Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.
Der Frühling ist Kirschblütenzeit nicht nur in Japan, sondern mancherorts auch in der Schweiz. So zum Beispiel in Zürich an der Bertastrasse und anderswo um den malerischen Idaplatz im Zürcher Stadtkreis 3 im schönen Wiedikon. Alte Häuser, lauschige Cafés und eben Kirschblüten, so weit das Auge reicht. Dieses Wochenende bin ich unabsichtlich in diese doch sehr fotogene Gegend geraten. Dutzende von Menschenkindern – Klein und Gross bzw. Jung und Alt posierten am Sonntagnachmittag für Fotos, welche vermutlich früher oder später auf Social Media landeten.
Ich habe mir auch kurz überlegt, ob ich Fotos machen soll, und dann ging mir ein Gedanke durch den Kopf. Entweder wird mir der schöne Augenblick gestohlen, in dem ich mich aufs Fotografieren konzentrierte, der dafür im Gegenzug verewigt ist, oder ich geniesse lieber den Moment in der Gegenwart.
Ein wenig abgelenkt war auch ich. Ich meine, ich suche ein barrierefreies Café, in dem ich auch mit Elektrorollstuhl verweilen kann. Weit und breit Fehlanzeige. In solchen Augenblicken fällt mir die Dominanz des Denkmalschutzes ein, welche im Vergleich mit der Nutzbarkeit meist den Vorrang erhält. Dass wir Menschen mit Behinderungen auch nur ein Leben haben und nicht ewig warten können, bis bspw. in der Zukunft alles – auch mit Blick auf die Barrierefreiheit besser werden soll – da ist und nicht mehr auf sich warten lässt. Dies scheint aber vom Gewissen der Allgemeinheit meist verdrängt zu werden.
Doch da, als ich schon fast aufgegeben habe, sehe ich ein Lokal mit einer mobilen, bereits platzierten Rampe beim Eingang. Ich habe mich so sehr darüber gefreut – was im Grunde auch schon vieles sagt –, dass ich mich gewissermassen angezogen gefühlt habe. Es gab gefüllte, süsse Croissants, Börek etc. Ich ertappte mich dabei, wie ich schon rein aus Freude über den Zugang etwas konsumieren wollte. Zur Feier des Tages habe ich mir – trotz beabsichtigten Entzugs eine Cola Zero gegönnt.
Auch wenn es schön ist, sich freuen zu können, wäre es doch an der Zeit, sich nicht über Dinge freuen zu können, die selbstverständlich sein sollten. Es sind wir Menschen, die die Umwelt gestalten und sich entscheiden, eine mobile Rampe anzuschaffen oder noch besser von Beginn an so zu bauen und zu gestalten, dass Hindernisse nicht mehr entstehen oder gar verschwinden.
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