Ebenso wie der Leerstand vieler Bürohäuser ist deren energetischer Zustand ein aktuelles Problem der Immobilienwirtschaft. Dies ist auch im Zwhatt-Areal in Regensdorf ein Thema, wo ein neues Quartier mit Wohnungen, Gewerbe und öffentlichem Leben entsteht. Ein Pilotprojekt von EMI Architekt:innen zeigt dabei, wie der Wohnungsnot und der Klimakrise durch die Umnutzung bestehender Gebäude mit minimalinvasiven Methoden innovativ entgegengewirkt werden kann. Im Rahmen dieses Vorhabens wurde das vierte Obergeschoss eines ausgedienten Bürogebäudes zu einem Wohn-Forschungsprojekt gewandelt und bietet nun 18 Wohnstudios, die die klassische Innenraumtemperierung hinterfragen.
Im Zwhatt-Areal in Regensdorf wächst derzeit ein neues Quartier, das Wohnungen, Gewerbe und öffentliches Leben vereint – schlussendlich werden hier 10’000 neue Bewohner:innen erwartet. Ein besonderes Pilotprojekt zeigt dabei, wie die Themen der Wohnungsnot und der Klimakrise durch die Umnutzung bestehender Gebäude innovativ behandelt werden können. Innovative Tiny Studios sollen einen möglichen Lösungsansatz aufzeigen. Die Basis für dieses Vorhaben stellt ein Gewerbehaus aus den 1980er-Jahren dar, eigentlich ein Relikt der ehemaligen Büroarchitektur, das nicht abgerissen, sondern weiter- und vor allem neu gedacht wurde. Anstelle Dutzender Arbeitsplätze beherbergt es auf der vierten Etage neuerdings 18 Wohnstudios im Kleinformat. Das Bürogebäude ist Teil eines Bestandsensembles auf dem ehemaligen Gretag-Areal, das Pensimo 2016 erworben hat und dessen bestehender Gestaltungsplan nach Überlegungen eines Abrisses nun eine Nutzungstransformation in mehrheitlich Wohnen vorsieht.
Neue Wege gehen
Aufgrund des relativ jungen Gebäudealters, der gut nutzbaren Struktur und der Nachhaltigkeitsansprüche der Bauherrschaft wurde das Gebäude somit nicht abgerissen, sondern dessen Sanierung bzw. Umnutzung manifestiert. Hierin ergab sich die Zusammenarbeit mit Prof. Elli Mosayebi von der ETH Zürich, die eine Forschungsfrage zur alternativen energetischen Sanierung einbrachte. So konnte in diesem Kleinprojekt mit Forschungscharakter getestet und das Zwhatt-Areal um ein weiteres, aussergewöhnliches Wohnangebot bereichert werden. Wobei zugleich wichtige Erkenntnisse erworben und Möglichkeiten für künftige Projekte aufgezeigt werden konnten. Die entstandenen Studiowohnungen bieten nun alles, was man braucht – zum Flatrate-Preis. So sind bereits die Nebenkosten inbegriffen, die grösseren Einheiten haben eigene kleine Küchenzeilen, für die anderen stehen Gemeinschaftsküchen zur Verfügung, und die Nähe zum öffentlichen Verkehrsnetz erlaubt einen grossen Bewegungsradius. Zusätzlich verfügt jedes Studio über einen eigenen Keller und hat Zugang zur gemeinschaftlich genutzten Dachterrasse, die Raum zur Erholung mit Weitblick schafft und den privaten Raum vergrössert.
Von der Theorie in die Praxis
Die 18 Studios im 4. Obergeschoss verkörpern nun ein Konzept, das im Rahmen des Architektur- und ETH-Forschungsprojekts „Das wohltemperierte Haus“ entwickelt wurde. Die gesamte Etage des ehemaligen Bürogebäudes wird mit Küchen-, Bad- und WC-Elementen aus einer Metall-Lehm-Konstruktion ausgestattet und somit für die Wohnnutzung transformiert. Im Mittelpunkt stehen die raffinierten Heizkon-
struktionen wortwörtlich im Raum, um die sich das gesamte Wohnkonzept entwickelt hat. Mit Vorhängen können die Studios unterteilt werden, um neue Raumqualitäten zu schaffen und die offenen Einheiten individuell zu zonieren. Die Wohnungsgrössen liegen zwischen 35,6 m² und 65,6 m², und sechs davon sind zudem barrierefrei gestaltet. Das erarbeitete Wohnkonzept bietet so auf mehreren Ebenen eine optimale Lösung: Die ehemaligen Büroräume konnten ohne grosse Sanierungs- und Umbauarbeiten in Wohnräume gewandelt werden, wodurch die Transformation zugleich relativ schnell über die Bühne gehen konnte. Zudem können die getroffenen Massnahmen in Zukunft gut und einfach rückgebaut werden, sodass deren Wiederverwendbarkeit als auch eine Neunutzung der Räumlichkeiten garantiert werden kann.
Kalt und Warm
Damit hinterfragt das Forschungsprojekt das Konzept des gleichmässig temperierten Innenraums von 21 Grad sowie damit verbunden die Zonierung von diesem. Die erste Zonierung erfolgte in private und gemeinschaftlich genutzte Zonen, die sich aufgrund der Nutzung auch in ihren Temperaturzonen unterscheidnen (können). Demnach wurden die halböffentlichen Zonen wie Erschliessungsflächen, die mit kleinen Arbeitsnischen und Ausblick übers Areal ergänzt wurden, sowie die Küche mit Essbereich entlang der Fassade verortet. Da hier gelebt und weniger gewohnt wird, stellen die schlechter gedämmte Aussenfassade und eine niedrigere/schwankendere Raumtemperatur ein weniger grosses Problem dar. So entsteht eine Temperaturlandschaft mit unterschiedlich warmen und kühlen Zonen, deren Nutzung sich über die Jahreszeiten verändert und so dem Wohnen einen saisonalen Takt einschreibt. Die speziell entwickelten thermisch aktivierten Module aus Stahl und Lehm zonieren einerseits die offene Wohnhalle, und aluminiumbeschichtete Vorhänge erlauben es, individuell die Wärmeregulierung zusätzlich zu steuern. Die dadurch generierte Temperaturlandschaft stellt die Gegenthese zur üblichen Normtemperatur in allen Räumen dar. Das Projekt hinterfragt damit ganz bewusst geltende Standards im Hinblick auf Nachhaltigkeit.
Warm ums Herz
Das Herzstück der kleinen Apartments bilden die vorgefertigten Heizmodule, die zugleich das Badezimmer, die Küche oder das Lavabo aufnehmen. Pro Wohneinheit sind je zwei dieser ovalen, kapselartigen Elemente versetzt im Raum angeordnet und verleihen diesem dank Strahlungswärme eine wohlige Atmosphäre. Denn analog zu Kachelöfen erwärmen sie mit Infrarotstrahlung Körper und nicht lediglich die Luft. Zugleich wurden diese bewusst so positioniert, um eine optimale Temperierung und das bestmögliche Innenraumklima zu garantieren. Angeschlossen sind die Wärmemodule an die Fernwärme von Pensimo, wobei die Mieter:innen dennoch die Temperatur individuell in ihrem Apartment einstellen können.
Im Entwurf der Heizelemente stellte der „Design to Cost“-Ansatz das zentrale Element dar: eine strategische Methode der Produktentwicklung, bei der die Zielkosten frühzeitig festgelegt und alle Produktentscheidungen auf diese Kosten ausgerichtet werden. Demnach werden die Kosten nicht erst im Nachhinein eruiert, sondern diese während des gesamten Entwicklungszyklus in enger Zusammenarbeit mit den Unternehmen proaktiv berücksichtigt. Der Aufbau der vorfabrizierten Prototypen gestaltet sich demnach relativ simpel: Die Apparate bestehen aus einer langlebigen, kostengünstigen sowie effizienten Chromstahlhülle, um welche die Heizungsschlaufen gelegt und letztlich mit Schafwolldämmung versehen wurden. In diesem halbfertigen Zustand wurden die Module per Kran über das Dach in die Wohnungen eingesetzt, vor Ort mit einer bis zu 5 cm starken Lehmschicht verputzt und erinnern dort im ersten Moment an karminrote Säulen – obwohl sie bewusst nicht raumhoch ausgeführt wurden. Erst nach dem Einbringen dieser wurden die einzelnen Apartments mit Schalltrennwänden unterteilt.
Zudem wurden sämtliche Leitungen sowie die Haustechnik im Aufputz realisiert, wofür – trotz der vermeintlichen Einfachheit – diese einem speziell entworfenen Verlegungsplan folgt. Somit vereint diese Geste Gestaltung und Funktion, zeigt ehrlich die notwendigen Installationen und erleichtert künftige Transformationen hinsichtlich Rückbau, Abtransport oder einer Wiederverwendung der Bauteile. Diese Gründe sind ebenso wie das Streben nach einer materiellen Sinnlichkeit in die Materialwahl eingeflossen: Die Kombination von Metall, Lehm, einem pflegeleichten Linoleumboden sowie auch den sehr einfachen Kunststoffvorhängen präsentiert eine spannende Vielfalt, wirkt einer sterilen Umgebung entgegen und bietet dank der verschiedenen, roh belassenen Oberflächen eine haptische Vielfalt.
Reflektiert
Weitere zentrale Elemente in den kleinen Wohnungen sind neben den Wärme spendenden Heizmodulen die Vorhänge: Diese sind nicht nur energetisch wertvoll, sondern dienen zugleich als flexible Raumtrenner. Dank der umlaufenden Endlosschienen in der Decke sind diese individuell an Platzbedürfnisse sowie den Tagestemperaturverlauf anpassbar. Das Besondere an den Vorhängen sind die eingewebten Aluminiumfasern, die die Wärme bzw. Kälte reflektieren und dadurch unterschiedliche Temperaturzonen in den Räumlichkeiten ermöglichen können. So lässt sich die Strahlungswärme oder die Kühlung der thermoaktiven Heizelemente innerhalb der Apartments lenken und die Wärme dorthin lenken, wo sie gebraucht wird, statt in der ganzen Wohnung zu verpuffen – dies spart letztlich Kosten und Energie. Zudem sind die Textilien selbst auf mehreren Ebenen sparsam: Das Industrieprodukt, das eigentlich für Gewächshäuser verwendet wird, verspricht vor allem Langlebig- sowie Widerstandsfähigkeit.
Abgekapselt
Purismus prägt auch die Nasszellen der Wohnungen, deren Erscheinung Assoziationen mit futuristischen Weltraumkapseln erweckt. Die Kombination ihrer rohen Materialität mit dem Low-Tech-Gedanken spiegelt sich hier wortwörtlich in der Chromstahlverkleidung wider. Die Duschkabinen sind bereits als Teil der Kapsel konzipiert und werden lediglich mittels eines Duschvorhanges abgetrennt. Gegenüberliegend finden das Lavabo sowie das WC Platz in der Kabine, die von zwei subtilen Glühbirnen ausleuchtet wird. Simpel, aufs Notwendigste reduziert sowie praktisch beschreibt die Ausführung der Badezimmer ebenfalls sehr akkurat.
Wohnen im Büro?
Wie schafft man es nun, Wohnlichkeit mit möglichst geringen und reversiblen Massnahmen in ein Bürogebäude aus den 80er-Jahren zu bringen und dabei grossflächige, energetische Sanierungsarbeiten zu umgehen? Auf diese Frage antwortete das Büro EMI Architekt:innen mit diesem Pilotprojekt und bezieht neben dem modularen Grundriss noch weitere Aspekte in seinen Entwurf mit ein: Durch die Kombination und die ehrliche Verwendung verschiedener Materialien haben sie den Räumen eine spürbare Sinnlichkeit zugeschrieben, die von einer belebenden und markanten Farbigkeit verstärkt wird – insbesondere in den gemeinschaftlich genutzten Flächen. Hier prägen starke Farbkontraste die einfachen Gemeinschaftsküchen aus Sperrholzplatten: ein roter Linoleumboden trifft auf eine strahlend blaue Küchenzeile sowie einen sattgrünen Esstisch – eine Farbkombination, die sich im anderen Gebäudeflügeln umkehrt. Abgesehen von der farblichen Lebendigkeit, sollen diese öffentlicheren Flächen des Geschosses dazu beitragen, den Austausch und das soziale Leben unter den Bewohner:innen zu fördern, den reduzierten, privaten Wohnraum zu erweitern, und auch die Möglichkeit des Homeoffice bzw. notwendige Lernplätze aufnehmen. Das Forschungsprojekt „Das wohltemperierte Haus“ versucht somit Nachhaltigkeit, Effizienz und das Miteinander zu vereinen und zugleich eine Möglichkeit aufzuzeigen, welches Potenzial im Einfachen liegt.
© Roland Bernath & EMI Architekt:innen (Baustellenfotos)
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