beats, glitter & glitch

Einmal im Jahr verwandelt sich Zürich in ein pulsierendes Labor für Begegnungen: zwischen Beats und Bekenntnissen, Körpern und Kostümen, Sehnsucht und Selbstinszenierung. Die Street Parade ist ein gesellschaftliches Manifest. Wer verstehen will, warum ausgerechnet diese Parade zum Rückgrat einer offenen Gesellschaft geworden ist, muss tiefer eintauchen. Zwischen Glitzer, Glitch und Gesellschaftspolitik.

Zürich, Anfang der 90er: Eine Stadt wie ein Businesslunch bei Hiltl – gesund, geregelt, ein bisschen langweilig. Wer anders ticken wollte, musste das meist im Verborgenen tun: Clubs in Industriehallen, Subkultur im Schatten. Doch dann kam Techno. Und mit ihm: die Street Parade. Was heute als grösstes Technofestival der Welt firmiert, begann 1992 als leuchtender Zwischenruf im Schweizer Mittelmass. Eine öffentliche Liebeserklärung an das Leben, an Toleranz und an elektronische Musik. Marek Krynski, ein Mathematikstudent, meldete bei der Stadtpolizei Zürich eine „Demonstration für Liebe, Friede, Freiheit, Grosszügigkeit und Toleranz“ an – und bekam zur allgemeinen Verblüffung die Bewilligung. Der Rest ist Geschichte. Und die hat es in sich.

Von der Bahnhofstrasse ins kollektive Bewusstsein
Die erste Parade schlängelte sich über die Bahnhofstrasse – auf einem der Lovemobiles ging mitten im Umzug der Strom aus, was dem Vibe keinen Abbruch tat. Die Polizei war irritiert, die Passanten überrascht, die Hausbesetzerszene wütend (ihre Demo war verboten worden). Aber vor allem war etwas spürbar in der Luft: Hier brodelte etwas, das nicht mehr verschwinden würde. „Man wollte ganz einfach den Untergrund an die Oberfläche hieven“, sagt Stefan Epli, langjähriger Pressesprecher der Street Parade. „Der ursprüngliche Spirit war stark von der Acid-House- und Rave-Kultur geprägt, die damals in Europa Fahrt aufnahm. Es ging um Freiheit, Individualität – und darum, das graue Zürich endlich farbig zu machen.“ Und farbig wurde es. Bereits 1993 zog die Parade 10  000 Menschen an, mit Dr. Motte und Sven Väth auf dem Line-up. Ein Jahr später wollte Zürichs Polizeivorstand Robert Neukomm dem bunten Treiben den Stecker ziehen. Zu laut, zu gross, zu schräg – also all das, was Zürich bis dahin nicht sein wollte. Doch der Versuch scheiterte am öffentlichen Aufschrei. Das Verbot wurde gekippt, und 1994 wurde zu einem Fanal der Subkultur: 40  000 Raver, politische Statements, kollektiver Schulterschluss – und ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass die Street Parade mehr war als eine Party. „Die Parade war von Anfang an auch ein politisches Statement“, betont Epli. „Und das ist sie bis heute. Nicht parteipolitisch – aber gesellschaftspolitisch. Für Offenheit, Toleranz, Freude am Leben. Für ein Miteinander jenseits der Kategorien.“

Die Grosswerden-Jahre: Wachstumsschmerzen inklusive
In den Folgejahren explodierte die Parade. 1995: 120  000 Teilnehmende. 1996: 350  000. Ab 2000 dann das ganz grosse Kaliber: eine Million Menschen, ausgelassene Stimmung, internationale Aufmerksamkeit. Zürich rückte ins Zentrum der elektronischen Weltkultur. Und die Street Parade wurde – mit allen Konsequenzen – erwachsen. „Mit dem Wachstum kamen neue Herausforderungen“, sagt Epli. Infrastruktur, Sicherheit, Crowd-Management, Müll. 2003 bei 37 Grad Hitze? Eine logistische Höllenfahrt. 2023 mit 920  000 Besuchenden und Bundespräsident Alain Berset auf dem Love Mobile? Ein staatstragender Rave. „Die Zusammenarbeit mit der Stadt hat sich stark verändert“, erzählt Epli. „Was früher Misstrauen war, ist heute Partnerschaft.“ Zürich, das einst die Parade verbieten wollte, lädt heute Politikerinnen und Politiker zur Führung durchs Getümmel. Seit 2010 wird nachhaltiger gefeiert: Mülltrennung, Ökostrom, 5G für bargeldlose Zahlungen, Elektrotrucks. Die Street Parade ist längst mehr als ein Rausch: Sie ist ein ökologisch-politisches Experimentierfeld.

Laufsteg der Befreiung
Doch neben aller Organisation bleibt die Street Parade ein einziges, atemloses Happening der Selbstdarstellung. Hier tanzt die Exzentrik durch die Strassen. Männer in hautengen Glitzeranzügen, Dragqueens auf Plateau-Stilettos, Cyberpunks mit Leuchtschläuchen im Gesicht. Flügel, Latex, LED-Wimpern. Es ist ein Ort, an dem Körper inszeniert, Rollen dekonstruiert, Normen pulverisiert werden. „Die Street Parade war schon immer auch ein Laufsteg der Befreiung“, meint Stefan Epli. „Wer hier tanzt, inszeniert sich selbst – und genau das ist Teil des Spirits. Es geht um Sichtbarkeit, um Spiel, um das Überwinden von Normen.“ Was für manche aussieht wie ein schriller Maskenball, ist für andere eine seltene Möglichkeit, sich zu zeigen, wie sie sind – oder sein wollen. Zwischen Extase und Empowerment, Hedonismus und Haltung ist jeder Look eine politische Geste. Kein Wunder, dass hier Diversität nicht nur geduldet, sondern gefeiert wird.
Bei aller Euphorie bleibt die Parade nicht frei von Kritik. Zu gross, zu laut, zu kommerziell – so lauten die Vorwürfe, die regelmässig aus der alternativen Clubszene und von der sogenannten Antiparade zu hören sind. Auch das Sponsoring – von Techmarken bis Energydrinks – wird als Gefahr für die Authentizität gesehen. Epli kennt die Diskussion: „Natürlich verändert sich ein Anlass mit der Grösse. Aber wir versuchen, ein Gleichgewicht zu halten. Wir sind ein Verein, kein Konzern. Wir legen Wert auf ein glaubwürdiges Line-up, auf lokale Verankerung. Und: Der Eintritt bleibt frei. Für alle.“ Tatsächlich ist die Finanzierung ein fragiles Puzzle: Sponsoren, Merchandising, Gastroverträge. Aber der Spirit soll nicht verkauft werden. Kein VIP-Ticket, kein Backstage, All Access – alle tanzen auf der gleichen Strasse. Und genau das unterscheidet die Parade noch immer von vielen anderen Grossveranstaltungen.

Highlights, Höhenflüge, Herzmomente
Musikalisch hat sich die Parade stetig weiterentwickelt. Was als monotone Basslandschaft begann, ist heute ein komplexes Panorama aus Subgenres. „Melodic Techno, Hard Techno, Afro House, Future Rave – die Vielfalt ist enorm“, sagt Epli. „Und wir achten darauf, dass wir sowohl internationale Headliner als auch lokale Talente präsentieren.“ In den vergangenen Jahren waren es Labels wie Elrow, Ants oder Katermukke, die das Spektakel auch visuell aufgeladen haben. Riesige Bühnenbilder, Stelzenläufer, Konfettistürme, performative Installationen – kurz: ein urbaner Karneval, ein technoider Traum in Neon und Nebel. Es falle schwer, einzelne Street Parades herauszupicken – zu gross sei die Flut an Erinnerungen, Eindrücken, Ausrufezeichen. Und doch: „2023 war sicher ein Meilenstein“, sagt Epli. „Nicht nur wegen des hohen Besuchsaufkommens, sondern weil mit Alain Berset erstmals ein Bundesrat auf einem Love Mobile mitgefeiert hat. Das war ein starkes Zeichen.“
Weitere Höhepunkte? 2011 die emotionale Schweigeminute für die Opfer der Love Parade in Duisburg. 2018 das Feuerwerk auf dem Sechseläutenplatz. 2022 das furiose Comeback nach der Pandemie. Und natürlich: das legendäre 25-Jahr-
Jubiläum 2016, bei dem die allererste Parade nochmals inszeniert wurde – mit Floppy Disks, Sonnenblumen und DJ Dr. Motte persönlich. „Jede Parade hat ihre Geschichte, ihr eigenes Wetter, ihre besonderen Menschen“, so Epli. „Schon am frühen Morgen liegt eine besondere Spannung in der Luft. Es ist wie ein kollektives Kribbeln.“

Die Street Parade als Seismograf unserer Zeit

Für 2025 erwartet Zürich erneut ein rauschendes Fest mit über 200 DJs, 30 Love Mobiles. Der Fokus: Freude, Vielfalt, Sicherheit. Nachhaltigkeit wird weiter ausgebaut. Elektrozüge, digitale Optimierung, besseres Abfallmanagement. „Und das Wetter haben wir natürlich auch schon bestellt“, sagt Epli – augenzwinkernd. Wird die Parade noch grösser? „Nein“, meint Stefan Epli. „Die Millionengrenze ist nicht das Ziel. Viel wichtiger ist, dass alle Freude haben. Die Street Parade ist keine Show, bei der man zuschaut, sondern ein Event zum Mitmachen.“
Was als subkulturelle Tanzdemo begann, ist heute ein emotionales, visuelles und gesellschaftliches Gesamtkunstwerk. Die Parade spiegelt den Wandel Zürichs – von der Ordnung zur Offenheit, von der Angst vor dem anderen zur Feier der Vielfalt. Und dabei bleibt sie sich treu. „Ich wünsche mir, dass die Street Parade auch in Zukunft ein Raum bleibt, in dem Menschen sich frei ausdrücken können – und sich gegenseitig respektieren“, sagt Epli. Ein Ort, an dem sich Fremde begegnen, gesellschaftliche Masken fallen – und der Rhythmus verbindet, was sonst getrennt bleibt.  Die Street Parade ist eine Haltung. Ein Versprechen wie ein Bass, der weit über den letzten Beat hinaus nachhallt.

© zvg

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