Bestand. Bildung. Begegnung.

Was geschieht, wenn ein sakraler Raum seine ursprüngliche Nutzung verliert, seine räumliche Würde jedoch bewahren soll? In Zürich-Wipkingen wird diese Frage exemplarisch verhandelt: Die reformierte Kirche wird nun für die benachbarte Schule Waidhalde in einen Ort für Betreuung, Verpflegung, als Bibliothek und für gemeinschaftliche Nutzung umgebaut.

Das Siegerprojekt „Mise en scène“ von Vécsey Schmidt Architekt:innen antwortet auf den Schulraumbedarf nicht mit Verdichtung oder Provisorien, sondern mit einem präzisen Einbau in ein denkmalgeschütztes Kircheninneres. Statt den Raum zu überformen, liest der Entwurf die Kirche als vorhandene räumliche Ressource – und entwickelt daraus eine Architektur des Einbaus, der Reversibilität und der Zurückhaltung.

Eine Kirche sucht ihre Zukunft
Die reformierte Kirche Wipkingen ist eng mit der Entwicklung des Quartiers verbunden. Als sie 1909 nach Plänen von Jacques Kehrer auf einem Hang oberhalb der Limmat eingeweiht wurde, war Wipkingen ein wachsendes Zürcher Aussenquartier. Da die alte Kirche am Fluss den neuen Anforderungen nicht mehr genügte, reagierte der Neubau auf das Bevölkerungswachstum ebenso wie auf das Bedürfnis nach einem identitätsstiftenden Ort. Prominent auf einem ehemaligen Rebhang gesetzt, mit Bruchsteinfassade, markantem Turm und von Bäumen gerahmter Erschliessung, wurde der Bau zum sichtbaren Bezugspunkt im Quartier.
Heute haben sich die Voraussetzungen jedoch verschoben: Die Zahl der Gottesdienstbesucher:innen ist zurückgegangen, und kirchliche Räume werden vielerorts neu bewertet. Hingegen wächst in der Stadt Zürich der Bedarf an Schulraum. Seit 2019 wird die Kirche Wipkingen nicht mehr liturgisch genutzt; hingegen braucht die benachbarte Schulanlage Waidhalde zusätzliche Flächen für Betreuung, Verpflegung und gemeinschaftliche Nutzungen. Statt den Bau nun leer stehen zu lassen oder rein ökonomisch zu verwerten, entschieden sich die reformierte Kirchgemeinde Zürich und die Stadt für eine gemeinsame Strategie: die Umnutzung des Sakralbaus für schulische Zwecke.
Bemerkenswert ist diese Entscheidung vor allem deshalb, weil sie den denkmalgeschützten Bestand nicht als Hindernis, sondern als Ressource versteht. Auf den drängenden Bedarf an Schulraum wird nicht mit einem Neubau oder einem Pavillon im Aussenraum reagiert, sondern mit der Weiterverwendung eines bestehenden öffentlichen Gebäudes. Gleichzeitig soll die Kirche nicht in ein neutrales Raumgerüst übersetzt werden, sondern ihr atmosphärischer und städtebaulicher Wert ausdrücklich als Teil der Aufgabe erhalten bleiben.

Schulraum im Bestand
Der Hintergrund des Projekts ist ein akuter Mangel an Schulraum im Einzugsgebiet der Schule Waidhalde. Prognosen gehen bis Anfang der 2030er-Jahre von mehreren zusätzlichen Klassen aus. Und gerade in dicht bebauten Stadtteilen ist die Bereitstellung neuer Flächen zu einer planerischen Schlüsselfrage geworden – Umnutzungen, Aufstockungen und hybride Modelle müssen daher zur zentralen Strategie werden. Die Kirche Wipkingen bietet hierfür eine seltene Chance: Sie liegt direkt neben der Schule, ist räumlich grosszügig, verfügt über eine starke Präsenz im Quartier und war bereits ungenutzt. Mit der Umnutzung werden in der bestehenden Schulanlage Räume frei, ohne dass zusätzliche Pavillons in den Aussenraum gestellt werden müssen, sodass der Schulraumbedarf nicht nur quantitativ gelöst wird, sondern auch im Sinne des Quartiers: Freiflächen bleiben erhalten, bestehende Infrastruktur wird aktiviert, ein identitätsstiftendes Gebäude bleibt öffentlich zugänglich. Darin liegt gleichzeitig die grössere politische Bedeutung des Projekts: Es geht nicht nur um zusätzliche Quadratmeter für Mittagstisch und Betreuung, sondern um die Frage, welche Rolle bestehende öffentliche Gebäude in einer wachsenden Stadt künftig übernehmen können. Kirchen, Gemeindehäuser, Verwaltungsbauten oder ehemalige Industrieanlagen werden zunehmend zu Trägern neuer Programme. Die Kirche Wipkingen ist damit vor allem ein frühes Beispiel für eine Entwicklung, die Zürich und viele andere Städte in den kommenden Jahren stärker beschäftigen dürfte.

Sakralraum unter Schutz
Im Projektwettbewerb der Stadt Zürich konnte sich das Basler Büro Vécsey Schmidt Architekt:innen durchsetzen, das mit einer reversiblen und statisch unabhängigen Leichtbaustruktur überzeugen konnte. Dies ermöglicht in Zukunft einen rückstandslosen Rückbau und erhält zugleich die charakteristischen Raumqualitäten des Sakralbaus. Betritt man nun die Kirche Wipkingen, versteht man sowohl die Herausforderung der Nutzungsmischung als auch die Präsenz der Liturgie im Inneren. Der Bau ist kein neutraler Hohlraum, sondern ein stark codierter Innenraum mit liturgischer Ausrichtung, axialer Ordnung und klarer Hierarchie. Die Mittelachse führt zum Chor mit Abendmahltisch, Taufstein und Kanzel; darüber erhebt sich die Chorbühne mit der Orgel. In den seitlichen Kreuzarmen liegen Emporen, die Gewölbe sind mit Schablonenmalereien geschmückt, das Licht fällt in einem präzisen Zusammenspiel aus Fensteröffnungen und Raumtiefe ein. Damit war von Beginn an klar, dass eine konventionelle Umnutzung – etwa durch vollständige Unterteilung, neue Geschossebenen oder massive technische Eingriffe – nicht infrage kommt. Gefordert war eine Architektur, die mehrere, teils widersprüchliche Anforderungen zusammenführt: Denkmalschutz, Haustechnik, Brandschutz, Barrierefreiheit, schulische Funktionalität und räumliche Qualität. Gesucht war kein neutraler Innenausbau, sondern eine Lösung, die das Potenzial des Kirchenraums erkennt, ohne ihn zu negieren.

„Mise en scène“: Einbau statt Überschreibung
Der Titel „Mise en scène“ des Siegerprojekts von Vécsey Schmidt Architekt:innen ist präzise gewählt: Der Entwurf versteht die Kirche nicht als leere Hülle, die mit einem neuen Programm gefüllt werden muss, sondern als vorhandene Plattform, deren räumliche Qualitäten lesbar bleiben sollen. Der entscheidende Punkt liegt in der Haltung des Entwurfs. Er reagiert auf das Raumprogramm nicht mit maximaler Flächenausnutzung, sondern mit bewusster Beschränkung. Weniger beheiztes Volumen, weniger Material, weniger Überformung – dafür mehr räumliche Grosszügigkeit, mehr Lesbarkeit des Bestands und mehr Offenheit für künftige Nutzungen. Statt die gesamte Höhe des Kirchenschiffs zu besetzen oder den Raum mit mehreren Volumen zu verdichten, schlugen die Architekt:innen einen konzentrierten Eingriff vor. Sie fügten mittig einen Raumkörper aus Fichtenholz im Erdgeschoss ein, dessen Decke zugleich als begehbare Bühne im oberen Geschoss dient.
Im unteren Geschoss werden dabei jene Räume untergebracht, die für den schulischen Alltag beheizt und klar organisiert sein müssen – Bibliothek, Betreuung, Nebenräume und Verpflegungsbereiche. Darüber entsteht durch die begehbare Decke ein grosszügiger Raum, der sogenannte Sommersaal, unter den Gewölben: ein offenes Obergeschoss, das die räumliche Wucht des Kirchensaals nicht verstellt, sondern neu lesbar macht und dessen Funk-tion bewusst nicht fest vorgegeben ist. Die Schule gewinnt damit nicht nur zusätzliche Flächen, sondern einen aussergewöhnlichen Raum für Versammlungen, Aufführungen, informelle Begegnungen oder quartierbezogene Nutzungen. Die wenigen Möbelstücke – vorwiegend mit Stoff bezogene Hocker – wurden in ihrer Farbigkeit von den Wandgemälden abgeleitet.
Mehr Raum – vor allem für rollstuhlgerechte Sanitär- und Technikräume – wurde durch die Aneignung eines bestehenden Vordaches geschaffen, das mit zwei Steinmauern ausgefüllt wurde. Da die Dachschicht aufgrund ihres Zustandes nicht belassen werden konnte, wurden Teile des alten Kupferblechs genutzt, um die Tür des Anbaus zu beschlagen. Auch im Inneren der Kirche finden sich historische Attribute wieder: Beispielsweise wurden die Leuchten der Galerie abmontiert, aufgewertet und erneut rund um den Holzeinbau aufgehängt. Alte Kirchenbänke wurden teilweise als Sitzgelegenheit belassen, jedoch zum grössten Teil zum neuen Täfer umfunktioniert. So harmonieren hier nicht nur die Holztöne, sondern die Kirche erhält mit der neuen Verkleidung eine zusätzliche Wärmedämmung, gleichzeitig akustische Absorptionsflächen und eine Ebene, um Installationen versteckt führen zu können.

Holz als neue Schicht
Dass der Einbau in Holz gedacht ist, ist mehr als eine Materialentscheidung. Holz schafft im Inneren des steinernen Sakralbaus eine neue, klar erkennbare Schicht – warm, präzise, konstruktiv und zugleich zurückhaltend. Der Einbau versucht nicht, die Sprache des Bestands zu imitieren, sondern markiert vielmehr seine Gegenwart als eigenständiges Element und bleibt dadurch als Intervention lesbar. Diese Lesbarkeit ist für denkmalpflegerisch sensible Umbauten zentral: Neu und Alt sollen nicht verschmelzen, sondern in ein produktives Verhältnis treten. Gleichzeitig eignet sich Holz besonders für reversible Konstruktionen: Es kann trocken gefügt, präzise vorgefertigt und bei Bedarf wieder entfernt oder angepasst werden. In Wipkingen wird diese Reversibilität zum Leitprinzip. Die Intervention soll die zukünftige Entwicklung des Gebäudes nicht verbauen, sondern offenhalten. Auch darin liegt eine Qualität des Projekts, denn es behauptet nicht, die endgültige Antwort auf die Zukunft der Kirche zu liefern, sondern formuliert ein robustes Zwischenstadium – eines, das über die mindestens 15 gedachten Jahre funktionieren kann, ohne spätere Transformationen auszuschliessen. 

Zwischen Denkmal und Alltag
Eine der interessantesten Qualitäten des Projekts liegt ebenfalls darin, dass es den Gegensatz von Denkmal und Alltag auflöst. Kirchen werden in Umnutzungsdebatten häufig entweder als unantastbare Kulturräume oder als problematische Überhänge kirchlicher Infrastruktur behandelt. Wipkingen zeigt einen dritten Weg: das Denkmal als Gebrauchsraum. Künftig werden Kinder hier essen, lesen, lernen, sich treffen und betreut werden. Der Bau bleibt damit nicht wirkungsvoller Sonderraum, sondern wird wieder Teil des täglichen Lebens im Quartier.
Gerade diese Alltäglichkeit ist für die Zukunft vieler Sakralbauten entscheidend: Ein Gebäude bleibt nicht allein durch konservatorische Pflege lebendig, sondern durch Nutzung. Die Frage lautet daher nicht nur, wie viel vom historischen Bestand sichtbar bleibt, sondern auch, welche Formen des Lebens in ihm möglich werden. Dass der obere Raum unter den Gewölben zusätzlich Potenzial für Veranstaltungen jenseits des Schulalltags bietet, unterstreicht zugleich diese Qualität. Die Kirche könnte so zu einem hybriden Ort werden – tagsüber Teil der schulischen Infrastruktur, darüber hinaus aber auch Raum für das Quartier, für kulturelle Anlässe oder Versammlungen. In einer Zeit, in der viele öffentliche Gebäude monofunktional organisiert sind, eröffnet das Projekt die Perspektive auf einen gemeinschaftlich genutzten, programmatisch offenen Raum.

Ein Modellfall des Weiterbauens
Die Umnutzung der Kirche Wipkingen ist ein Zürcher Projekt, aber ihre Fragestellungen reichen weit darüber hinaus. Sie berührt zentrale Themen der gegenwärtigen Architektur: die Weiterverwendung von Bestandsbauten, die Transformation religiöser Infrastrukturen, die Suche nach Schulraum in wachsenden Städten, die Rolle reversibler Konstruktionen und die Frage, wie viel Vergangenheit in einer neuen Nutzung sichtbar bleiben soll. Dass die Antwort darauf nicht spektakulär, sondern zurückhaltend ausfällt, ist eine Stärke des Projekts. „Mise en scène“ setzt nicht auf ikonische Gesten oder bildstarke Kontraste, sondern auf eine präzise räumliche Setzung, die den Bestand ernst nimmt und das neue Programm mit möglichst wenig Mitteln integriert. Der Entwurf ist weder nostalgisch noch aggressiv zeitgenössisch. Er formuliert eine Gegenwartsschicht, die dem Bau erlaubt weiterzuleben. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Qualität des Projekts: Es erzählt die Kirche Wipkingen weiter, statt sie abzuschliessen. Der Bau verliert seine ursprüngliche Funktion, aber nicht seine räumliche Würde. Er wird nicht zum neutralen Container, sondern bleibt lesbar als Kirche – und wird gleichzeitig zu einem Ort des Lernens, der Fürsorge und der Gemeinschaft. In einer Zeit, in der der Umbau zum zentralen Arbeitsfeld der Architektur geworden ist, braucht es genau solche Projekte: Arbeiten, die nicht bloss Flächen aktivieren, sondern den kulturellen Gehalt vorhandener Gebäude produktiv machen. Der Kirchenumbau zeigt, dass Transformation nicht auf Verwertung hinauslaufen muss. Er kann auch ein Akt der Präzision, des Respekts und der räumlichen Fantasie sein. Die Umnutzung wird damit zum Modellfall für den Umgang mit Sakralbauten und für die Frage, wie öffentliche Institutionen künftig mit dem Bestand weiterarbeiten können.

©Basile Bornand

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