Im Gespräch mit Rahbaran Hürzeler Architects

„Die Zeit, in der Ressourcen unbegrenzt verfügbar schienen, ist definitiv vorbei.“  (Rahbaran Hürzeler Architects) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.

Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wir beschäftigen uns mit räumlichen und architektonischen Fragen in sehr unterschiedlichen Massstäben: vom städtischen Wohnen über die Entwicklung zeitgemässen Schulraums bis hin zu Transformationsprozessen von Industriearealen. Parallel zu unserer praktischen Arbeit unterrichten und forschen wir an der Hochschule. Dabei beschäftigen wir uns intensiv mit der Entwicklung nachhaltiger Strategien für unsere gebaute Umwelt – ganz im Sinne von Constructive Futures.

Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Die Wiederentdeckung von Denise Scott Browns Arbeit und die vertiefte Auseinandersetzung mit ihren städtebaulichen Untersuchungen. Ihre wegweisende Recherche in Levittown und der daraus entwickelte Ansatz des sozialen Städtebaus sind heute aktueller denn je zuvor und dienen uns als Inspirationsquelle. 

Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Die Zeit, in der Ressourcen unbegrenzt verfügbar schienen, ist definitiv vorbei. Uns interessiert der daraus resultierende Zwang zur Reduktion und Vereinfachung in technischer und räumlicher Hinsicht sowie die damit einhergehende Chance zur Wiederentdeckung althergebrachter Konstruktionsmethoden und Techniken. Ein Blick in die Baugeschichte fördert einen bewussteren Umgang mit Material und eine konsequentere Anwendung. Gleichzeitig sind wir als Architektinnen gefordert, für diese Entwicklung eine neue Gestalt zu finden und ihr einen zeitgemässen Ausdruck zu verleihen.

Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Für uns ist Schönheit kein direktes Ziel, sie entsteht vielmehr aus einem Prozess heraus. Zu Beginn stellt sich uns oft die Frage nach der Nutzung und der Innovationskraft des geforderten Programms. Wir untersuchen die Bedürfnisse und die räumlichen Zusammenhänge, und daraus entstehen erste strukturelle und raumbestimmende Ideen. Die Inszenierung von Struktur, Licht, Material und Farbe sind weitere Mittel, die wir nutzen, um angenehme und inspirierende Räume zu schaffen. Dabei ist uns Komplexität und Vielfalt wichtiger als Perfektion, denn wir suchen nach Räumen, in denen wir uns als Menschen gerne aufhalten und die uns berühren und bewegen können.

Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Wenn es mehr ist als gebaute Funktion. Ein Gebäude muss immer auch einen Beitrag darüber hinaus leisten; zum Stadtraum, für die Gemeinschaft, für die einzelne Nutzerin. Wir suchen jeweils nach dem Mehr an Wert, welche jede Intervention bieten kann. Dieser Mehrwert kann beispielsweise in Form von Aufenthaltsqualität, Behaglichkeit, Flexibilität oder natürlich auch räumlicher Vielfalt entstehen.

Welche Rolle spielt die Architektin in der Gesellschaft?
Wir möchten optimistisch sein. Wir werden und müssen einen Punkt erreichen, an dem wir in der Lage sind, auf kreislauforientierte, nachhaltige Weise zu bauen. Aber genauso wichtig ist es, dass wir gute und freundliche Räume für alle bauen, nicht nur für die Privilegierten. Wir verfolgen eine Architektur, die einladend und offen für verschiedene Nutzer und Verwendungszwecke ist und die soziale Mischung und den Austausch fördert. Architektur, die sensibel mit Material, Form, Licht und Luft umgeht.

Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Diese Frage würden wir umgekehrt stellen: Welche Rolle spielen die Architekt:innen in der Politik? Wir müssen uns wieder viel stärker in die Gesellschaft einbringen, Stellung beziehen und für Werte einstehen. Jede architektonische Intervention beinhaltet immer auch eine gesellschaftspolitische Komponente.

Kann Architektur die Welt verbessern?
Ja, auf jeden Fall. Das ist gleichzeitig unsere Hoffnung und unser Anspruch.

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