Am Bachtel

© Roger Frei

Schon früh war der Bachtel (1119 m ü.M.) das Ziel vieler Wanderer und so wurde um 1850 auf dem Bachtel eine erste Trinkhütte erstellt. Die aufkommende Wanderlust erforderte bereits 1856 eine etwas grössere Wirtschaft und das neue Restaurant wurde mit einer Kegelbahn erweitert. Im Jahre 1873 erbaute ein einfallsreicher Wirt einen hölzernen Aussichtsturm. Zuoberst errichtete man eine geschlossene Aussichtsterrasse. Durch verschieden farbige Fenster erblickten die Gäste die Landschaft in rosarot oder himmelblau. Der SAC Bachtel hegte und pflegte die Bergkuppel und deren Zugangswege und freute sich über die zunehmende Kundschaft. Umso mehr war man schockiert, als 1893 das Restaurant bis auf die Grundmauern abbrannte. Das Restaurant wurde umgehend in leicht vergrösserter Form wiederaufgebaut. Ab 1921 übernahm der SAC Bachtel die Liegenschaft und investierte in die Erneuerung des Hauses, welches die prägende Silhouette mit den fünf Spitzgiebeln erhielt. Dank der vielen historischen Postkarten und alten Plangrundlagen wird ersichtlich wie prägend dieses Bild für den Ort war. Diese Erscheinung steht für das Bild des Restaurants Bachtel Kulm für rund 40 Jahre, bis 1964 als die vier Quergiebel einem Walmdach weichen mussten. Lediglich noch der grosse Quergiebel im Osten ist geblieben.1986 erfolgte der letzte grosse Umbau, wobei das Gebäude auf der Rückseite erweitert wurde. 

Das Restaurant Bachtel-Kulm wurde demnach das letzte Mal vor rund 40 Jahren saniert, so zeigten sich deutliche altersbedingte Mängel. Während der Gastraum noch in relativ gutem Zustand war, waren in der Küche und bei der Haustechnik dringend Erneuerungen erforderlich, die alte Holztreppe schmal und an einer strategisch ungeschickten Stelle. Das Obergeschoss und die Zimmer im Dachgeschoss im Osten, welche in den 1960er Jahren zum letzten Mal saniert wurden, wiesen noch den Ausbaustandard von den 1920er Jahren auf. Die Genossenschaft Bachtel Kulm hat 2019 zusammen mit dem Planungsbüro Suter Von Känel Wild, Zürich ein Planerwahlverfahren durchgeführt, welches zum Ziel hat ein bewilligungsfähiges Sanierungsprojekt zu erarbeiten. 

Idee / Historischer und landschaftlicher Zusammenhang
Das Restaurant Bachtel Kulm ordnet sich ein in eine Tradition von ähnlichen Gipfelrestaurants entlang der Voralpen. Der historische Ansatz mit der Wiederbelebung der früheren Silhouette des Hauses wurde als Idee aufgegriffen und konnte die Behörden überzeugen. Es sollte eine umfassende Sanierung erfolgen, welche bezüglich der Materialwahl dem ruralen Kontext gerecht wird und mit einer Reminiszenz an die langjährige Erscheinung des Restaurant Bachtel Kulm die fünfgiebelige Silhouette wieder aufleben lässt. Das Ensemble der Häuser mit der Kegelbahn, dem Kiosk und dem Aussichtsturm wird erhalten und auf Dauer wieder aufgefrischt.

Erschliessung, Freiräume und Aussennutzungen
Die bestehende Erschliessung sowie der Parkplatz wurden belassen. Die Erschliessung des Restaurants ab dem Parkplatz ist neu auch behindertengerecht auf der Nordseite möglich. Die Terrasse wurde mit einem neuen Belag erstellt und die restliche Umgebung nur leicht umgestaltet und erneuert. Die Erschliessung auf der Ostseite zum Turm wurde grösstensteils belassen. So blieb auch der Spielplatz unberührt. Damit Wanderer und Tagestouristen auf dem Bachtel jederzeit eine Möglichkeit hatten sich auch während der gesamten Bauzeit zu verpflegen wurde im Stall etwas weiter hangabwärts ein Provisorium (Besenbeiz) eingerichtet. 

Architektonischer Ausdruck
Die einmalige Lage des Restaurants Bachtel Kulm verschaffte dem Betrieb schon vor dem Umbau einen unverwechselbaren Charakter. Mit dem neuen Dach entsteht wieder die alte Silhouette. Mit etwas mehr Raumhöhe entsteht dabei ein nutzbarer Raum, welcher gemäss den heutigen Standard gedämmt ist. Es entsteht aber auch die fünfte Fassade, welche an dieser Lage mit dem Aussichtsturm auch wahrgenommen wird. Die bestehenden Fassaden wurden ebenfalls wärmetechnisch verbessert und mit Schindeln verkleidet, wobei nicht mehr Eternitschindeln eingesetzt wurden, sondern von Hand gespaltene Schindeln den „Berggasthauscharakter“ weiter unterstreicht. Das Thema des massiven Sockelbaus und des aufgesetzten Holzbaus in Schindeln mit dem Doppelfalzdach ist eine passende Antwort an diesem Ort. Atmosphärisch galt es hier neue Räume zu kreieren die vom ersten Tag an eine rurale Wärme und Gemütlichkeit ausstrahlen ohne zwingend im „Stübligroove“ zu verharren. Es sollte ein festlicher Ort entstehen, der von einem guten Geist beflügelt ist.

Konstruktions- und Materialkonzept
Grundsätzlich handelt es sich um eine energetische und haustechnische Sanierung, welche sich zum Ziel nimmt auch räumlich funktional Verbesserungen zu erzielen. Selbstverständlich wurden sämtliche Vorschriften wie das Energiegesetz oder das Behindertengleichstellungsgesetz eingehalten. Insofern wurde die Gebäudehülle neu gedämmt und sämtliche Fenster erneuert. Die neue Dachkonstruktion wurde als Holzelementbauweise auf das murale Obergeschoss abgestellt. Wo erforderlich wurden die Raumeinteilungen angepasst. Ein rollstuhlgängiger Lift bedient neu alle Geschosse. Die Oberflächen wurden erneuert. Die Farb- und Materialwahl unterstützt den Spagat zwischen Tradition und Moderne. Während die Fassade mit einem massivem Betonsockel und traditionellen Schindeln erstellt wurde, kommen im Innenraum moderne Farben und Oberflächen zum Einsatz. Als Sonnenschutz sind im gesamten 1. Obergeschoss und Dachgeschoss Aluminium-Jalousie-Läden zum Einsatz gekommen. Im Dachgeschoss werden die gefalteten Klappläden seitlich in der Leibung positioniert. Im Obergeschoss werden die Klappläden in geöffnetem Zustand an der Fassade fixiert. Alle sind manuell bedienbar. Die Lamellen sind fix.

Energiekonzept und Ökologie
Durch die Eingriffe an der Gebäudehülle können die neuen Fassadenteile gemäss Energiegesetz-Standard dimensioniert werden, so dass die Energieverluste über die Aussenflächen auf ein Minimum reduziert werden. Die Hauptbauteile werden sehr tiefe U-Werte aufweisen. Die Fenster werden 3-fach verglast und der g-Wert möglichst hoch angesetzt, damit die passiven Sonnenergiegewinne voll genutzt werden können. Ebenso wird sich die Beschattung der Fenster auf die optimale Nutzung der Wärmegewinne richten. Als Energiequelle sollen zukünftig Erdsonden in Kombination mit einer Wärmepumpe dienen. Für die Wärmeabgabe in den Räumen wird eine Niedertemperatur-Flächenheizung / Fussbodenheizung vorgesehen. Die Radiatoren in den bestehenden Räumlichkeiten, mussten weichen und wurden ebenfalls durch eine Fussbodenheizung ersetzt. Der Fokus liegt auf einer ökonomisch und energetisch sinnvollen Weise, das Maximum an intern vorhandenen Energien zu nutzen. Die gewerbliche Kälteerzeugung der gastronomischen Einrichtungen wird in einer separaten Zentrale mittels Kältemaschinen betrieben. Die Abwärme der Kältemaschine wird über eine Abwärmenutzung, für die Vorwärmung des Brauchwarmwassers verwendet. In den Gasträumen ist eine mechanische Lüftungsanlage vorgesehen. Die Lüftungsanlagen (Restaurant / Küche) befinden sich im Erdgeschoss im Annex, resp. teilweise auch im Untergeschoss. Die separate Anlage für den Saal wurde auf der Nordseite des Saal angebracht um möglichst kurze Wege zu erzielen. Insgesamt lässt sich das kompakte Volumen mit seinem ruralen Ansatz mit baubiologisch vertretbaren Produkten realisieren; es erfüllt somit die Ansprüche an das ökologische Bauen, was an dieser Lage umso mehr Sinn macht.

Das Fassadenthema mit den Schindeln…
Rund 1 Jahr vor Baustart wurde 500 Meter nördlich des Bachtels das Holz für die Schindeln sorgfältig ausgewählt. Der Zimmermann Kaspar Mändli hat zusammen mit dem Säger Herbert Dobler zwölf Bäume ausgesucht, welche für das Schindelholz benötigt wurden. Lage, Grösse und Wuchsform sind für die Wahl des Holzes massgebend; die rund 20 Meter hohen und rund 120 Jahre alten Fichten wiesen einen Durchmesser von 62 bis 85 cm auf.  Nebst diesen wesentlichen Merkmalen wurde der Zeitpunkt für das Fällen der Rottannen ganz bewusst im Winter und kurz nach Vollmond gewählt, nahe am kürzesten Tag. Der Stamm zieht dann weniger Zucker und das Holz hat damit weniger Nährstoffe, was das Holz weniger anfällig auf Wurm- und Pilzbefall macht. Ist der Mond abnehmend zieht sich das Holz zusammen und wird dadurch widerstandsfähiger. Bevor die Stämme weiterverarbeitet wurden, lagen sie 3 Monate mit dem Wipfel bergab am Bachtel um auszutrocknen. Die Äste ziehen in dieser Zeit noch einen Teil des Safts aus dem Stamm. Anschliessend folgte eine intensive Zeit mit der Herstellung der Schindeln.
Gegen 40‘000 Schindeln wurden in Handarbeit hergestellt, jede davon vier bis fünf Millimeter dick, sieben bis acht Zentimeter breit und etwa 35 Zentimeter lang, wobei von der Länge am Ende nur rund ein Drittel zu sehen sein wird, da sich die Schindeln jeweils überlagern und damit eine schützende Schicht bilden. Von den 12 gradwüchsigen Stämmen konnten für die Schindeln lediglich die rund acht Meter langen „Filetstücke“ verwendet werden, der Rest wurde als Bauholz weiterverarbeitet. Rund zwei Jahre nach dem Fällen der Bäume konnten die Schindeln an der Fassade montiert werden, jede einzelne mit Spezialnägeln von Hand eingeschlagen.

Betriebliche Organisation
Das bestehende Haus wies ursprünglich eine gerasterte Grundstruktur auf: 4 schmale Achsen und 1 etwas breitere Achse. Diese Struktur ist im Obergeschoss noch gut ablesbar. Ausgehend von dieser Einteilung bietet sich die Achse zwischen dem etwas breiteren Teil und der schmalen Achsen an um eine neue Vertikalerschliessung zu etablieren. Neu verbindet an dieser Stelle eine einläufige Treppe den südseitigen Haupteingang mit dem nordseitigen Eingang im Obergeschoss. Ein Lift steht in diesem Bereich ebenfalls zur Verfügung. Diese Zäsur im Grundriss gliedert das Gebäude in einen ostseitigen Kopfteil mit einem Saal im Obergeschoss und einem kleinen Stübli sowie der Nasszellen im Erdgeschoss und in einen westseitigen Flügel mit der heutigen Gaststube im EG sowie dem Seminarraum und Wohnnutzungen in den Obergeschossen. Durch das neue Dach eröffnet sich die Möglichkeit mehr Schlafzimmer für Angestellte bzw. auch für Gäste anzubieten. Die Küche blieb im rückwärtigen Annex und wurde um den Haustechnikteil erweitert. Die neue Haustechnik fand Platz im ehemaligen Tankraum sowie im Bereich der bergseitigen WC-Anlage. Der ostseitige Anbau, welcher später dazu kam wurde zurückgebaut.

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