbanität und schlagen eine Brücke zwischen industrieller Vergangenheit und zeitgenössischer Wohnnutzung. Die architektonische Sprache bleibt dabei bewusst zurückhaltend: Neue Türen wurden einfach mit Blockrahmen in Fichte eingesetzt, graufarbene Küchenzeilen setzen einen dezenten Akzent, und Natursteingutfliesen im Badezimmer sowie geschliffene Unterlagsböden schaffen noch mehr Varianz an Oberflächen. Alt und Neu treten im Materialkonzept somit nicht in Konkurrenz, sondern in einen ruhigen, kontinuierlichen Dialog, wobei die Transformation ablesbar ist, aber sich absolut nicht aufdrängt.
Zirkularität als konstruktive Realität
Anders verhielt es sich beim Siloturm aus dem Jahr 1939: Aus statischen Gründen erwies sich hier eine Umnutzung als nicht sinnvoll. Die Wandstärken waren zu gering, die Raumkammern zu klein, die konstruktive Logik zu stark auf die ursprüngliche Nutzung ausgerichtet, sodass Wohnraum gemäss aktuellen Standards nicht möglich gewesen wäre. Der Entscheid für den Rückbau bedeutete jedoch keinen Abbruch im herkömmlichen Sinne – vielmehr haben die Architekten den Turm als Materiallager verstanden. Aufgrund seiner singulären Nutzung bestand er fast vollständig aus Beton – eine ideale Voraussetzung für sortenreines Recycling. Der Rückbau erfolgte selektiv, die Materialien wurden getrennt, dokumentiert und gezielt weiterverwendet.
Der Beton des ehemaligen Siloturms wurde zu 100 Prozent im nahe gelegenen Werk Untervaz der Gribag AG gebrochen und recycelt. Für den Neubau des Wohnturms ersetzte der Abbruchbeton 75 bis 95 Prozent der benötigten Gesteinskörnung und wurde mit einem CO₂-reduzierten Zement ergänzt. Rund 60 Prozent des neuen Baukörpers bestehen somit aus dem Material seines Vorgängers – neu modelliert, aber historisch aufgeladen. Die Entwicklung der Betonrezeptur erfolgte jedoch nicht nach standardisierten SIA-Normen, sondern projektbezogen. In enger Zusammenarbeit zwischen Kieswerk, Baumeister, Zementhersteller und Statik wurde eine Körnung definiert, die exakt den statischen Anforderungen entsprach. Zirkuläres Bauen wurde in diesem Projekt vom theoretischen Konzept zum technisch präzisen Prozess gewandelt. Im neuen Wohnturm entstanden letztlich 37 kompakte Wohnungen auf elf Geschossen mit 1,5 bis 3,5 Zimmern und Flächen zwischen 30 und 89 m2. Diese Typologien reagieren direkt auf den Bedarf nach kleineren, gut erschlossenen Wohnungen für Einzelpersonen, Paare und Berufspendler:innen.
Energie als Kontinuität
Die Mühle Grüsch war immer auch ein Ort der Energiegewinnung. Was früher durch Wasserkraft geschah, wird heute durch ein vollständig erneuerbares Energiesystem fortgeführt. Photovoltaikanlagen an Fassade und Dach versorgen die Anlage mit Strom, eine zentrale Wärmepumpe übernimmt die Wärmeversorgung, ergänzt durch kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung. Der Wohnturm erfüllt den Minergie-P-Standard und ist auf eine optimierte CO₂-Bilanz über den gesamten Lebenszyklus ausgelegt. Die schwarzen, matt glänzenden Solarpaneele prägen nicht nur das Energiekonzept, sondern auch die architektonische Erscheinung. Sie gliedern die Fassade vertikal und verleihen dem Baukörper eine neue, zeitgenössische Identität. Ein wichtiger Punkt ist zudem die Materialstrategie, die über den Beton hinausreicht: Wo neue Materialien notwendig waren, wurden ausschliesslich ECO-zertifizierte Produkte eingesetzt. Das Holz stammt aus der Schweiz und den angrenzenden Ländern, die Dämmung aus regionaler Steinwolle. Sämtliche Materialien sind dokumentiert und auf eine mögliche spätere Umnutzung oder einen erneuten Rückbau ausgelegt – ein entscheidender Schritt in Richtung langfristiger Ressourcenschonung. Die gesamte Anlage wurde letztlich mehrfach mit DGNB-Zertifikaten ausgezeichnet, darunter das erste Rückbauzertifikat der Schweiz – ein Meilenstein für das zirkuläre Bauen im Bestand.
Zusammenarbeit als architektonische Methode
Ermöglicht hat all dies unter anderem auch die exemplarische Arbeitsweise der Architekten: In einem Allianzmodell wurden Bauherrschaft, Planende und ausführende Unternehmen frühzeitig eingebunden. Entscheidungen entstanden gemeinschaftlich, Verantwortung wurde geteilt, Risiken gemeinsam getragen und die einzelnen Gewerke direkt vergeben. Dieses Vorgehen verändert die Rollen aller Beteiligten: Niemand agiert isoliert, alle denken mit. Digitale, selbst entwickelte Tools zur Bewertung und Steuerung der Nachhaltigkeitsstrategie ermöglichten es zudem, Erkenntnisse projektübergreifend nutzbar zu machen. Die Erfahrungen aus der Mühle Grüsch fliessen so direkt in neue Projekte ein.
Ein Modell über den Ort hinaus
Nachhaltige und zudem zirkuläre Architektur muss demnach nicht zwingend an urbane Grossprojekte gebunden sein. Sie entsteht dort, wo Bestand ernst genommen, Material als Ressource verstanden und soziale Verantwortung in die architektonische Entscheidung integriert wird. Das Projekt rund um die Mühle Grüsch steht für eine leise, präzise Architektur, die tief im Ort verankert ist – und dennoch weit über diesen hinausweist. Ein Projekt, das sich zwischen Erinnerung und Zukunft bewegt und mit dem Symbol der Ähre immer wieder auf die Geschichte des Baus hinweist.
© Daniel Ammann
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