Reduktion, Modularität und Nachhaltigkeit prägen zunehmend die Diskussion um zeitgemässes Wohnen. Zwischen steigenden Baukosten, wachsendem Flächenverbrauch und ökologischen Herausforderungen rückt die Frage nach kompakten, ressourcenschonenden Wohnformen
in den Fokus. Mit dem Wikkelhouse zeigt sich ein Ansatz, der architektonische Klarheit, industrielle Fertigung und ein bewusst reduziertes Raumverständnis miteinander verbindet – und damit eine eigenständige Position im Feld der Kleinwohnformen einnimmt.
Kleinwohnformen sind längst mehr als ein kurzfristiger Trend. In vielen europäischen Ländern wächst das Interesse an kompakten Wohnkonzepten, die weniger Fläche beanspruchen, Ressourcen sparen und gleichzeitig eine hohe räumliche Qualität bieten. Dabei geht es nicht nur um mobile Tiny Houses oder temporäre Ferienunterkünfte, sondern zunehmend auch um dauerhafte Wohnformen, die sich bewusst auf das Wesentliche konzentrieren. Die Diskussion um Minimalismus, nachhaltiges Bauen und flexible Wohnmodelle spiegelt dabei eine gesellschaftliche Entwicklung wieder, in der Besitz, Fläche und Komfort neu gedacht werden müssen. In diesem Kontext positioniert sich das Wikkelhouse als modulare Kleinarchitektur, die sich zwischen Ferienhaus, Atelier, Gästehaus oder dauerhaftem Wohnraum verorten lässt. Der Ansatz folgt dabei keiner rein funktionalen Logik, sondern verbindet gestalterische Klarheit mit einer konsequenten Reduktion auf wenige, präzise vordefinierte Elemente. Das Resultat ist ein kompaktes Holzhaus, das sich durch seine charakteristische Form, seine modulare Struktur und seine materialbasierte Konstruktion von anderen Kleinwohnformen klar abhebt. Der architektonische Reiz liegt dabei weniger in spektakulären Formen als vielmehr in der Konsequenz des Konzepts: ein Haus, das aus wenigen Bausteinen besteht, industriell gefertigt wird und dennoch eine wohnliche Atmosphäre schafft. Reduktion wird hier nicht als Verzicht verstanden, sondern als bewusste gestalterische Entscheidung, die individuell angepasst werden kann.
Back to the Roots
Seinen Ursprung hat das Wikkelhouse in den Niederlanden, wo es als experimentelles Baukonzept entwickelt wurde. Die Idee basiert auf einem einfachen, aber wirkungsvollen Prinzip: Mehrere Schichten Wellkarton werden um eine Form gewickelt und miteinander verklebt, wodurch eine stabile, isolierende Struktur entsteht. Diese wird anschliessend mit Holz verkleidet und zu modularen Segmenten weiterverarbeitet, die zu einem Gebäude zusammengesetzt werden können. Der Name des Hauses leitet sich vom niederländischen Wort „wikkelen“ ab, was so viel wie „einwickeln“ bedeutet und damit direkt auf die Konstruktionsweise verweist. Das Wickeln von Materialien als konstruktives Prinzip stellt dabei eine Alternative zu klassischen Massivbauweisen dar und ermöglicht eine leichte, ressourcenschonende Struktur, die sich industriell vorfertigen lässt.
Das ursprüngliche Konzept von Oep Schilling, einem leidenschaftlichen Segler und Tüftler, entstand aus dem Wunsch, ein Gebäude zu entwickeln, das mit möglichst wenig Material auskommt und dennoch eine hohe Stabilität sowie eine gute Dämmleistung bietet. Karton als tragendes Element wirkt zunächst ungewöhnlich, zeigt jedoch in Kombination mit Holz und modernen Klebstoffen überraschend robuste Eigenschaften. Die Konstruktion funktioniert dabei ähnlich wie eine Sandwichstruktur: Mehrere Schichten bilden gemeinsam ein tragfähiges und isolierendes Bauteil. Dieses Prinzip verbindet industrielle Fertigung mit handwerklicher Präzision und eröffnet neue Möglichkeiten für modulare Bauweisen. Gleichzeitig verweist es auf eine zentrale Frage der zeitgenössischen Architektur: Wie lassen sich Gebäude entwickeln, die mit weniger Ressourcen auskommen, ohne an Qualität zu verlieren? In der abgerundeten Form ist dabei das Faible fürs Segeln und die Ähnlichkeit zu den Bootskajüten nicht zu verneinen.
Übertragung in die Schweiz
Die Idee des Wikkelhouse fand auch in der Schweiz Anklang und wurde hier an die lokalen Bauvorschriften angepasst. Bei einem Ausflug in die Niederlande haben die beiden Mitgründer der Wikkelhouse Schweiz AG, Pelin Karamustafaoglu und Christoph Schoop, das modulare Haus kennen und lieben gelernt – und die Initiative für eine Schweizer Produktion ergriffen. Dessen Übertragung in den alpinen Kontext erforderte jedoch eine Reihe von Anpassungen, insbesondere im Hinblick auf Dämmung, Tragkonstruktion und Haustechnik. Klimatische Bedingungen, baurechtliche Vorgaben und hohe Anforderungen an Energieeffizienz stellen in der Schweiz besondere Herausforderungen dar, die bei der Weiterentwicklung des Konzepts berücksichtigt werden mussten.
Das Schweizer Wikkelhouse orientiert sich weiterhin am ursprünglichen Design, wurde jedoch konstruktiv verstärkt und technisch weiterentwickelt. Eine robustere Bauweise, verbesserte Dämmung und die angepasste Haustechnik ermöglichen den Einsatz auch in kälteren Regionen unter anspruchsvolleren klimatischen Bedingungen. Gleichzeitig bleibt die Grundidee des modularen, reduzierten Wohnens erhalten.
Die Anpassung an Schweizer Normen – insbesondere an die strengsten Auflagen des Kantons Schwyz – zeigt exemplarisch, wie sich ein experimentelles Baukonzept in einen regulierten und technisch anspruchsvollen Kontext übertragen lässt. Architektur wird hier nicht als starres System verstanden, sondern als Prozess, der sich an neue Bedingungen anpasst und weiterentwickelt.
Modularität als Entwurfsprinzip
Ein zentrales Element des Wikkelhouse ist seine modulare Struktur: Das Gebäude besteht aus einzelnen Segmenten, die individuell gewählt und additiv zusammengesetzt werden können, sodass sie unterschiedliche Raumgrössen und Nutzungen ermöglichen. Diese Module mit einer Breite von 4,60 m im Innenmass, einer Länge von 1,23 m und einer Höhe von 3,5 m in der normalen Wohnvariante werden industriell im Werk in Flüelen vorgefertigt und anschliessend vor Ort montiert, wodurch sich Bauzeit und Eingriffe in die Umgebung reduzieren lassen.
Der modulare Aufbau folgt dabei einem klaren architektonischen Prinzip: Wiederholung und Variation. Jedes Segment ist in seinen Grundmassen definiert, kann jedoch in Ausstattung und Nutzung angepasst werden. Vertikale Langfenster oder doch offenbare Bullaugen, Sanitärmodule oder offene Wohnbereiche lassen sich je nach Bedarf kombinieren, wodurch unterschiedliche Raumkonfigurationen entstehen.
Diese additive Struktur erinnert an klassische Holzbausysteme oder an modulare Architekturen des 20. Jahrhunderts, bei denen einzelne Bauteile zu grösseren Einheiten zusammengefügt werden. Gleichzeitig ermöglicht sie eine flexible Nutzung, die von temporären Aufenthaltsräumen bis hin zu dauerhaften Wohnhäusern reicht.
Ein Beispiel für diese Umsetzung findet sich im Musterhaus in Flüelen, das aus sieben Segmenten zusammengesetzt ist und eine kompakte Innenwohnfläche von 35 m2 bietet. Die additive Struktur bleibt im Innenraum sichtbar und prägt die räumliche Wahrnehmung. Rillen, Übergänge und Holzoberflächen machen die Konstruktion ablesbar und verleihen dem Raum eine klare, fast rhythmische Struktur.
Aus einem Guss
Eine weitere zentrale Rolle im Wikkelhouse spielt die Materialwahl: Holz prägt sowohl die Konstruktion als auch den Innenraum und schafft eine warme, natürliche Atmosphäre. Ergänzt wird das Materialkonzept durch eine Zellulosedämmung, die für eine gute Wärmedämmung sorgt und den Energiebedarf reduziert. Im Innenraum dominiert Seekiefer, deren helle Oberfläche und feine Maserung eine ruhige, freundliche Raumwirkung erzeugen. Möbel, Küchenzeile und Innenverkleidung sind aufeinander abgestimmt, sind in der Standardvariante ebenfalls in Seekiefer und folgen damit einer einheitlichen gestalterischen Linie. Dadurch entsteht ein zusammenhängendes Raumgefühl, dass trotz der kompakten Fläche grosszügig wirkt.
Aussen schützt thermobehandeltes Holz die Konstruktion vor Witterungseinflüssen, während ein gerundetes Aluprofildach, welches auch mit einem Grasdach ausstaffiert werden kann, das Gebäude abschliesst. Die charakteristische Form entsteht dabei nicht nur aus gestalterischen Überlegungen, sondern auch aus konstruktiven Anforderungen. Die gebogene Struktur ermöglicht eine gleichmässige Lastverteilung und unterstützt die Stabilität des Gebäudes. Die Kombination aus Holz, Karton und Metall zeigt, wie unterschiedliche Materialien zu einem kohärenten architektonischen System verbunden werden können. Konstruktion und Gestaltung greifen ineinander und bilden eine Einheit, die sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugt.
Kompakt wohnen – neu gedacht
Selbst das Wohnen im Wikkelhouse folgt einer klaren räumlichen Logik. Die kompakte Fläche erfordert eine präzise Organisation der Funktionen, wodurch jeder Quadratmeter bewusst gestaltet wird. Küche, Schlafbereich, Bad und Wohnraum sind eng miteinander verzahnt und bilden ein zusammenhängendes Raumgefüge – wobei die sanitären Einrichtungen nebeneinander gegliedert werden, um die Leitungsführung zu vereinfachen. Diese Reduktion erinnert an traditionelle Bauformen wie an ein Stöckli oder an alpine Nebengebäude, die ebenfalls mit begrenzter Fläche auskommen mussten und dennoch eine hohe Nutzungsqualität boten. Gleichzeitig greift das Wikkelhouse moderne Wohnbedürfnisse auf und verbindet sie mit einem zeitgemässen Design. Der Aussenraum spielt dabei eine wichtige Rolle. Durch grosse Fenster und die kompakte Bauweise wird die Umgebung stärker in den Alltag einbezogen, wodurch sich Innen- und Aussenraum gegenseitig ergänzen. Natur, Landschaft und Architektur treten in einen Dialog, der das Wohnen erweitert und bereichert. Diese Verbindung von Reduktion und Offenheit zeigt, dass Minimalismus nicht zwangsläufig Enge bedeutet, sondern neue räumliche Qualitäten schaffen kann.
Schnell und präzise
Ein weiterer zentraler Aspekt des kleinen Hauses ist dessen industrielle Fertigung. Die Module werden in einer Produktionshalle hergestellt und anschliessend per Lastwagen zum Standort transportiert. Vor Ort erfolgt die Montage der je ca. 850 kg (bis 1200 kg) schweren Segmente innerhalb kurzer Zeit, wodurch Bauprozesse effizienter gestaltet werden können.
Diese Form der Vorfertigung reduziert nicht nur die Bauzeit, sondern auch die Belastung der Umgebung. Aufwendige Baustellen, lange Trocknungszeiten oder grosse Materialtransporte entfallen weitgehend. Stattdessen wird das Gebäude in wenigen Schritten zusammengesetzt und an die Infrastruktur angeschlossen.
Auch die Fundierung unterscheidet sich von klassischen Bauweisen: Die Module werden auf Bohrpfähle gesetzt, wodurch ein direkter Kontakt mit dem Boden vermieden wird. Das Gebäude bleibt leicht und reversibel, während gleichzeitig eine stabile Grundlage gewährleistet wird. Diese Bauweise entspricht einem Trend, der in der zeitgenössischen Architektur zunehmend an Bedeutung gewinnt: Gebäude werden nicht mehr zwingend als massive, dauerhafte Strukturen gedacht, sondern als flexible Systeme, die sich an unterschiedliche Standorte und Nutzungen anpassen lassen.
Zwischen Minimalismus und Alltag
Somit steht das Wikkelhouse letztlich exemplarisch für eine Architektur, die sich bewusst zwischen Design, Nachhaltigkeit und Alltag positioniert. Es ist weder reines Experiment noch klassische Wohnform, sondern ein hybrides System, das unterschiedliche Anforderungen miteinander verbindet. Seine Stärke liegt in der Klarheit des Konzepts: Modulare Struktur, reduzierte Materialität, kompakte Räume und industrielle Fertigung bilden ein stimmiges Gesamtbild. Gleichzeitig bleibt genügend Flexibilität, um auf unterschiedliche Nutzungen und Standorte zu reagieren. In einer Zeit, in der Wohnraum knapper und Ressourcen begrenzter werden, gewinnt diese Form des Bauens an Bedeutung. Sie zeigt, dass Architektur nicht zwingend grösser, komplexer oder technischer werden muss, sondern auch durch Einfachheit und Präzision überzeugen kann. Das Wikkelhouse ist damit weniger ein fertiges Modell als vielmehr ein architektonischer Ansatz – ein Versuch, Wohnen neu zu denken, Materialien bewusster einzusetzen und Gebäude stärker an die Bedürfnisse von Mensch und Umwelt anzupassen. Gerade in dieser Offenheit liegt seine eigentliche Qualität: Es versteht sich nicht als endgültige Lösung, sondern als Teil einer grösseren Diskussion über die Zukunft des Wohnens.
© Valentin Luthiger
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