Zwischen Korn und Kultur

Die mächtige Zehntenscheune in Dietikon ist ein Bauwerk, das Geschichte, Handwerk und Typologie in seltener Klarheit vereint. Ihre Schönheit liegt in der fast unverändert vorgefundenen baulichen Ausgangslage. Errichtet um 1600 und bis 1841 vom Kloster Wettingen zur Lagerung des Zehnten genutzt, gehört sie zu jenen ländlichen Vielzweckbauten, die aus der regionalen Bautradition der Bauernhäuser hervorgegangen sind. Nach Jahrhunderten der Nutzung, später des Leerstands, eröffnet ihre Umnutzung durch das Basler Büro Buol & Zünd Architekten BSA GmbH zu einem öffentlichen Veranstaltungsort nun ein neues Kapitel – eines, das auf den Bestand hört und ihn weiterdenkt.

Vom Wirtschaftsgebäude zum Haus der Bevölkerung

Die Zehntenscheune bildete einst mit der benachbarten Taverne «Zur Krone» und weiteren Ökonomiebauten das wirtschaftliche Zentrum des Dorfes. Bereits in den 1970er-Jahren wurde sie für kulturelle Anlässe genutzt, bevor sie über Jahrzehnte weitgehend leerstand. Mit dem vom Stadtrat Dietikon 2016 verabschiedeten Konzept Kulturraum Dietikon wurde das historische Ensemble neu ausgerichtet. Die Zehntenscheune soll als «Haus der Bevölkerung» Dietiker Vereinen, Organisationen und Privaten für Kulturveranstaltungen, Feste und Ausstellungen offenstehen – ein öffentlicher Ort im besten Sinn. Auf dieser Grundlage schrieb die Stadt 2017 einen offenen Projektwettbewerb mit Präqualifikation aus. Das Siegerprojekt «Kronjuwel» des Basler Büros Buol & Zünd überzeugte durch eine Haltung, die den Bestand als Ressource begreift: als Transformator, nicht als Hindernis. Die Architekten antworteten auf die gestellte Aufgabe mit Pragmatismus, handwerklicher Präzision und einem feinen Gespür für die innere Logik des Hauses.

Vertrauen in die Typologie

Das Konzept beruht auf der Überzeugung, dass die Typologie selbst die Richtung vorgibt. Der einfache, konstruktive Aufbau der Scheune, die Gliederung von Stall, Tenn und Heulager, die spezifische Ordnung von Raum und Struktur – all das wurde nicht überformt, sondern als Ausgangspunkt des Entwurfs verstanden.
Die räumliche Umdeutung beginnt im bis unter das Dach reichenden Tenn, der ursprünglich als Durchfahrt für Fuhrwerke diente. Hinter dem grossen Tor, das vis-à-vis der Taverne Zur Krone liegt, wurde die neue Erschliessung angeordnet: eine fein eingepasste Struktur, die in leiser Geste von der Mehrgeschossigkeit des Raumes erzählt.
Im Obergeschoss öffnet sich unter dem mächtigen Dachstuhl ein grosser Veranstaltungssaal für rund 120 Personen. Die historische Zimmermannskonstruktion bleibt sichtbar und prägt die Atmosphäre des Raumes – sie ist Trägerin der Stimmung ebenso wie der Struktur. Eine bogenförmige Holzwand gliedert den Saal und vermittelt zwischen Hauptraum und Erschliessung; gegenüber führt eine Galerie im Bereich des ehemaligen Heulagers in den Dachraum. So entsteht ein Geflecht von Ebenen, das die ursprüngliche Schichtung der Scheune fortschreibt.

Eingriffe mit Mass

Neue Elemente sind präzise gesetzt und nehmen Bezug auf vorhandene Ordnungen. Die akustische Ausstattung erinnert in ihrer Gliederung an eine Ziegellattung, die runde innere Fassadenschicht trennt den Galeriebereich vom Saal wie eine dünne Kulisse. Im Erdgeschoss wurde die geschichtete Struktur des ehemaligen Stalls aufgenommen und im Sinne der Typologie durch dienende Räume ergänzt – Foyer, Nebenräume, Technik. Der Eingangsbereich mit Bar und Ticketzone inszeniert eine freigelegte Bohlenwand als Zeitzeugin des alten Baus. Der Aussenraum, einst Wirtschaftshof, wird als öffentlich zugänglicher Aufenthaltsbereich neu interpretiert. Damit öffnet sich die Zehntenscheune auch räumlich zur Stadt und wird Teil eines lebendigen historischen Zentrums.

Handwerkliche Kontinuität

Die konstruktive Haltung des Projekts folgt einer langen baumeisterlichen Tradition. Defekte Bauteile wurden nicht ersetzt, sondern ergänzt – in der Weise, wie es der Bestand vorgibt. Neue Zangen im Dachwerk, statische Ertüchtigungen in den Bohlenwänden oder präzise eingesetzte Holzverbindungen sind sichtbare Zeugnisse dieser Arbeit. Sie werden sich mit der Zeit, durch Nutzung und Patina, in das Alte einfügen und so die Geschichte des Hauses weiterschreiben. Diese eingesetzte pragmatische, handwerkliche Präzision entsteht aus dem genauen Lesen des Vorhandenen und aus dem Vertrauen darauf, dass in der Struktur selbst bereits das Potenzial der Transformation liegt. Die Zehntenscheune in Dietikon ist damit mehr als eine sorgfältige Sanierung – sie ist ein Beispiel dafür, wie Architektur über Jahrhunderte hinweg wirksam bleibt, wenn man ihr zuhört.

 

© Federico Farinatti

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