Die Honorarberechnung für Planungsleistungen in der Schweiz basierte lange auf einem SIA-Kalkulationsmodell, das die Baukosten als Ausgangspunkt nahm. Mithilfe einer Formel wurde daraus ein durchschnittlicher Stundenaufwand berechnet, ungeachtet des tatsächlichen Arbeitsaufwands. Dieses Modell wurde vielfach kritisiert, da die Baukosten keinen passenden Anreiz für effizientes oder nachhaltiges Bauen schufen. Nach dem Einschreiten der Wettbewerbskommission (Weko) wurde das Baukostenmodell 2020 abgeschafft bzw. vom SIA nicht mehr in der LHO publiziert. Heute beruhen die offiziellen LHO auf drei Ansätzen: effektivem Zeitaufwand, pauschalen und globalen Honoraren.
Nun hat der SIA zusammen mit der ETH Zürich ein neues Tool entwickelt, eine sogenannte digitale Value-App. Dieses Tool, das im August 2025 veröffentlicht werden soll, erlaubt es offenbar, den Planungsaufwand anhand von Kriterien wie Nutzungsform, Bruttogeschossfläche, Komplexitätsgrad und Projektorganisation zu bestimmen. Die Plattform soll offen für unterschiedliche Modelle sein und eine methodenoffene Diskussion fördern (vgl. dazu die Mitteilung auf der SIA-Webplattform vom 15. Juli 2025, „Paradigmenwechsel in der Planungshonorierung”). Der Verfasser dieses Artikels kennt bisher weder die App noch die dahinterliegenden Faktoren und Berechnungsweisen. Trotzdem wagt er in diesem Artikel einige (kritische) Überlegungen zu solchen Berechnungsmethoden und aufwandbezogenen Honorarmodellen.
Schätzung des Aufwands – weshalb ist das so schwierig?
Der Grund, weshalb Planende sich nach einem kalkulierbaren Modell zur Berechnung eines angemessenen und belastbaren Aufwands bei einem Bauprojekt sehnen, ist derselbe, der solche Modelle und Formeln letztlich problematisch macht. Der Planervertrag und damit auch die Honorarvereinbarung werden – anders als die Werkverträge der Unternehmer – jeweils zu Beginn eines Bauvorhabens abgeschlossen. Gerade bei Architekturleistungen geschieht dies oft, bevor überhaupt ein konkretes Projekt vorliegt, besteht doch die Aufgabe der Planenden genau darin, ein solches Projekt im Austausch und in der Klärung der Bedürfnisse der Auftraggeberschaft zu entwerfen und zu planen.
Den Aufwand zu Beginn eines Projekts verlässlich abschätzen zu wollen, ist – da das Projekt noch nicht existiert – sehr schwierig, wenn nicht gar unmöglich. Das ist vergleichbar mit einer Wanderung, deren Dauer man schätzen soll, obwohl man die genaue Route, das Wetter und die Reisegruppe und deren Fähigkeiten noch nicht kennt. Auch wenn dieser Vergleich vielleicht etwas weit hergeholt erscheint, ist es doch offensichtlich, dass zu Beginn eines Bauprojekts zahlreiche unterschiedliche äussere Faktoren – also Einflüsse, die nicht direkt mit dem eigentlichen Projekt zusammenhängen – den Aufwand jedoch erheblich beeinflussen können, noch nicht bekannt sind. Neben der Organisation und der Zusammenarbeit mit der Bauherrschaft sind dies insbesondere die Schnittstellen zu Baubewilligungsbehörden, Unternehmer:innen und weiteren Beteiligten.
Kosten- und Terminüberschreitungen bei Bauprojekten sind denn auch oft nicht (oder zumindest nicht allein) auf mangelndes Kosten- und Zeitmanagement der Beteiligten zurückzuführen, sondern resultieren vielmehr aus der grundlegenden Problematik, dass eine anfängliche Schätzung und Prognose von Zeit- und Kostenaufwand bei Bauvorhaben mit grossen Unsicherheiten verbunden ist.
Ob mit der alten Formel, die die Bausumme als Hauptfaktor heranzieht, oder mit neuen Tools wie der Value-App: Wer glaubt, durch die Anwendung verschiedener Faktoren und Kennzahlen den zukünftigen Planungsaufwand präzise bestimmen zu können, wird enttäuscht werden. Die grosse Herausforderung bei der Schätzung des Planeraufwands liegt also darin, dass viele entscheidende Parameter eines Bauprojekts zu Beginn noch gar nicht oder nur unzureichend bekannt sind. Die Unsicherheiten bezüglich Projektumfang, Anforderungen der Auftraggeberschaft, Abstimmung mit Behörden sowie die Vielzahl externer Einflüsse erschweren eine belastbare Prognose, mag die verwendete Formel noch so komplex sein.
Gerade deshalb ist jede Standardisierung von Aufwandsschätzungen kritisch zu hinterfragen. Zwar können digitale Tools wie die neue Value App die Transparenz erhöhen und Vergleiche erleichtern, doch eine pauschale Lösung für alle Projekte bleibt unrealistisch. Vielmehr braucht es flexible, projektbezogene Ansätze, um der individuellen Komplexität und Dynamik von Bauvorhaben gerecht zu werden. Die eigentliche Schwierigkeit der Aufwandsschätzung liegt denn weniger im Berechnungsmodell als vielmehr in den oben beschriebenen Unsicherheiten und Realitäten des Planungsprozesses.
Aufwandsschätzung als falsche Vergütungsgrösse?
Dass Bauherrschaften und Planende trotz offenbar grossen Wert auf ein Kalkulationsschema für die Aufwandsschätzung legen, liegt daran, dass beide Seiten möglichst früh Planungssicherheit wünschen. Planende möchten abschätzen können, mit welchem Umsatz sie rechnen dürfen, während die Auftraggeberschaft – etwa zur Vorlage bei Finanzierungsstellen oder Gremien – auf möglichst verbindliche Kostendächer angewiesen ist. Diese vermeintliche (durch eine Formel suggerierte) Sicherheit zu Beginn eines Projekts ist allerdings oft trügerisch, da viele zentrale Aspekte noch gar nicht festgelegt sind. Die (zu) starke Fokussierung auf einen (durchschnittlichen) Aufwand beim Honorarmodell ist sodann auch prinzipiell infrage zu stellen.
Gerade für Planungsleistungen ist es m.E. der falsche Ansatz, bereits zu Projektbeginn eine Pauschalvergütung oder ein festes Kostendach zu vereinbaren – das gilt sowohl für Planende als auch für Bauherrschaften. Denn es ist unbestritten, dass die entscheidenden Weichen für die Kosten und die Qualität eines Bauwerks zu Beginn und während der Planung gestellt werden. Eine sorgfältige und teils auch aufwändigere Planung in den ersten Phasen kann sich langfristig auszahlen, da sie helfen kann, spätere Baukosten zu reduzieren und die Qualität des Ergebnisses erheblich zu verbessern. Zusatzaufwand (und somit auch höhere Kosten) in der Planung kann sich für das Gesamtprojekt oft als nachhaltig positiv erweisen. Vergütungsmodelle, bei denen das Planerhonorar und damit der maximale Planungsaufwand von vornherein festgelegt wird, setzen somit falsche Anreize. Denn ein hoher Planungsaufwand ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit hohen Baukosten,im Gegenteil. Es ist daher im Interesse aller Beteiligten, den Mehrwert einer intensiven und detaillierten Planung verständlich zu machen.
Neue Vergütungsmodelle für bessere und mehr Anreize
Fixe Festpreishonorare oder Modelle mit einem errechneten fiktiven (und zu vergütenden Aufwand) setzen falsche Anreize in Bezug auf die Qualität und die Baukosten. Das Honorarmodell sollte jedoch Anreize enthalten, dass Planende im Verlauf eines Projekts (zusätzlichen) Aufwand betreiben, um Baukosten oder den CO₂-Fussabdruck zu optimieren oder die Qualität zu verbessern bzw. hochzuhalten. Diese Anreize sind aber nur vorhanden, wenn sie dafür auch gezielt honoriert werden. Mindestens sollte der (gerechtfertigte) Mehraufwand angemessen vergütet werden – was beim bisherigen Baukostenmodell teilweise sogar ins Gegenteil umschlug. Noch vorteilhafter wäre ein Bonussystem, das auf nachweislich verbesserten CO₂-Bilanzen oder reduzierten Baukosten basiert.
Weder das alte Honorarmodell auf Basis der Baukosten noch neuere Systeme, die mit Flächen, Nutzungsarten oder statistischen Werten arbeiten, schaffen solche gezielte Anreize. Auch die neue Value-App orientiert sich – laut Mitteilung des SIA vom 15. Juli 2025 – an einem statistischen Aufwandsmodell, abgeleitet aus 900 Datensätzen einer Referenzdatenbank.
Und genau darin liegt m.E. das Hauptproblem: Ein wirklich qualitätsorientierter Wettbewerb ist mit pauschalen oder statistisch hergeleiteten Aufwandmodellen kaum zu vereinbaren. Qualitäts- und wettbewerbsorientierte Planende werden ihre Leistungen (zu Recht) nicht als Durchschnitt bewerben – ebenso wenig, wie anspruchsvolle Bauherrschaften nur Mittelmass erwarten. Es ist daher nicht nachvollziehbar, warum sich das Vergütungsmodell am Durchschnitt bzw. an einem statistisch ermittelten Durchschnittsaufwand orientieren sollte.
Im Idealfall bietet ein innovatives Vergütungsmodell echte Anreize für Qualität und Nachhaltigkeit, etwa durch erfolgsabhängige Honorare mit Bonus- und Malusregelungen für Qualität und/oder Baukosten. Solche Modelle fördern Innovation, Qualität und einen fairen Wettbewerb um die besten Lösungen und transparente Preise – nicht aber ein System, das lediglich neue Faktoren in einem Durchschnittsaufwandsmodell einsetzt. Qualitätswettbewerb bedeutet auch (echter) Preiswettbewerb. Modelle, welche einen „durchschnittlichen Stundenaufwand“ oder ein statistisches Aufwandsmodell verwenden, haben damit nicht viel gemein, unabhängig davon, wie ein solcher hergeleitet wird.
Text: Christoph Schärli
Christoph Schärli ist als Rechtsanwalt auf dem Gebiet des öffentlichen Beschaffungsrechts und Submissionsrechts sowie des Bau- und Planungsrechts spezialisiert. Er ist Partner und Rechtsanwalt bei VIADUKT Recht GmbH. In seinen Themengebieten ist er regelmässig als Dozent und Referent tätig und publiziert zu Themen des öffentlichen Beschaffungsrechts auf seinem Blog: submissionsrecht.ch
