Neubeginn im Historischen

Lesser Town Square, die St. Nikolaus-Kirche, Sala Terrena, der Waldstein-Palast mit Gärten und der Prager Burg – der Genius Loci der Kleinseite pulsiert bei jedem unserer Schritte. Geschichte atmet aus jeder Strasse, jedem Eingang, jedem Innenhof und jeder Schicht, die sich hier offenbart. Die Aufgabe der Architekten von Formafatal war umso reizvoller – und zugleich fordernder –, Neues, Beständiges und Schicksalhaftes einzufügen, ohne den historischen Atem zu übergehen.

Die Aufgabe des Architekten – Respekt vor der Geschichte
Die Architektenarbeit wird hier zur einer feinen Balance: Etwas Neues zu setzen, das dauerhaft wirkt, während man den historischen Kontext respektiert. Wir hören der Geschichte zu und ergänzen sie mit Zurückhaltung und Detailgenauigkeit. Modern gestalten, dabei die Vergangenheit bewahren.

Cinderella – eine Liberationsgeschichte
„Unser Haus ist wie eine Cinderella zwischen den grossen Palästen der Kleinseite und wartet auf seine Befreiung.“, waren die Worte der Bauherrschaft. Das Haus, verborgen zwischen den Prachtbauten, ersehnte einen Neubeginn und frischen Atem. So wurde das Projekt Cinderella benannt. Die Geschichte des VII. Hauses liess uns das Vorhaben als künstlerisches Werk denken: Wir rücken das Objekt und seine Einzigartigkeit in den Vordergrund, hören auf seine Geschichte und ergänzen sie mit Feinheiten.

Materialität und Architektursprache – Tradition trifft Gegenwart
Die Architektur des Hauses wird betont, traditionelle Naturmaterialien kehren zurück – sowohl in tradierten als auch metaphorischen Formen. Unwiederbringliche historische Bauteile werden hervorgehoben. Die Geschichte atmet durch uns. Die Holzbalken, die für den Bau des Hauses verwendet wurden, kamen vor über 200 Jahren über die Moldau nach Prag; 16. Jahrhundert-Baumächte erzählen von Jahrhunderten, an denen die Zimmerleute ihre Zeichen setzten.

Ein Bild auf Zeit – Moderne Ergänzungen im Einklang mit dem Bestand
Das Gesamtkonzept wird durch moderne Elemente und Kompositionen vervollständigt, damit der imagined magische Faden, der sich durch ganz Kleinseite zieht, nicht an den Toren des Hauses endet, sondern nahtlos durch Raum und Zeit weiterführt. Gelegentlich funkelt er auf und lässt die heutige Bewohnerinnen und Bewohner eine Verbindung zur reichen Geschichte des alten Prag spüren.

Nutzflächen und Raumstruktur – Luxus im Bestand
Der Auftraggeber wünschte luxuriöse Wohnungen im bestehenden Galeriebau nach heutigen Wohnstandards. Die Entwürfe für neue Grundrisse wurden gemeinsam mit dem Auftraggeber und Beratern der Immobilienagentur bewertet. Nach vielen Varianten standen drei Wohnungen auf einer üblichen Etage im Fokus. Die finale Lösung setzte sich aus drei Einheiten pro Stockwerk zusammen.

Umgang mit Bestand – behutsame Interventionen
Die Inspiration für das Gesamtkonzept kam aus dem Haus selbst, seinem Charme und seiner Geschichte. Wir mussten die bestehenden Strukturen behutsam behandeln: Manche Bereiche waren vom Denkmalschutz her unveräusserlich. Genau diese Bereiche nutzten wir so, dass sie dem Haus seinen unverwechselbaren Charme weitergeben. Neu zu errichtende Bauteile sollten sich optisch in das Haus einfügen, ohne ihre Zugehörigkeit zu verschweigen.

Detailkunst – Türen, Fassadenrahmen, Beleuchtung
In den neu geschaffenen Trennwänden wurden moderne Türen mit verdeckten Zargen installiert, die die volle Höhe des Bodens überspannen. Um den lokalen Raumhöhe-Abfall für die Technikinstallationen zu nutzen, führten wir ihn als gypsum fabion durch alle Wohnungen und schufen so ein feines Detail – ähnlich dem Original in den vorhandenen Wohnungen. Ähnliche Feinheiten setzten wir bei individuell gefertigten Sandsteinrahmen der wichtigsten Türen, dem arbeitstäuschenden Steinwaschbecken-Tisch und weiteren Details. Die Beleuchtung im Flur oder im zweiten Schlafzimmer wird oft durch Einlagen aus individuellem „Eisglas“ von Künstler Pavel Baxa veredelt.

Licht und Atmosphären – astrale Anklänge im Seventh House
Die astrale und möglicherweise alchemistische Atmosphäre des Hauses, die sich im offiziellen Projektnamen Seventh House widerspiegelt, begegnet einem selbst beim Durchwandern der Haustreppe. Die Treppenhausbeleuchtung in ihrer Form erinnert an kugelförmige Himmelskörper, deren Bahnen auf massgefertigten Deckeln für Hydranten abgebildet sind. Der runde Holzzug mit integrierter Beleuchtung erinnert an den Lichtlauf eines vorbeischiessenden Meteorits – oder symbolisiert die Zeitlinie, die von tiefer Geschichte bis in die Gegenwart reicht. Der verfluchte Stuck an den Treppenwandlinien deutet darauf hin, dass auch heutige Handwerker noch im Geist der alten Meister arbeiten. Die Atmosphäre vergangener Jahrhunderte wird weiter durch massgefertigte Beleuchtung aus patiniertem Messing sowie Briefkästen aus demselben Material verstärkt.

Der Charakter der Cinderella – Neubeginn mit Geschichte
Cinderella markiert den Auftakt eines neuen Lebensabschnitts für das historische Kleinseitner Haus – eine harmonische Verschmelzung von Geschichte und Gegenwart, die Leichtigkeit, Luxus und Respekt gleichermassen vermittelt.

Text: Formafatal

©BoysPlayNice

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