Zwischen den bewaldeten Rücken von Ricken und Regelstein öffnet sich oberhalb von Gommiswald eine sanft gewellte Landschaft. Weite Wiesen, vereinzelte Baumgruppen und der Blick in Richtung oberer Zürichsee prägen das Bild dieser voralpinen Höhenlage auf rund 1060 Metern über Meer. Inmitten dieser Kulisse steht heute ein Bau, der sich unaufgeregt in das Panorama einfügt und dennoch eine klare architektonische Haltung formuliert. Der von Ziegler+Partner Architekten neu errichtete Neubau auf Alp Rittmarren verbindet regionale Bautradition mit einer zeitgenössischen Interpretation des alpinen Holzbaus – lokal verankert, konstruktiv präzise und sensibel auf seine Umgebung abgestimmt.
Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist die Alp Rittmarren im Besitz der Ortsgemeinde Gommiswald. Die öffentlich-rechtliche Körperschaft bewirtschaftet mehrere Alpen und betreibt neben der Forstwirtschaft auch Baulandgeschäfte, womit sich diese unabhängig und eigenständig finanziert. Somit bildet neben den Alpen Egg und Klosterberg ebenfalls Rittmarren eine wichtige wirtschaftliche sowie kulturelle Ressource. Was einst primär der Alpwirtschaft diente, entwickelte sich im Laufe der Jahrzehnte zunehmend zu einem Treffpunkt für Besucher:innen aus der Region. So wurde bereits 1931 die Hütte im Winter vom Skiklub Rapperswil-Jona als Klubhaus genutzt. Mit wachsender Nutzung wuchs auch das Gebäude: In den 1990er-Jahren erhielt die Hütte einen Anbau, dem weitere kleinere Anpassungen folgten. Doch die zahlreichen Erweiterungen hinterliessen ihre Spuren. Der Bau wirkte zunehmend fragmentiert, funktional unübersichtlich und baulich sanierungsbedürftig.
Ein neuer Ort im vertrauten Gelände
Statt einer erneuten Reparatur entschied sich die Ortsgemeinde daher für einen konsequenteren Schritt: einen Neubau, mit dessen Planung das in der Region verankerte Büro Ziegler+Partner Architekten beauftragt wurde. Schnell zeigte sich, dass ein Ersatzbau nicht nur technische Verbesserungen ermöglichen würde, sondern auch eine neue Beziehung zwischen Gebäude, Landschaft und Nutzung herstellen könnte. Der bedeutendste Eingriff war letztlich nicht die Form des Gebäudes, sondern seine Neupositionierung. Der ursprüngliche Bau befand sich am Ende der Zufahrtsstrasse und markierte dort als zweigeschossiges Volumen einen sehr präsenten Abschluss. In der offenen Landschaft wirkte diese Situation beinahe wie eine künstliche Landmarke – eine Dominanz, die wenig mit der eigentlichen Logik alpiner Wirtschaftsgebäude gemein hatte.
Die Architekten verlegten den Neubau deshalb leicht nach Westen, näher an eine sanfte Hügelkuppe und in die Nähe des bestehenden Stalls. Diese Verschiebung verändert die Wahrnehmung des Ortes grundlegend: Das Gebäude tritt nicht mehr als Endpunkt einer Strasse auf, sondern wird Teil eines kleinen Ensembles landwirtschaftlicher Bauten. Gleichzeitig öffnet sich von der Gaststube aus der Blick über die Hügelketten hinweg zum oberen Zürichsee. Die Landschaft wird damit zum integralen Bestandteil des architektonischen Erlebnisses. Wer sich der Alp heute nähert, nimmt zunächst das Dach wahr, das flach aus dem Hang zu wachsen scheint, sodass erst beim Näherkommen der kompakte Baukörper vollständig in Erscheinung tritt. Diese Zurückhaltung ist bewusst gewählt: Das Haus reagiert auf die Massstäblichkeit der Umgebung und vermeidet jede Form von übertriebener Geste.
Tradition als Konstruktion
Von Beginn an formulierte die Bauherrschaft klare Zielsetzungen. Diesen entsprechend sollte die neue Hütte traditionelle Bauweisen respektieren, regionale Materialien sollten im Fokus stehen, und es sollte insgesamt eine möglichst hohe lokale Wertschöpfung erzielt werden. Gleichzeitig mussten im Neubau die unterschiedlichen Nutzungen – Alpbetrieb, Gastronomie und temporäre Unterkunft – effizient organisieren. Die Entscheidung für einen Strickbau lag deshalb nahe. Die traditionelle Bauweise mit horizontal geschichteten Holzbalken ist im Alpenraum seit Jahrhunderten verbreitet und verbindet konstruktive Logik mit handwerklicher Präzision. Für die Architekten war das Projekt dennoch Neuland und der erste Bau in dieser Technik.
Demzufolge verlangte der Entwurf eine besonders intensive Auseinandersetzung mit der Materialität des Holzes. Insbesondere die Detailplanung erforderte verstärkt Aufmerksamkeit: Denn Strickbauten reagieren empfindlich auf Schwinden und Setzungen, sodass Toleranzen von bis zu 5 Prozent bereits in der Planung berücksichtigt werden müssen. Gleichzeitig erforderte die Lage ausserhalb der Bauzone eine präzise Abstimmung mit den Behörden, während parallel die Materialbeschaffung organisiert werden musste. Das Holz für den Neubau stammt nahezu vollständig aus den Wäldern der Ortsgemeinde. Insgesamt 120 Fichten, 6 Eschen und 6 Douglasien wurden im eigenen Forst geschlagen, im nahe gelegenen Wattwil gesägt, getrocknet und weiterverarbeitet. Rund 120 m3 Holz fanden so ihren Weg zurück auf die Alp – ein Materialkreislauf, der den regionalen Bezug des Projekts greifbar macht und Zeit in Anspruch nahm, die eingerechnet werden musste. Dabei bildet Fichte mit 20 cm starken Balken das konstruktive Rückgrat des Strickbaus, und das Eschenholz wird punktuell für tragende Elemente eingesetzt. Für die Fassadenschalung entschieden sich die Architekten für Douglasie in sägeroher, unbehandelter Ausführung. Mit der Zeit wird sie silbergrau verwittern und sich farblich den umliegenden Scheunen annähern.
Formtreu bleiben
Formal orientiert sich der Neubau an den landwirtschaftlichen Gebäuden der Umgebung. Das steile Dach, die kompakten Proportionen und die klare Volumetrie sind aus der Logik der alpinen Ökonomie abgeleitet: Schnee, Wind und Witterung verlangen nach robusten, einfachen Formen. Doch die Architekten begnügten sich nicht mit einer reinen Wiederholung traditioneller Typologien: In zahlreichen Modellstudien untersuchten sie daher das Verhältnis von Dachneigung, Fassadenöffnungen und Raumhöhen. Auch die Fassadenschalung wurde in Mock-ups getestet, bevor ihre endgültige Struktur festgelegt wurde. Schiebeläden an den Öffnungen erlauben eine flexible Anpassung an Licht und Wetter. Kleine eingeschnitzte Ornamente in der geschossweise differenzierten Holzoberfläche verleihen der Fassade eine subtile Lebendigkeit – ein Detail, das erst bei näherer Betrachtung sichtbar wird.
Zwischen Öffentlichkeit und Rückzug
Unter dem steilen Dach entfaltet sich im Erdgeschoss die überhohe Gaststube. Diese ist das Herzstück des Hauses und bietet einen Raum für rund dreissig Gäste, der zugleich Treffpunkt, Aussichtspunkt und Aufenthaltsort ist. Grosszügige Verglasungen öffnen den Raum, und die Terrasse erweitert den Innenraum in die Landschaft, sodass sich der Blick über die Alpweiden bis zum oberen Zürichsee erstreckt. Im Zentrum der Stube steht ein Holzofen, der mehr ist als nur ein funktionales Element. Er bildet den räumlichen Fokus des Gastraums und übernimmt gleichzeitig die Heizfunktion im gesamten Gebäude. Der Ofen aus Bollinger Sandstein setzt einen mineralischen Kontrapunkt zum Holz und führt dessen horizontale Struktur formal weiter. Die Küche durchschneidet den Grundriss beinahe mittig und organisiert als zweiteiliges System den Betrieb der Hütte: Auf der einen Seite befindet sich die hellgraue Produktionsküche, auf der anderen der farblich markierte Ausschankbereich in kräftigem Rot. Diese räumliche Zäsur trennt zugleich den öffentlichen Gastraum von den Sanitäranlagen. Das Prinzip des „Kammerns“ – ein Begriff, der auch der Strickbauweise zugrunde liegt – wird hier somit räumlich sichtbar. Die einzelnen Funktionsbereiche sind klar gefasst, aber dennoch miteinander verbunden. Die Architektur arbeitet weniger mit offenen Grossräumen als mit einer Abfolge präzise definierter Kammern.
Ein Haus für zwei Leben
Während das Erdgeschoss dem öffentlichen Betrieb dient, nimmt das Obergeschoss die privaten Räume auf. Hier wohnt während der Saison der Älpler, und der Skiklub Rapperswil-Jona nutzt die Hütte an Winterwochenenden. Vier kleine Kammern, ein Tageslichtbad und ein Reduit bilden hier im oberen Geschoss das Raumprogramm. Erschlossen werden sie über einen separaten Zugang auf der stallseitigen Fassade. Dort führt eine beinahe versteckte Tür zu einer Treppe, die unabhängig vom Gastraum nach oben führt – eine klare Trennung zwischen Öffentlichkeit und Rückzug. Trotz der kompakten Dimensionen besitzen die Räume eine überraschende Grosszügigkeit, die vor allem der Überhöhe unter dem Dach zu verdanken ist. Selbst das Treppenhaus profitiert von dieser Strategie und wird von einer hohen Fensterfläche ergänzt, die dieses mit Tageslicht aushellt.
Material als Atmosphäre
Im Inneren prägt das Holz die Atmosphäre des Hauses. Die Strickbalken bleiben sichtbar und verleihen den Räumen eine warme, ruhige Atmosphäre. Ergänzt wird diese Materialität durch wenige, gezielt eingesetzte Kontraste: Im Eingangsbereich liegt ein Boden aus Valser Quarzit, der Robustheit und Dauerhaftigkeit signalisiert. In der Gaststube hingegen geht der Stein in einen Holzboden über, der den Raum wärmer und wohnlicher erscheinen lässt. Lampenschirme aus recyceltem PET erinnern an Filz und greifen die Farbpalette des Holzes auf. Die dunklen Stühle von Horgen Glarus setzen hingegen einen bewussten Akzent, ohne die ruhige Gesamtwirkung zu stören. Einen bunten Farbtupfer setzen die Sanitärräume im Erdgeschoss: Dort schützen Epoxidbeschichtungen in dunklem Türkis die Holzoberflächen vor Feuchtigkeit.
Ein Teil des Ortes
Heute wirkt der Neubau auf der Alp Rittmarren selbstverständlich, als hätte er schon immer an diesem Ort gestanden. Seine Stärke liegt weniger in spektakulären Gesten als in der präzisen Abstimmung zwischen Baukörper, Nutzung und Landschaft. Der Neubau zeigt dabei bestens, wie sich traditionelle Bauweisen in eine zeitgenössische Architektursprache übersetzen lassen. Die konsequente Verwendung von lokalem Holz, die Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern und die sensible Einbindung in die Topografie machen das Gebäude zu einem Beispiel für nachhaltigen Holzbau im Alpenraum. Gleichzeitig bleibt die Alp das, was sie immer war: ein Ort der Begegnung. Wandernde kehren ein, Skifahrer wärmen sich am Ofen, Älpler:innen leben und arbeiten hier während der Saison. Die Architektur bildet für dieses Kommen und Gehen lediglich den Rahmen – dennoch einen, der mit Sorgfalt, Respekt und einem tiefen Verständnis für die Landschaft entworfen wurde. So ist die neue Hütte auf der Alp Rittmarren tatsächlich „lokal gestrickt“: mit Holz der umliegenden Wälder, mit Wissen regionaler Handwerker und mit der engen Verbindung zwischen Bauwerk und Landschaft. In dieser Verflechtung von Ort, Material und Nutzung liegt ihre eigentliche Qualität.
© Edon Miseri
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