Via del Ceneri

Dr. Urs Wiederkehr ist Bauingenieur und Verantwortlicher für Digitale Prozesse in der Geschäftsstelle des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA). Für diese achtteilige Kolumne aus Anlass der Eröffnung des Ceneri-Basistunnels besucht er 2020 diverse Orte im Städtedreieck Bellinzona-Lugano-Locarno.

Fünf Verkehrswege aus ebenso vielen Epochen konnten bisher am Monte-Ceneri-Pass identifiziert werden. Mit dem Ceneri-Basistunnel, der anfangs Dezember 2020 eröffnet wird, folgt der sechste. Der seit Frühjahr markierte Themenweg „Via del Ceneri“ zwischen dem Pass und Cadenazzo in der Magadinoebene liefert Geschichten zum Pass, seiner Begehung und seinem Umfeld. Aus bekannten Gründen wurde in diesem Frühjahr die offizielle Eröffnungsfeier des sieben Kilometer langen Wegs abgesagt.

Startpunkt ist die neu geschaffene ellipsenförmige Piazza del Ticino auf dem Ceneri. Sie ist ein Tribut an die Verbindungsrolle des Passes für das Tessin. Kreativ ist die Idee des Totempfahls, der aus Gestein aus den beiden Alptransit-Tunneln Gotthard und Ceneri errichtet worden ist. Es besteht bereits ein sogenannter „Foto-Spot“ der Grand Tour of Switzerland, der mit einer Länge von 1643 km eine der schönsten Autofahrten der Welt sein soll.

Grossformatige Tafeln liefern Informationen und Anleitungen für eigene Aktivitäten, wie beispielsweise für das Bauen einer Sonnenuhr oder das Backen eines Marroni-Kuchens. Der Weg führt an Milliarden Jahre alten, von Gletschern rundgeschliffenen Steinen und am Radiomuseum bei der alten Sendeeinrichtung vorbei. Das Museum erzählt die Geschichte der Telekommunikation und zeigt die Entwicklung der Sende- und Empfangsgeräte.

Der Roccolo, der Vogelfängerturm in einer Waldlichtung, diente der Beobachtung beim Vogelfang. Die Zugvögel wurden von Vogelstimmen angelockt. Dann wurden sie von einem Vogelfänger mithilfe von Netzen gefangen, die zwischen den Bäumen aufgespannt waren. Glücklicherweise ist diese Art der Vogeljagd seit über 100 Jahren verboten. 

Die Kastanie war früher bedeutend für die Ernährung der Tessiner Bevölkerung, bevor sie durch Mais und andere Getreidearten als Grundnahrungsmittel verdrängt wurde. An diesen Kastanienwäldern am Ceneri hatten die Banditen ihre helle Freude. Sie dienten ihnen als perfekter Ort, um die vorbeifahrenden Postkutschen zu überfallen – zum letzten Mal 1864, als ein Kaufmann aus der Lombardei dabei getötet wurde. 

Nach der Kirche San Leonardo in Robasacco wird der Blick frei Richtung Bellinzona. Beleuchtete Tafeln an den Wänden der Fussgängerunterführung der Nationalstrasse A2 dienen als Geschichten-Galerie. Es werden verschiedene historische Themen aus dem Tessin angesprochen; von der Auswanderung nach Übersee bis zur Urbarmachung der Magadinoebene. 

Ein romantischer Ort ist die Mühle von Precassino. Das Gebäude und die Einrichtung sind in den letzten zehn Jahren wiederaufgebaut worden. Regelmässig wird das Mühlenrad in Bewegung gesetzt. Diverse Tafeln informieren über die Geschichte dieser Anlage, die ihren Ursprung im 19. Jahrhundert hat. Bei der Bogenbrücke der alten Ceneristrasse von 1811 sind in Hanglage Kaltkeller zu entdecken. In diesen von Bächen durchflossenen „Cassinelli“ ist früher die Milch aufbewahrt worden.

Die Eröffnung des Ceneri-Basistunnels hat im Tessin einige Initiativen ausgelöst. Ein vielfältiges Wanderwegnetz ermöglicht die Spurensuche am Pass. Erst recht ab Dezember 2020, wenn die angekündigte Postautolinie von der S-Bahn-Station Rivera-Bironico zum Pass eröffnet wird.

Text: Urs Wiederkehr

Tipp

Die Piazza del Ticino ist mit der Postautolinie 455 über die S-Bahnstation Rivera-Bironico von Bellinzona und Lugano aus stündlich erreichbar. Die Via del Ceneri kann auch in umgekehrter Richtung vom Bahnhof Cadenazzo
(Linie Bellinzona-Locarno) absolviert werden. Auf der Website laviadelceneri.ch sind viele Texte der Informationstafeln in deutscher Sprache zu finden, inkl. Anleitungen für eigene Aktivitäten.

Grand Tour of Switzerland: grandtour.myswitzerland.com

Strada del Montecenerino; Von Quartino aus gibt es eine alternative Route über den Ceneri.

Mühle und Stampfe Precassino oberhalb Cadenazzo: precassino.ch

Radiomuseum Monte Ceneri: Das Museum ist jeweils am ersten Mittwoch des Monats offen

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