Drei hölzerne Langhäuser, ein Hof und eine klare räumliche Dramaturgie: Das neue Clubhaus des Golfclubs Interlaken-Unterseen entwickelt seine Architektur aus der Landschaft heraus und übersetzt regionale Bautypologien in eine zeitgenössische, zurückhaltende Form.
Wer sich dem Golfclub Interlaken-Unterseen nähert, erlebt zunächst mehr Naturraum als Architektur. Markante Baumreihen und dichte Hecken bilden einen grünen Korridor, der den Blick noch einen Moment zurückhält. Dann öffnet sich das Gelände, auf dem seit über sechzig Jahren Golf gespielt wird. Herüber schimmert der Thunersee – mal silbern, mal bleigrau, je nach Tageszeit und Laune des Wetters. Im Süden erhebt sich der Niesen, jener markante Pyramidenberg, der das Berner Oberland wie eine stille Signatur begleitet. Die Anlage liegt an einer besonders sensiblen Schnittstelle zwischen Kulturland und Schutzgebiet. Unmittelbar westlich beginnt die Weissenau – ein Feuchtgebiet von ausserordentlicher ökologischer Bedeutung, als Objekt von nationaler Bedeutung inventarisiert. Die Ebene, mit Golfanlage und Schutzgebiet nebeneinander, ist selbst ein geologisches Zeugnis. Sie entstand nicht durch die Aare, sondern durch die Schuttkegel von Lombach und Lütschine, die nach der letzten Eiszeit den ehemaligen Alpenrandsee in zwei Becken teilten – Thunersee und Brienzersee – und dazwischen das Bödeli aufschütteten. Ein Terrain, das gewissermassen aus dem Gebirge herausgespült wurde: flach, offen und von einer Weiträumigkeit, die den Blick nach allen Seiten freigibt. Die heutige Anlage ist das Ergebnis mehrerer Entwicklungsschichten. In den 1960er-Jahren wurde hier Landwirtschafts- und Moorland nach Plänen des deutschen Golfarchitekten Bernhard von Limburger in eine parkartige Spiellandschaft überführt – mit Birkenreihen zwischen den Fairways und grosszügigen Grünräumen. Zwischen 1996 und 2005 folgte eine umfassende ökologische Aufwertung: Weiher, Gebüschgruppen, Riedflächen und Fischlaichplätze ergänzen seither das benachbarte Moorbiotop und verknüpfen die Golfanlage eng mit den ökologischen Strukturen der Umgebung. Das rund 60 Hektar grosse Areal zwischen Thuner- und Brienzersee öffnet sich über die Spielflächen hinweg zur Niesenkette und zur Bergwelt des Berner Oberlands. In dieser besonderen Konstellation wird die Anlage zu mehr als einer Sportinfrastruktur – sie ist Teil einer grösseren räumlichen Ordnung, in der Freizeitnutzung, Naturschutz und alpine Topografie auf bemerkenswerte Weise zusammenfinden. Kontext und Geschichte Golf wird am westlichen Rand von Interlaken seit Mitte der 1960er-Jahre gespielt. Die bauliche Infrastruktur entwickelte sich über mehrere Jahrzehnte schrittweise. Eine erste Garderobenanlage entstand 1976, gefolgt von der sogenannten Wägelihalle für die Golfcarts im Jahr 1984. Das Clubhaus selbst wurde 1994 errichtet. Mit den Jahren erwiesen sich diese Bauten jedoch sowohl funktional als auch energetisch als überholt.
Gleichzeitig veränderten sich die Anforderungen des Clubbetriebs: Die Wägelihalle platzte aus allen Nähten, der Stauraum für Golfausrüstung reichte längst nicht mehr aus, und auch der Gesamtauftritt des Clubs entsprach nicht mehr den Erwartungen an eine Anlage in dieser aussergewöhnlichen Lage. Der Golfplatz wurde bereits früher grundlegend erneuert: Zum 50-jährigen Jubiläum im Jahr 2005 gestaltete der schottische Golfarchitekt John Chilver-Stainer Greens und Abschlagplätze neu und gab der Anlage ihre heutige Gestalt. Vor diesem Hintergrund schrieb der Golfclub 2016 einen Architekturwettbewerb für die Erneuerung der Gebäudeanlage aus. Acht eingeladene Büros aus dem Kanton Bern entwickelten Vorschläge für eine zeitgemässe Infrastruktur. Der Wettbewerb liess sowohl eine Sanierung des Bestandes als auch einen vollständigen Ersatz offen.
Ein Wettbewerb, ein Lokalmatador, ein langer Weg Den Zuschlag erhielt das Unterseener Büro L2A Architekten, dessen Vorschlag die Jury insbesondere durch die klare Setzung der Baukörper, die Ausbildung einer Hofanlage sowie die zeitlose Interpretation regionaler Bautypologien überzeugte. Gelobt wurde die Balance zwischen «moderater architektonischer Eleganz und hoher Funktionalität», die Aufwertung der Aussenräume und das Versprechen eines Ambientes, das den Golfclub würdig repräsentiere. Das Ensemble sei ein «selbstverständlicher wie auch selbstbewusster Teil des Landschaftsraums mit hohem Identitätspotenzial». Zwischen Wettbewerbsentscheid und Fertigstellung lag ein ungewöhnlich langer Planungs- und Realisierungsprozess von beinahe zehn Jahren. In dieser Zeit wurden Anforderungen präzisiert, Budgets angepasst und Nutzungsfragen weiterentwickelt. Bauherrschaft war kein klassischer Investor, sondern ein Bauausschuss aus Mitgliedern des Golfclubs selbst – Vertreter der Mitgliedschaft –, der Planung und Umsetzung eng begleitete und unterschiedliche Perspektiven in den Prozess einbrachte. Die Architektur musste daher nicht nur funktional überzeugen, sondern auch innerhalb eines gemeinschaftlichen Entscheidungsprozesses entstehen. «Viele Köche haben viele Ideen», sagen die Architekten lakonisch. Was jedoch blieb, trotz aller Diskussionen, war die ursprüngliche Idee – und die war von Anfang an klar. Räumliche Dramaturgie: vom Parkplatz in den Hof Der Entwurf versteht sich nicht als isolierter Neubau, sondern als präzise Weiterentwicklung der bestehenden Situation. Der Standort des Clubhauses war planungsrechtlich eng definiert: Die geltende Überbauungsordnung von 1992 legte den Bearbeitungsperimeter fest, und der Fussabdruck der bestehenden Gebäude durfte nicht vergrössert werden. Wo immer möglich sollten bestehende Bodenplatten und Pfählungen weiterverwendet werden. Diese Rahmenbedingungen wurden nicht als Einschränkung verstanden, sondern als Ausgangspunkt der architektonischen Entwicklung. Der Weg zum Clubhaus folgt einer klar inszenierten Abfolge von Räumen. Von der Strasse führt die Zufahrt zunächst durch eine Reihe von Bäumen zum Parkplatz. Dessen leicht gedrehte Geometrie reagiert auf die Setzung der Gebäude: Sie ermöglicht eine Erweiterung auf 158 Stellplätze, schafft Orientierung beim Ankommen und führt zugleich zu einer präzise gefassten Eingangssituation. Von hier aus tritt das Clubhaus erstmals als architektonische Präsenz in Erscheinung – nicht mit einer repräsentativen Hauptfassade, sondern in Form einer gassenartigen Passage.
Die Wägelihalle bildet zum Parkplatz hin einen Rücken; die übrigen Gebäude sind so angeordnet, dass der Besucher durch diese Passage in den Hof geführt wird. Erst hier entfaltet sich das Ensemble vollständig. Man betritt einen grosszügig proportionierten Hofraum und erfasst unmittelbar die gesamte Organisation der Anlage: links die Vorhalle mit Reception, geradeaus das Restaurant, rechts die Wägelihalle. Drei schattenspendende Bäume strukturieren den Platz, verleihen ihm eine atmosphärische Qualität und machen ihn zu einem lebendigen Treffpunkt für Mitglieder und Gäste – ebenso wie zu einem Ort für Veranstaltungen und sommerliche Anlässe. Nach Osten öffnet sich der Hof zur Parklandschaft des Golfplatzes – und dahinter zur eindrucksvollen Bergkulisse. Der Innenhof wird so zum räumlichen Scharnier der Anlage: zwischen Ankommen und Aufbrechen, zwischen Innen und Aussen, zwischen Clubleben und Landschaft. Ergänzt wird diese Ausrichtung durch die Restaurantterrasse auf der Südseite, die sich zum Park hin öffnet und den Aufenthalt fliessend ins Freie erweitert. Drei Langhäuser – eine typologische Idee Im Zentrum des Projekts steht ein Ensemble aus drei gestaffelten Langhäusern. Zwei dieser Baukörper sind miteinander verbunden und bilden gemeinsam den Haupttrakt, während ein dritter, freistehender Bau die Anlage als Wägelihalle ergänzt. Die architektonische Setzung folgt einer klaren typologischen Idee: Mit ihren markanten Satteldächern erinnern die Gebäude an archetypische Langhäuser, wie sie in der Kulturlandschaft des Berner Oberlands häufig anzutreffen sind. Inspiration fanden die Architekten in landwirtschaftlichen Hofanlagen und traditionellen Holzbauten der Region. Diese Referenzen werden jedoch nicht historisierend übernommen, sondern in eine zeitgenössische Architektur übersetzt. Die drei Häuser folgen einer gemeinsamen Grundregel – in Proportion, Dachform und konstruktiver Struktur –, unterscheiden sich jedoch in Dimension und Ausformulierung. Gerade diese Balance zwischen Einheit und Differenz prägt die Wirkung des Ensembles. Die Baukörper erscheinen verwandt, ohne uniform zu sein. Ihre Staffelung erzeugt ein differenziertes räumliches Gefüge, das den Hof fasst und zugleich vielfältige Blickbezüge zur Landschaft eröffnet. Die Satteldächer entwickeln dabei eine rhythmisierte Dachlandschaft, die die einzelnen Volumen miteinander verbindet. Zwischen den Gebäuden entstehen Sichtachsen und Durchblicke, die den Blick in die Landschaft lenken – die Architektur bleibt dadurch durchlässig und leicht. Das äussere Erscheinungsbild ist geprägt von einer ruhigen, konstruktiv entwickelten Architektur. Fassaden und Tragstruktur stehen in enger Beziehung zueinander: Die rhythmische Gliederung der Fassaden spiegelt die konstruktive Ordnung der Gebäude wider und verleiht den Volumen eine präzise Tektonik. Feingliedrige Vertikalgliederungen, horizontal gegliederte Deckenstirnen und ein sorgfältig austariertes Verhältnis von Wand- und Öffnungsanteil prägen das Fassadenbild. Das Fassadenthema variiert zwischen Clubhaus und Wägelihalle; die Gebäude lassen sich als Mitglieder einer gemeinsamen Familie lesen, ohne identisch zu sein. Massstäblichkeit bleibt dabei das entscheidende Prinzip – die Häuser fügen sich in die Parklandschaft ein, ohne sich ihr unterzuordnen. Holz, Stein, Lehm – eine Materialsyntax des Ortes Die Wahl von Holz als primärem Baumaterial war von Beginn an gesetzt – nicht primär aus ökologischen Gründen, betonen die Architekten, sondern aus typologischer Überlegung.
Das archetypische Langhaus in der Parklandschaft, die Referenz an landwirtschaftliche Gebäude der Region: Diese Bilder verlangen nach Holz. Es ist der Baustoff der alpinen Kulturlandschaft des Berner Oberlands – vertraut, robust und zugleich präzise formbar. Zugleich ermöglicht er jenen feingliedrigen Ausdruck, den die Architekten für das Ensemble suchten. Tragstruktur, Fassaden und grosse Teile des Innenausbaus bestehen aus Holz und prägen so eine einheitliche architektonische Sprache. Ergänzt wird diese Konstruktion durch einen Steinboden – im Aussenraum als Pflasterbelag –, durch Lehmputz auf ausgewählten Wandflächen sowie durch ein Solardach als energetische Komponente. Die Dachflächen sind mit Solarmodulen ausgestattet, die einen Teil der benötigten Energie direkt vor Ort erzeugen. Ihre Integration bleibt zurückhaltend und folgt der klaren Geometrie der Satteldächer. Auch die Betriebslogik des Clubs – mit einem überwiegend saisonalen Betrieb und einem ganzjährig geöffneten Restaurant – sowie die Anforderungen an Energieeffizienz prägten das Projekt. Sie wurden jedoch so umgesetzt, dass der architektonische Ausdruck der Anlage unangetastet bleibt. Raumsequenzen zwischen Weite und Geborgenheit Im Inneren setzt sich die Klarheit des Entwurfs fort. Die Organisation der Grundrisse folgt bewusst der Perspektive der Besucherinnen und Besucher: Vom Innenhof gelangt man in ein zweigeschossiges Foyer, das als zentraler Verteilerraum dient. Von hier aus werden sämtliche Bereiche erschlossen – ein optimiertes Verhältnis von Nutz- und Erschliessungsflächen, das sich direkt aus dem Grundrisskonzept ergibt. Eine offene Balustrade im Obergeschoss schafft räumliche Bezüge zwischen den Ebenen und ermöglicht Orientierung auf einen Blick. Je öffentlicher ein Bereich ist, desto näher liegt er am Ankommen und am Aussenraum; Nebenräume und interne Büros sind im Obergeschoss angeordnet. Die Raumabfolge arbeitet bewusst mit Kontrasten. Hohe Räume – bis zu acht Meter unter dem Dach – wechseln mit niedrigeren, intimeren Zonen. Foyer und Restaurant sind zweigeschossig und lichtdurchflutet; der Blick reicht bis in die Baumkronen der umliegenden Parklandschaft. Bar und Shop hingegen sind bewusst niedriger gehalten, ruhiger und zurückgezogener – eine räumliche Spannung, die den Weg durch das Haus abwechslungsreich macht. Grosszügige Verglasungen öffnen Restaurant und Aufenthaltsbereiche zur Landschaft. Im oberen Bereich filtern feine Holzgitter das Licht, übernehmen zugleich den Sonnenschutz und erzeugen im Inneren eine Atmosphäre, die an das Sitzen zwischen den Baumkronen erinnert. Die Raumfolge vom Eingang diagonal zur Bar, weiter zur Lounge und schliesslich zum bis unter das Dach reichenden Restaurant bezeichnete das Preisgericht als «sehr schön gelöst». Der Gastraum profitiert dabei von mehreren Ausrichtungen zugleich: zum Hof, zur offenen Parklandschaft und zum Golfplatz. Von den Tischen aus schweift der Blick über Wiesenflächen und Baumgruppen bis hin zur Bergkulisse – Innenraum und Landschaft treten so in einen direkten Dialog. Auch das Interieur ist sorgfältig abgestimmt. Wände und Decken sind in Holz ausgeführt; sichtbare Holzjoche gliedern die Räume und lassen erkennen, in welchem der Häuser man sich befindet. In den öffentlichen Bereichen bildet ein geschliffener Zementboden die robuste Grundlage. Die prägende Kaminwand im Restaurant ist mit grobem Schalldämmputz versehen – ein bewusst rustikaler Akzent, der dem Raum Charakter verleiht.
Verputzte Wandflächen in einem lehmartigen Farbton ergänzen die Materialpalette. Mobiliar und Vorhänge runden das Konzept ab. Die Tragstruktur bleibt vielerorts sichtbar und macht die konstruktive Logik des Hauses unmittelbar erfahrbar: Struktur, Raum und Erscheinung greifen hier ineinander. Die Wägelihalle: Low-Tech trifft neue Anforderungen Die Wägelihalle nimmt innerhalb des Ensembles eine besondere Rolle ein. Sie liegt am Rand der Anlage, bildet den baulichen Rücken zum Parkplatz und schirmt den Hof gegenüber der Infrastruktur der Ankunft ab. Im Wettbewerb war sie noch als konsequentes Low-Tech-Gebäude gedacht – ein reiner Holzbau mit minimaler Technik. Im Laufe der Planung veränderte sich dieser Teil der Anlage am stärksten: Heute beherbergt die Halle eine Garage, ein Akku-Lager und eine Waschstation; die Anforderungen an Abstellplätze und Schränke wurden mehrfach erweitert. In ihrer Grundgestalt blieb sie jedoch unverändert: ein nordseitiger Baukörper, der den Innenhof nach Westen abschliesst und sich – wie die gesamte Anlage – selbstverständlich in das räumliche Gefüge einfügt. Etwas abseits, aber gut erreichbar, liegt der Waschplatz; auch die Anlieferung ist präzise organisiert. Die Wägelihalle steht damit exemplarisch für das gesamte Projekt: Sie zeigt, was der lange Weg vom Wettbewerbsbeitrag bis zur Realisierung verlangte – Flexibilität im Detail und Beständigkeit in der architektonischen Haltung. Architektur als Teil der Landschaft Was bleibt, wenn man den Hof verlässt und sich dem Golfplatz zuwendet, ist das Gefühl einer gelungenen Selbstverständlichkeit. Die architektonische Wirkung entsteht nicht aus spektakulären Gesten, sondern aus der Präzision des Einfachen: Proportionen, Staffelungen und Materialität sind sorgfältig austariert. Die Gebäude wirken selbstverständlich und zugleich präzise gesetzt – als gehörten sie seit jeher zu diesem Ort. Sie stehen nicht als Objekt in der Umgebung, sondern sind Teil ihres räumlichen Gefüges. Das neue Clubhaus des Golfclubs Interlaken-Unterseen ist kein spektakulärer Solitär, sondern ein Ensemble, das den Ort ordnet und seine Qualitäten sichtbar macht. Der Weg vom Parkplatz über den Hof in das Gebäude und weiter in die offene Parklandschaft wird zu einer räumlichen Erfahrung – ein Übergang zwischen gebauter Struktur und Natur, der Ankommen, Verweilen und Aufbrechen auf selbstverständliche Weise miteinander verbindet. Für L2A Architekten war das Projekt ein ungewöhnliches. Ein Golfclub gehört nicht zum alltäglichen Repertoire eines Architekturbüros; entsprechend viel musste erarbeitet und verstanden werden. Vielleicht lag genau darin ein Vorteil: ein Büro, das den Ort kennt, dort verwurzelt ist und die Landschaft schätzt – und das dennoch mit frischen Augen auf die Aufgabe blickte. Das Ergebnis ist eine Architektur, die auf das Einfache setzt und gerade darin eine stille Eleganz entwickelt.
Text: Lukas Bonauer
©Roland Trachsel Fotografie
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