Radikal und kontextuell. Im Modulør 06/25 widmen wir uns der dänischen Architekten Dorte Mandrup, die nicht nur mit ihren skulpturalen Bauten begeistert, sondern mit diesen zudem stark auf die umgebenden Kontexte eingeht.

Ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, ist kein Kinderspiel. Es stimmt zwar, dass Architektur wie alle Kunstformen ein Handwerk ist, doch in ihrer Ausführung ist Handwerkskunst ein extrem technischer und hochkomplexer Vorgang. Und der Versuch, wieder an verwandte Kunstformen anzuknüpfen, ist für mich die probate Möglichkeit, einen ansonsten sehr technischen Prozessablauf zu stören und kreativ zu verbessern. Ich habe das Bauhaus stets für seine Fähigkeit bewundert, die Grenzen zwischen Funktionalität und Ästhetik zu überschreiten. Als es die Architektur von ihrer Ornamentik befreite, verband es die beiden in gewisser Weise. Funktionalität wurde zu einer ästhetischen Erfahrung, und die Ästhetik war streng funktional. …
Dorte Mandrup*
(* Sandra Hofmeister (Hrsg.): My Bauhaus. 100 Architects on the 100th Anniversary of a Myth. 2018, S. 80–81.)
In einer Zeit, in der Architektur oft als funktionale Antworten auf städtische Anforderungen gehandhabt wird, gelingt es der dänischen Architektin Dorte Mandrup dennoch, eine Poetik des Raumes zu formulieren, die Skulpturalität, Wärme und politische Ambition in einem sinnlichen Bauen vereint.
Ihre Handschrift ist geprägt von ihrer Fähigkeit, Tradition und Innovation zu verbinden. Das sich derzeit im Bau befindende Whale-Museum in Andenes, Norwegen, verdeutlicht diese Synthese. Das Gebäude, das wie ein sanft aus dem Wasser auftauchender Wal erscheint, nutzt modernste Technologien und Materialien, respektiert aber gleichzeitig die jahrhundertealte Beziehung zwischen Mensch und Meeresbewohnern in dieser Region. Diese Verknüpfung von Geschichte und Zukunft, von lokaler Identität sowie globaler Relevanz macht die Architektur der Dänin so besonders. Doch abseits dieses Projekts findet sich diese rote Linie auch im restlichen Portfolio des Büros: Von musealen Projekten bis zu privaten Häusern ist stets eine intensive Auseinandersetzung mit Orts- und Nutzerperspektiven zu finden. Und trotz der nicht seltenen Skulpturalität arbeitet die Gebäudestruktur nicht gegen den Menschen, sondern vielmehr mit ihm.
„Kontextueller Radikalismus“ beschreibt ihre Projekte: Für Dorte Mandrup bedeutet dies, radikal auf den jeweiligen Kontext zu reagieren – sei es die natürliche Umgebung, das soziale Gefüge oder die historische Bedeutung eines Ortes. Ihre Gebäude sind keine autonomen Objekte, sondern entstehen aus dem Dialog mit ihrer Umgebung. Ein Blick auf konkrete Projekte zeigt die Vielfalt, ohne die Kernidee zu verraten: Räume, die sich an Menschengeschichten anschmiegen, Gebäude, die wie Landschaften wirken und doch präzise urban verortet sind. Wir werfen einen Blick auf einige Projekte, u. a. das Wadden Sea Centre oder das neue Centre for Health, und beleuchten ihre Lehrtätigkeit an der Architekturuniversität in Mendrisio. Dort gibt sie ihr breit gefächertes Wissen weiter: Fragen nach Form, Funktion, Materialität und Ethik übersetzen sich in Lehrmodelle, die Studierende ermutigen, unbequeme Fragen zu stellen und neue Ausdrucksformen zu erforschen.
Mehr über die Entwicklungen in Bergen finden Sie in unserer neuesten Ausgabe.
