Unweit von Chur liegt auf der linken Uferseite des Rheins die Gemeinde Untervaz.
Ihr Ortsgebiet erstreckt sich vom Fluss bis zum Grat der Bergkette, wo der Calanda den
höchsten Punkt markiert und massgeblich das eindrückliche Panorama prägt.
Baulich ist die zentrale Schulanlage für das Dorf prägend. Die Schulen und die Mehrzweckhalle mit dem Sportplatz bilden ein Ensemble verschiedenster Architektursprachen und sind ein gesellschaftlicher Knotenpunkt in Untervaz. Ein Pendant zu diesem oberhalb liegenden Schulcluster bildet seit diesem Jahr der neue, als Hofhaus realisierte Vierfachkindergarten: Mit diesem hat die Arbeitsgemeinschaft Weitschies Krähenbühl naturnahe und qualitätsvolle Aufenthaltsräume sowie eine einmalige Lernumgebung für die Jüngsten geschaffen.
Über die Zeit hat sich das kleine Dorf kontinuierlich weiterentwickelt, sodass sich die Einwohnerzahl hier auf der linken Seite des Bündner Rheintals in nicht mal 50 Jahren beinahe verdoppelt hat und das Dorf mittlerweile über 2500 Bürger:innen zählt. Demnach stieg auch fortwährend die Nachfrage nach Platz in den Bildungseinrichtungen für die Jüngsten in der Gemeinde. Als Resultat entstand das zentrale Ensemble eigenständiger Schulbauten aus unterschiedlichen Zeitabschnitten, die einen lebendigen Treffpunkt darstellen und ein grossflächiges öffentliches Areal aufspannen. Zu dem bestehenden Kontext im Dorfzentrum gehört unter anderem die von Robert Obrist entworfene Schulanlage aus den 1980er-Jahren, die aus einem viertelkreisförmigen Oberstufenschulhaus und einer rechteckigen Turn- und Mehrzweckhalle besteht. Diese wurde 2003 mit einem länglichen, zweigeschossigen Bau, der die Primarschule aufnimmt, erweitert. Ergänzt wird diese von einem U-förmigen Gebäude, das 2013 unter der Feder von Oeschger Architekten realisiert wurde, die neue Primarschule beherbergt und das ursprüngliche Schulhaus von 1959 ersetzt. Doch nicht nur in den Bauten, sondern vor allem auch zwischen diesen entstanden verschiedene Hof-, Platz- und Gassenräume, die von einer davor liegenden grossen Wiese mit Sportplatz abgerundet werden. Zuvor gehörte noch ein dreigeschossiger Kindergarten aus dem Jahr 1938, etwas hangabwärts im Nordosten der Parzelle, zu diesem Gebäudearrangement. Dieser wurde jedoch den aktuellen Ansprüchen nicht mehr gerecht, und zeitgemässere Lern- und Spielumgebungen sowie mehr Betreuungsplätze waren gefragt, sodass die Gemeinde Untervaz 2021 einen anonymen, zweistufigen Wettbewerb im selektiven Verfahren ausgeschrieben hat. Zu dem ausgeschriebenen Wettbewerbsperimeter zählte auch dieser, bisher als denkmalpflegerisch wertvolles Gebäude geschützte Kindergarten, dessen Erhalt jedoch in keinem der eingereichten Projekte befürwortet wurde. Alle Vorschläge haben aus ortsbaulichen und/oder programmatischen Überlegungen den bestehenden Kindergarten nicht mit einbezogen und sich somit für einen Neubau ausgesprochen.
Einladend
Aus den eingereichten 66 Bewerbungen setzte sich die Arbeitsgemeinschaft Weitschies Krähenbühl mit ihrem Projekt „Der dritte Pädagoge“ durch. Ihr Vorschlag hob sich durch einen eingeschossigen und identitätsstiftenden Hofhaustyp hervor, der dabei insbesondere das Thema Platz wortwörtlich grossschreibt: So finden unter dem weitläufigen Dach des Neubaus insgesamt vier Kindergartengruppen, ein Mittagstisch für die benachbarte Schule sowie eine extern geführte Spielgruppe Platz, die sich vierseitig um einen zentralen Hof gruppieren. Zudem wurden unter dem Neubau insgesamt 57 neue Tiefgaragenparkplätze für die Gemeinde geschaffen, wobei sich diese erst im Projektverlauf entwickelten und ins Programm aufgenommen wurden.
Doch nicht nur mehr Grosszügigkeit und vor allem neuen Raum für die Kinder verspricht das Hofhaus, sondern ebenso raumgreifend ist dieses mit seiner flächigen Gestaltung selbst. Ausladend, aber dafür mit einer niedrigen Gebäudehöhe integriert es sich optimal in die umliegende Struktur von Wohnhäusern, sodass sich der Vierfachkindergarten überaus selbstverständlich in das Dorfbild einpasst und zugleich einen harmonischen Gegenspieler zum benachbarten Arrangement der Schulbauten darstellt. Dies macht der Neubau dabei nicht nur formal, sondern gleichermassen mit seiner optischen Gestaltung.
Naturnah
Die Attribute einfach und natürlich beschreiben den Neubau überaus passend: Die nicht tragenden Aussenwände wurden komplett aus Hanfkalk realisiert, in Abschnitten von 50 cm aufgestampft, kommen ohne zusätzliche Dämmung aus und wurden innen lediglich mit Lehmputz oder Filzpaneelen veredelt. Letztere sind aus Schafwolle gefertigt, haben schallabsorbierende Eigenschaften und können zugleich als Pinnwände genutzt werden.
Ergänzt wird diese Bauweise durch sichtbare, unbehandelte Holzkonstruktionen, wodurch die Materialehrlichkeit im Projekt unterstrichen und das Raumklima auf natürliche Weise positiv beeinflusst wird. Die Tragstruktur des Neubaus bildet ein Holzständer aus Fichte, die in den Wäldern von Untervaz geschlagen wurde. Ausgefacht wurde dieses Holzskelett mit Lärchenbrettern, die die Innenwände ausbilden und – falls gefragt – Flexibilität zulassen würden. Selbst im Boden wird der Bezug zum Holz erneut aufgegriffen, wofür Holzeinschlüsse in den dunklen Kautschukboden eingearbeitet wurden und hier eine zufällige Maserung generieren.
Neben dem Wunsch nach Qualität, Regionalität und Ökologie waren Langlebigkeit, Haptik, sinnliche Wahrnehmung sowie einfache Reinigung hinsichtlich der kindergerechten Nutzung oder auch eine einfache Rückführbarkeit ausschlaggebende Argumente für die hochwertige Materialwahl. Doch nicht nur hier steht die Nähe zur Natur im Zentrum: Wortwörtlich kommt diese im Innenhof des Neubaus zum Ausdruck, wo eine coupierte, der Rhein-Auenlandschaft nachempfundene Topografie zum Spielen, Entspannen, Entdecken und Beobachten einlädt. Durch Sträucher, Treppen oder eine von Regenwasser gespeiste Rinne wird der Naturraum in unterschiedliche Zonen geteilt, wo entweder im Sandkasten gegraben, auf den Stufen Theaterstücke vorgeführt oder die Insektenwelt erforscht werden kann.
Volles Programm
Rund um diese kleine Naturoase reihen sich die einzelnen Nutzungen bzw. jeweiligen Gruppenräume aneinander und sind separiert in Teilvolumen untergebracht, die primär über den Innenhof und dank des umlaufenden und ausladenden Vordaches gänzlich witterungsgeschützt erschlossen sind.
Alle vier Kindergärten sind dabei gleich aufgebaut und unterscheiden sich lediglich in ihrer Geometrie sowie Raumanordnung: Im Eingangsbereich bietet eine überhohe Garderobe ausreichend Platz, um Kleidung, Schuhe und Rucksäcke zu deponieren. Direkt daran grenzen die Sanitärbereiche an, die mit ihrer Raumhöhe überraschen. Die Räume reichen hier bis unter den Giebel und sind im Gegensatz zu den restlichen Räumen komplett dunkel ausgekleidet, wobei Lichtbänder im oberen Bereich der Innenwand Tageslicht dezent ins Innere holen.
Zur anderen Seite des Eingangsbereichs öffnet sich der zweistöckige Gruppenraum: Im Parterre befindet sich neben der dunkelgrünen Kochnische ein kleiner Gruppenraum, der mittels Schiebetür zur abgeschlossenen Einheit werden kann. Die Ausstattung und die Gestaltung in den Innenbereichen wurden bewusst reduziert gehalten und individuelle Gestaltungsmöglichkeiten dabei mit einfachen Mitteln garantiert. So sorgen grosse Wandtafeln, die bemalt werden können, Filzpaneele sowie Holzwände, an denen mit Pinnnadeln Bilder, Fähnchen oder anderweitige Dekorationen angebracht werden können, für mehr Leben und Individualität im Inneren. Verspielt wirken auch die Hängelampen in den Kindergärten, die mit ihren papiernen Schirmen an Laternen erinnern.
Sehen
Eine spannende räumliche Situation sowie kindliche Geste stellen zudem die jeweiligen Galerien dar, die dank der Dachschrägen möglich waren: Erschlossen sind die Halbgeschosse über eine Holztreppe und gewähren nicht nur einen verwinkelten Rückzugsort, sondern bieten vor allem auch einmalige Perspektiven. Ob das Beobachten des Geschehens im Erdgeschoss oder dank der Dachfenster auch spannende Ausblicke nach oben – die Kinder finden hier eine wahre Aussichtsplattform wieder. Weitere spannende Blickachsen eröffnen die grossen, beinahe raumhohen Fenster im Erdgeschoss, die den Innen- und Aussenraum und zudem die gegenüberliegenden Kindergärten visuell miteinander verbinden. Die zusätzlich vereinzelt gesetzten Bullaugenfenster geben darüber hinaus Einblicke in die überdachten Aussenräume. Erarbeitet wurden diese besonderen räumlichen Situationen in penibler Modellarbeit, wofür die Ecksituationen im Massstab 1:10 nachgestellt und erprobt wurden. Mit viel Feingefühl wurden ebenso diverse Beschriftungen und Beschilderungen entwickelt: Dazu hat sich das Dornbirner Büro Sägenvier für die Signaletik Unterstützung der Kinder geholt und deren Zeichnungen als Vorlage genommen. So ziert nun ein Regenbogen oder auch eine Sternschnuppe den Eingang zum jeweiligen Kindergarten und verleiht der Gruppe zugleich den jeweiligen Namen.
Kleine Welt
Mit vielen kleinen Puzzleteilen und Liebe zum Detail wurde der neu geschaffene Kindergarten zu einem Ort, der den Kindern das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt sowie Ruhe und einen privaten Rückzugsort garantieren soll. Wobei die kindliche Energie und Ausgelassenheit nicht vergessen und der hierfür notwendige Raum für Bewegung und Begegnung mit einbezogen wurde. Einerseits, um dem natürlichen Bewegungsdrang der Jüngsten gerecht zu werden, und andererseits, um das Erfahren sowie Erleben ihrer Umwelt zu ermöglichen – innen sowie aussen. Die überdachten Durchgänge unterteilen das Volumen unter dem Satteldach in Abschnitte und erlauben dabei interessante Vernetzungen mit der Umgebung. Dadurch entsteht nicht nur ein Erschliessungsnetzwerk, sondern es wurden vielfältig nutzbare, gedeckte Räume zwischen den Kindergärten, dem Hofgarten und dem öffentlichen Spielplatz geschaffen.
Nachhaltig
(Frei-)Raum – diesen gibt der grosszügige Neubau den Kindern vollumfänglich und dabei vor allem auch in bester Qualität und möglichst naturnah. Ob in der Materialität, dem Bezug zum Aussenraum oder auch durch den Einbezug natürlicher Energiegewinnung. So sind vier der acht grossflächigen Dachseiten mit insgesamt rund 1000 m2 Solarpaneelen versehen und geben diesen somit eine doppelte Nutzung. Und apropos Fläche: Mehr kann hier für die Zukunft eindeutig als mehr verstanden werden. Nicht nur kurzfristig gedacht garantiert der Vierfachkindergarten neuen Raum, sondern stellt auch langfristig für das gesamte Schulareal eine tragfähige Lösung dar. Wenn letztlich mehr Baufläche verwendet wurde, wurde damit mehr Platz zur Entfaltung, zum spielerischen Entdecken und zum gemeinsamen Lernen geschaffen. Und das in einer architektonischen Umgebung, die auf Natürlichkeit, Materialehrlichkeit und Qualität setzt.
© Laura Egger
Weitere Informationen zu dem Projekt finden Sie unter: Krähenbühl Architekten
