Spieglein, Spieglein mit im Raum

Der Spiegel war einmal eindeutig. Ein kurzer Blick, und die Sache schien geklärt. Heute genügt ein Bild, ein Algorithmus – und das eigene Ich steht einem gegenüber. reconFIGURE und doppelgaenger:apparatus verschieben diese vermeintliche Gewissheit und zeigen mit bemerkenswerter Präzision, wie brüchig die Beziehung zwischen Körper und Bild geworden ist.

Es beginnt unspektakulär. Eine Kamera, ein kurzer Moment, ein Rechenprozess im Hintergrund. Sekunden später steht da ein Körper, der keiner ist und doch eindeutig zu einem gehört. Was zunächst wie ein technischer Vorgang wirkt, kippt schnell. Denn dieser Körper bleibt nicht ruhig. Er bewegt sich, reagiert, kommt näher. „Am Anfang hast du das Gefühl, du habest Kontrolle über das Spiegelbild“, sagt Chris Elvis Leisi. „Dann löst sich diese auf.“ In der Lehre im Bereich Game Design und als Forscher im Immersive Arts Space an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) beschäftigt sich Leisi seit Jahren mit sogenannten Co-Location-Multiuser-Extendet-Reality-Erfahrungen – also mit Situationen, in denen mehrere Menschen gleichzeitig in einer erweiterten Realität agieren. Parallel dazu arbeitet er als Mitgründer von ArchLevel GmbH an der Schnittstelle von Game Design und Extended Reality [LCE1.1]. Sein Zugang ist entsprechend doppelt geschärft: technologisch präzise, aber immer auch gestalterisch und kritisch. 

Der beschriebene Moment [LCE2.1] ist kein technisches Versagen, sondern das Resultat einer bewusst gesetzten Verschiebung. Die Kopplung zwischen Körper und Abbild wird gezielt gelockert: Bewegungen werden nicht mehr deckungsgleich übertragen, Reaktionen leicht verzögert, Blickrichtungen minimal verschoben. Das System simuliert zunächst Verlässlichkeit – nur um sie im nächsten Schritt aufzulösen. Was dabei entsteht, ist kein klarer Bruch, sondern eine feine Irritation. Das Bild wirkt vertraut genug, um als das eigene erkannt zu werden – und gleichzeitig fremd genug, um nicht mehr ganz zu stimmen. Genau diese Gleichzeitigkeit ist entscheidend. Es entsteht ein unbehagliches Gefühl, nicht weil etwas offensichtlich falsch ist, sondern weil etwas fast richtig ist. Das Abbild liegt zu nah am eigenen Selbst, um als fremd abgetan zu werden, und entfernt sich gleichzeitig gerade so weit, dass es sich der Kontrolle entzieht.

„Das Unheimliche ist nicht nur etwas Visuelles, sondern etwas Psychisches, etwas, das als Reaktion auf etwas entsteht“, erklärt Chris Elvis Leisi. Damit ist man sehr nah bei Sigmund Freud und seinem Text „Das Unheimliche“ von 1919. Freud entwickelt darin keine Theorie des Schreckens im klassischen Sinn, sondern eine präzisere Unterscheidung: Unheimlich ist nicht das völlig Fremde, sondern das Vertraute, das verdrängt wurde und in veränderter Form zurückkehrt. Freuds Analyse [LCE3.1] basiert unter anderem auf literarischen Beispielen – insbesondere auf E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. Dort zeigt Freud, wie Figuren, Spiegelungen und Verdoppelungen ein Gefühl auslösen, das sich nicht eindeutig zuordnen lässt. Der Doppelgänger spielt dabei eine zentrale Rolle: Er ist ursprünglich ein Mittel der Selbstversicherung, kippt aber, sobald er sich verselbstständigt, in sein Gegenteil – in ein Zeichen von Kontrollverlust. Freud spricht in diesem Zusammenhang von „Verdoppelung, Spaltung und Austausch des Selbst“.

Wichtig ist, wie Freud zu dieser Erkenntnis kommt: nicht über das Sichtbare allein, sondern über die Wirkung. Das Unheimliche entsteht dort, wo etwas im Subjekt ausgelöst wird – ein Wiedererkennen ohne Sicherheit, ein Wissen ohne Kontrolle. Genau hier setzt doppelgaenger:apparatus an. Die Installation reproduziert nicht einfach ein Bild, sondern erzeugt eine Situation, in der diese freudianische Verschiebung erfahrbar wird. Der digitale Doppelgänger bleibt nah genug, um als eigenes Abbild gelesen zu werden, und entfernt sich gleichzeitig durch minimale Abweichungen – zeitlich, räumlich, körperlich. Er reagiert nicht falsch, sondern anders. Der Doppelgänger wird so von einer visuellen Figur zu einem psychischen Ereignis. Er ist nicht einfach da, sondern wirkt – als Störung der eigenen Wahrnehmung. Damit wird Freuds Gedanke in die Gegenwart übersetzt: Das Unheimliche liegt nicht im Bild, sondern in der Erfahrung, sich selbst zu sehen, gleich, aber doch entfremdet.

Präsenz statt Abbild
In doppelgaenger:apparatus wird der Spiegel buchstäblich erweitert. Er ist nicht mehr Fläche, sondern Situation. Man steht im Raum, sieht die reale Umgebung – und darin sich selbst. Gleichzeitig. „Für uns ist es eindeutig eine Koexistenz“, sagt Leisi. Das klingt zunächst abstrakt, ist aber eine sehr konkrete Beobachtung. Denn das Gegenüber verhält sich nicht wie ein Bild. Menschen, die bei doppelgaenger:apparatus mitmachen, sprechen mit ihrem Doppelgänger, lachen, weichen zurück. Manche versuchen ihn zu berühren, andere halten Abstand. Es sind unmittelbare Reaktionen – nicht auf eine perfekte Simulation, sondern auf etwas, das als anwesend empfunden wird. Leisi fasst das so zusammen: „Leute nehmen das wirklich als Entität wahr, die da ist im selben physischen Raum.“ Diese Wirkung entsteht nicht trotz der technischen Grenzen, sondern gerade ihretwegen. Die digitalen Körper sind nicht perfekt. Sie sind fehlerhaft, manchmal verschoben, nie ganz deckungsgleich mit dem eigenen Empfinden. „Wir versuchen, das Imperfekte nicht als Problem zu sehen, welches es zu lösen gilt, sondern dieses als Teil der Erfahrung aufzunehmen“, sagt Leisi. Während grosse Techkonzerne an möglichst perfekten digitalen Menschen arbeiten, interessiert hier das Gegenteil: das Unfertige, der Kippmoment, die Irritation. 

Wer formt wen?
Während doppelgaenger:apparatus diese Verschiebung als unmittelbare Begegnung im Raum organisiert, verfolgt ein zweites Projekt aus dem Immersive Arts Space der ZHDK einen anderen Zugang. ReconFIGURE löst die direkte Konfrontation auf und verschiebt den Fokus hin zur Beobachtung – nicht mehr das Gegenüber steht im Zentrum, sondern das eigene Bild als Teil des Systems. Der eigene Körper erscheint hier in einem Projekt gemeinsam mit Doppelgängern der anderen Zuschauer, diese treiben, werden bewegt, wirken wie Objekte in einer Logik, die sich nicht mehr unmittelbar erschliesst. „Die Technologie stiehlt dir deine Identität“, sagt Chris Elvis Leisi. Gemeint ist damit kein abstrakter Gedanke, sondern ein konkreter Prozess. In dem Moment, in dem das System von reconFIGURE/doppelgänger:apparatus innert weniger Sekunden aus einem frontalen Bild einer Person ein dreidimensionales Modell von dieser erzeugt, trifft es Unsichtbare Entscheidungen: [JK4.1][LCE4.2]. Es ergänzt fehlende Informationen, glättet Übergänge, interpretiert Proportionen, setzt Bewegungen. Das Ergebnis ist nicht einfach eine Kopie, sondern eine konstruierte Version des eigenen Körpers. Diese Version basiert auf Datensätzen, auf Trainingslogiken, auf Annahmen darüber, wie ein Körper auszusehen hat. Sie ist geprägt von dem, was das System kennt – und von dem, was es nicht kennt.
Identität erscheint hier nicht mehr als etwas, das man besitzt, sondern als etwas, das generiert wird. Genau darin liegt die Verschiebung, die Leisi beschreibt: Nicht wir formen das Bild – das Bild beginnt, uns zu formen. Denn die Frage, wer hier wen formt, stellt sich längst nicht mehr nur im Ausstellungsraum. Digitale Bilder entstehen permanent – in sozialen Netzwerken, in Games, in KI-Systemen. Sie werden generiert, gefiltert, optimiert. Und sie entziehen sich oft der direkten Kontrolle. „Es ist unglaublich wichtig, dass man die Kontrolle nicht abgibt [JK5.1]“, sagt Leisi.  Gleichzeitig zeigen die Arbeiten, wie fragil diese Kontrolle geworden ist.
Die beiden Werke aus dem Immersive Arts Space wollen keine konkreten Antworten liefern, sondern verschieben den Blickwinkel. Sie zeigen nicht, wie gut Technologie funktioniert, sondern wo sie beginnt, uns zu verändern. Der digitale Doppelgänger ist dabei kein futuristisches Szenario mehr, sondern längst Teil unseres Alltags – in Profilbildern, Avataren, generierten Gesichtern, optimierten Selbstentwürfen. Was im Immersive Arts Space sichtbar wird, ist nur die zugespitzte Form dessen, was ausserhalb längst geschieht.

„Es ist sehr wichtig, dass wir die Kontrolle behalten“ [JK6.1], sagt Chris Elvis Leisi. Und doch machen seine Arbeiten spürbar, wie brüchig genau diese Kontrolle geworden ist. Vielleicht ist das der Punkt, an dem sich die Frage verschiebt. Sie lautet nicht mehr: Wie genau bildet die Technologie uns ab? Sondern: Wie weit sind wir bereit, uns von ihr definieren zu lassen? Sigmund Freud beschreibt das Unheimliche als etwas, das uns deshalb trifft, weil es uns zu nahekommt – weil es etwas berührt, das wir zu kennen glauben. In der digitalen Gegenwart bekommt dieser Gedanke eine neue Schärfe. Denn der Spiegel ist nicht verschwunden. Er ist nur komplexer geworden. Und vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem es sich lohnt, genauer hinzusehen – bevor das Bild beginnt, endgültig zurückzublicken.

© Immersive Arts Space/ZHDK

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