Wohnen im Aussichtturm

Inmitten des St. Galler Rheintals vereint dieses dreigeschossige Einfamilienhaus von kit architects nachhaltige Holzbauweise, industrielle Fertigung und architektonische Klarheit. Als vorgefertigter Holzbau, in nur drei Tagen aufgerichtet, steht es exemplarisch für eine unaufgeregte, ressourcenschonende Baukultur.

Auf einer markanten, dreieckigen Parzelle nahe des historischen Dorfkerns entstand das Turmhaus – ein Wohnhaus für eine vierköpfige Familie, das ökologische Verantwortung, Komfort, Gesundheit und Anpassungsfähigkeit in einem kompakten Baukörper vereint. Die Setzung respektiert den historischen Kontext, minimiert Einblicke von Nachbargebäuden und rahmt gezielt Ausblicke in die Landschaft. Gleichzeitig ermöglicht das Layout langfristige Erweiterungen: Auf der südlichen Grundstückshälfte kann bei Bedarf ein zweites, identisches Haus realisiert werden.

Der Baukörper ist klar und zurückhaltend, spielt jedoch bewusst mit vertrauten und ungewohnten Elementen des Einfamilienhaus-Typus. Schlanke, hohe Seitenfassaden erinnern an archetypische Hauszeichnungen, gewinnen durch gestreckte Proportionen und Auskragungen im Erdgeschoss eine eigenständige Identität. Das leicht geneigte Satteldach mit weiter Auskragung schützt die Fassade und stärkt den charakteristischen Ausdruck.

Nachhaltigkeit ist durchgängig integriert: Vorgefertigte Fichtenholzplatten bilden Wände, Böden und Decken, reduzieren Bauabfall und Transportenergie und verkürzen die Bauzeit auf drei Tage. Die sichtbare Materialität erlaubt den Verzicht auf zusätzliche Oberflächen und reduziert den grauen Energieaufwand. Ein zentraler Sichtbetonkern sorgt für Stabilität, nimmt sämtliche vertikalen Installationen auf und bildet einen Luftraum, der die natürliche Querlüftung vom Erdgeschoss bis zum Dachfenster ermöglicht. Das überhohe Wohnzimmer mit gegenüberliegenden Fenstern unterstützt diese Durchströmung und fördert passives Sommerkühlen.

Die hinterlüftete Deckleistenschalung und grosszügige Dachüberstände schützen das Holz und erhöhen die Langlebigkeit. Sorgfältig platzierte Fenster optimieren den passiven Solarertrag, während Photovoltaik, Erdsonden-Wärmepumpe und Sommer-Free-Cooling den Energiebedarf minimieren. Die Betriebsdaten bestätigen den hohen energetischen Standard des Gebäudes. Die Photovoltaikanlage produziert deutlich mehr Energie als für Haushalt, Wärmepumpe und Elektromobilität benötigt wird. Das Turmhaus erreicht einen hohen Autarkiegrad und erfüllt die Anforderungen eines Plusenergiehauses.

Die CO₂-Emissionen aus Herstellung und Bau betragen ungefähr +1’965.6 kg CO₂-Äq/m²/a für eine Energiebezugsfläche von 234 m². Der gebundene bzw. vermiedene Kohlenstoff durch Solarstrom-Einspeisung ist durch die Rückspeisung von 13 MWh sauberer Energie ins Stromnetz negativ: -2’632.5 kg CO₂-Äq/m²/a.

Im Innenraum setzt sich die konsequente Materialität fort: Sichtbare Fichtenplatten werden ohne zusätzliche Verkleidungen eingesetzt, Installationen präzise vorgeplant. Geländer aus feuerverzinktem Flachstahl im Beton ergänzen die reduzierte Materialpalette. Zwei grosszügige Erdgeschossräume öffnen sich über Hebeschiebefenster zum Garten. Im Obergeschoss befinden sich zwei Zimmer und ein Bad, im Dachgeschoss drei weitere Zimmer, eine Bibliothek, ein Arbeitsraum und ein Ensuite-Bad.

Das Turmhaus zeigt, dass kleine Wohnarchitektur Umweltverantwortung, Bewohnerkomfort und langfristige Anpassungsfähigkeit vereinen kann. Es kombiniert industrielle Präzision, nachhaltige Materialien, natürliche Lüftung und energieeffiziente Systeme zu einer klaren architektonischen Haltung. Das Haus formuliert ein leises Statement für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen und eine zeitgemässe, unaufgeregte Ästhetik.

© Till Forrer

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