„Es muss nicht spektakulär sein, um Architektur zu sein, eher im Gegenteil.“ (Holzhausen Zweifel Architeken) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.
Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wir setzen uns seit unserer Gründung 2010 konstant mit Projekten im Baubestand auseinander, sowohl im Zuge von Wettbewerben und Planerwahlverfahren als auch in der konkreten Projektierung. Bauen im Bestand reicht bei uns vom Weiternutzen und Ertüchtigen banaler oder profaner Bestandsbauten bis zu konservatorischen und werterhaltenden Massnahmen bei hochsensiblen Denkmalschutzobjekten. Derzeit planen wir in Zürich an einer Gesamtinstandsetzung eines Wohnhauses aus den 1950er-Jahren für die Zürcher Stiftung Einfach Wohnen mit dem Ziel, kostengünstige Wohnungen zu erhalten. Zudem arbeiten wir an einer Potenzialstudie für die Umnutzung einer grösseren historischen Liegenschaft im Zürcher Seefeld. Im Berner Büro laufen neben einem Instandsetzungsprojekt für ein kleines Mehrfamilienhaus noch die Planung zur Instandsetzung eines inventarisierten Reiheneinfamilienhauses und die Baustelle für die zurückhaltende Umnutzung eines ehemaligen Altersheims in ein Angebot für betreutes Familienwohnen. Daneben laufen Wettbewerbe und Planerwahlverfahren für Projekte sowohl im Bestand als auch für Neubauten. Aber immer mit Fokus auf das Generieren von Mehrwerten und auf den Erhalt und die Weiternutzung von bestehenden, gewachsenen Kontexten.
Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Vor kurzem erst wieder einmal Klas Anshelms Kunsthalle in Malmö, welche derzeit ihr 50-Jahr-Jubiläum feiert. Ein grosser stützenfreier Raum, komplett von oben natürlich belichtet und mit einer vollflächigen Glasfassade zum vorgelagerten Platz geöffnet. Ein öffentlicher Ort, entsprechend alles sehr einfach, direkt und unprätentiös. Es schmerzt auch nicht, wenn mal ein Nagel irgendwo eingeschlagen, oder ein Bodenbrett ausgetauscht wird. Auch räumlich sehr einfach aufgebaut, sehr unmittelbar, mit einem direkten Eingang vom Vorplatz in die Kunsthalle. Ohne grosses Entrée, sondern man tritt ein und ist grad im Ausstellungsraum. Fantastisch in seiner vordergründigen Einfachheit und doch getragen von vielen raffinierten, aber zurückhaltenden Details. Und nach 50 Jahren noch kein bisschen alt.
Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Weder noch: Material ist. Es liegt an uns Architekt:innen, sich mit (neuen) Materialien fachgerecht auseinander- und diese angemessen einzusetzen. Dabei können die einfachsten und bekanntesten Materialien plötzlich zu ganz ungeahnten und evtl. auch neuen Einsatzformen kommen. Es braucht vielleicht auch gar nicht immerzu neue Materialien, sondern mehr vertieftes Nachdenken über die Potenziale vorhandener Materialien und wie wir diese innerhalb neuer, oder geänderter, Rahmenbedingungen einsetzen können.
Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Ja, aber eine jeweils sehr subjektive. Insofern ist es müssig, diese zur Diskussion stellen zu wollen. Betreffend Architektur entsteht sie für uns grundsätzlich aus einer logischen Ordnung heraus, die vom Städtebau bis zur Detaillierung alles bestimmt, wobei Ausnahmen die Regel auch durchbrechen dürfen, um Spannungen zu erzeugen. Aber ein rein formales Schönheitsverständnis sehen wir als Basis für unser Schaffen kritisch bzw. unterliegt dieses eben immer subjektiv beliebigen Vorstellungen. Wir versuchen eher eine Allgemeingültigkeit zu erreichen.
Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Bauen kann jeder. Aber Architektur braucht eine ordnende Intention, die man dem gebauten Werk dann auch anmerkt. Das muss nicht immer offensichtlich sein. Manchmal spürt man das auf einer subtilen Ebene: Dinge kommen logisch zusammen. Saubere Fügungen offenbaren, dass intensiv um sie gerungen wurde. Materialien und Farben stimmen miteinander und dem Ort und der Nutzung überein. Wenn solche Dinge vorhanden, aber als Ausgangspunkt subtil genug sind, dass sie vom Leben auch überschrieben werden können, ohne qualitativ zu leiden. Es muss nicht fancy sein, um Architektur zu sein, eher im Gegenteil.
Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Zuhören können und sich selbst nicht zu wichtig nehmen. Besser gute Fragen stellen, als immer alles beantworten zu wollen. Und letztlich Verantwortung übernehmen für das, was man erschafft, und die Folgen, die es mit sich bringt.
Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Leider eine zu geringe. Es ist schon erschreckend und für unseren Berufsstand auch teilweise beschämend, wenn es für viele Menschen selbstverständlich scheint, dass Anwalt oder Ärztin ein Expertentum ist. Aber Architektur…, „da kann man doch am Honorar sparen. Die wollen sich eh nur selbst verwirklichen“. Aber an dem Rollenbild bauen wir im Zweifelsfall auch alle mit. Uns fehlt leider eine breit abgestützte und proaktive Lobby, wenn man es so nennen mag. Unser Metier ist manchmal etwas zu selbstgefällig und reagiert dann immer erst auf Druck von aussen, Stichwort: Honorarordnung. Aber wir haben Hoffnung auf die jüngere Generation, die sehr offen scheint und sich aber richtigerweise auch nicht mehr alles bieten lassen will.
Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Was die konkrete Architektur betrifft, am besten gar keine. Aber sie kann über eine konsequente gesetzliche Selbstverpflichtung der öffentlichen Auftraggebenden die Voraussetzungen schaffen, dass bei öffentlichen Bauaufgaben umfassend gute und beispielhafte Architektur entstehen kann. Indem beispielsweise die qualitative Erfüllung bei Submissionen eine höhere Gewichtung erhält. Und indem sie gesetzlich Raum gibt, dass Qualität sich entfalten kann. Denn Qualität zahlt sich am Ende immer aus, nicht nur monetär, sondern auch in der Zufriedenheit und der Akzeptanz von Architektur bei den Nutzenden und der breiten Bevölkerung.
Kann Architektur die Welt verbessern?
Da müsste man sich zuerst einmal auf eine gemeinsame Vorstellung einer vermeintlich besseren Welt einigen können. Insofern: Nein, aber Architektur kann qualitätsvolle Orte und Räume anbieten um sich mit den Freuden und den Widrigkeiten der Welt angemessen und würdevoll auseinandersetzen zu können. Und vielleicht reift dabei ja bei dem einen oder der anderen eine konsensfähige Vorstellung, wie es in Zukunft besser laufen könnte.
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