Ein Ort der Erneuerung in denkmalgeschütztem Areal

Am Valley Square in Kemptthal erhebt sich einer der wenigen Neubauten im legendären Maggi-Areal: das siebenstöckiges Bürohaus nimmt das bauliche Erbe des Ortes auf, fügt sich in die historische Struktur ein und treibt zugleich als prägnanter, flexibel nutzbarer Baustein die Transformation von «The Valley» voran – ein markanter Abschluss im dichten Gefüge aus Backsteinfassaden und Industriedenkmälern. 

Kemptthal liegt im Bezirk Pfäffikon im Kanton Zürich und ist ein Ortsteil der Gemeinde Lindau. Die Ortschaft liegt landschaftlich reizvoll auf der Wasserscheide zwischen dem Kempt- und dem Glatttal, mit rund einem Drittel bewaldetem Gemeindegebiet und einer Lage, die strategisch wie ruhig zugleich ist: Zürich, Winterthur und der Flughafen sind nahe, doch das Tal bewahrt einen eigenen Rhythmus. 

Folgt man der Kempt talabwärts, taucht zwischen Bäumen und Wiesen eine andere Welt auf. Lange Backsteinfassaden mit hohen Fenstern, Giebeln und Türmen erinnern an die Blüte der Industrie, geprägt von der englischen Fabrikarchitektur des späten 19. Jahrhunderts. Hier schlug über Generationen das industrielle Herz Kemptthals. Ab den 1880er-Jahren machte Julius Maggi aus einer Mühle einen Produktionsstandort für Bouillon und Würzmittel mit internationaler Strahlkraft. Die Fabrik wuchs – ein Bau folgte auf den nächsten, bis sich im engen Tal eine kompakte «Fabrikstadt» gebildet hatte. Die Kempt und der Mühlenkanal lieferten Energie, die Bahnlinie verband den Ort mit Zürich und Winterthur. Frühe Neu- und Produktionsbauten reihten sich wie eine Fabrikstraße entlang des Flusses und der Gleise. Später setzte der deutsche Architekt August Dietz monumentale Akzente: gelber Backstein, Magazingebäude beim Bahnhof, Werkstattbau mit Kesselhaus und Hochkamin. Vor dem Ersten Weltkrieg akzentuierten die Zürcher Architekten Pfleghard & Haefeli den Haupteingang mit einem einheitlichen Verwaltungsbau und ergänzten die Anlage um weitere Produktionsvolumen. 

Über Jahrzehnte blieb dieser Rhythmus prägend, bis zur Fusion mit Nestlé, die größere Neubauten bremste. Erst 2018 begann mit der Übernahme durch Mettler2Invest (heute Mettler Entwickler AG) und Motorworld eine neue Phase: behutsame Restaurierungen, Umnutzungen und punktuelle Neubauten in engem Dialog mit der Denkmalpflege. Heute trägt das Areal den Namen «The Valley». Der industrielle Puls schlägt weiter, doch der Takt hat sich verändert: Hinter denkmalgeschützten Fassaden arbeiten über 120 Unternehmen aus den Bereichen Food, Aroma, Mobilität und Technologie. Neben etablierten Akteuren wie Givaudan oder Planted sind zahlreiche Start-ups und Entwicklungsbüros vor Ort; der Platz zwischen den Gebäuden ist nicht mehr nur Verkehrsfläche, sondern Bühne für Veranstaltungen und Austausch. 

Mit dem Bürohaus von Marazzi + Paul Architektur, Zürich und Bern, erhält «The Valley» einen klaren neuen Akzent. Als einer der wenigen Neubauten im geschützten Ensemble tritt er respektvoll und selbstbewusst zugleich auf. Er steht am Valley Square, dem zentralen Platz des Areals, und bildet hier den prägnanten Abschluss der Platzkante. 

Wo zuvor eine unbebaute Wiesenfläche am Hang lag, steht nun ein siebengeschossiger Baukörper mit je rund 700 m² pro Etage. Die unteren beiden Geschosse sind als offene, zweigeschossige Verkaufs- und Showroom-Zone konzipiert. Raumhohe Verglasungen holen den Platz ins Gebäude; bei Veranstaltungen auf dem Square entsteht eine direkte Interaktion zwischen Innen und Aussen. In den oberen Geschossen fördern speziell konzipierte Labor- und Bürowelten die Entwicklung im Bereich der Lebensmitteltechnologie und angrenzender Themen. 

Markant an der Platzseite ist das außenliegende Treppenhaus. Es verfügt über vorbereitete Anschlussnocken für eine künftige Passerelle zum geplanten Arealparkhaus. So entsteht eine direkte, wetterunabhängige Verbindung zweier zentraler Adressen – Parkhaus und Platz –; zugleich wird das Treppenhaus zum architektonischen Auftakt, der den Besucherstrom bündelt und adressiert. Diese Verbindungsidee fügt sich in das Grundprinzip des Hauses: ein polyvalentes Gebäude, das Gewerbe-, Labor- und Büronutzungen gleichwertig aufnehmen kann – «wie eine Hydra», die verschiedene Anforderungen gleichzeitig abbildet. 

Im Inneren setzt sich dieser Dualismus fort: offene Grundrisse treffen auf gezielt gesetzte Rückzugsbereiche. Tageslicht wird zum gestaltenden Element – hohe Fensterfronten rahmen Ausblicke auf das Areal und die Türme der Maggi-Hallen. Flexible Leichtbauwände erlauben unterschiedlich große Mieteinheiten, alle hell und mit direktem Außenbezug. Der Grundausbau bleibt bewusst roh; Installationen sind auf Putz geführt, wodurch Technikführung und Tektonik sichtbar bleiben und Eingriffe für künftige Anpassungen vereinfacht werden. Auf Laborflächen kommt regelkonformer Vinylboden zum Einsatz; in Bürobereichen unterstützt Teppich die Raumakustik und ermöglicht offene Arbeitswelten. 

Konstruktiv ist das Haus als reiner Skelettbau organisiert. Ein durchgehender Betonkern fasst Treppen, Aufzüge und Sanitärzonen; die Lasten werden über Raumstützen und die Betondecken abgeführt. Dieses System trennt Struktur und Hülle klar: innen robuste, flexible Tragstruktur; außen langlebige, wartungsfreundliche Bekleidung, die bei Bedarf unabhängig erneuert oder ergänzt werden kann. 

Die Fassade übersetzt die Grammatik der historischen Nachbarschaft in eine zeitgenössische Formensprache. Vertikale Lisenen, eine präzise Rasterung und die klassische Dreiteilung gliedern den Baukörper: unten ein zweigeschossiger Sockel als transparente Schaufenster- und Showroomzone, darüber der Hauptbau als ruhiger, klar gefasster Körper, abgeschlossen von den beiden obersten, subtil zurückgestaffelten Geschossen. 

Die Fassadenkonstruktion besteht aus aussenliegenden Stahlton- Elementen in Leichtbauweise, als Baukastensystem vorgehängt und durchgehend hinterlüftet. Die hochwertige Ausführung zeigt sich in der Präzision der Fugen, der klaren Tektonik und der Materialwahl. Die Stahlton-Elemente sind in einer warmen Sonderfarbe mit leicht olivfarbenem Einschlag eingefärbt, wodurch sie eine feine Verbindung zu den ocker- und pastellfarbenen Backsteinfassaden der historischen Nachbarschaft herstellen. Grosszügige Fensterflächen bringen Tageslicht tief in die Räume; in den obersten beiden Geschossen sind die Lisenen bewusst zurückgenommen, was dem Abschluss eine filigranere Anmutung verleiht – eine feine Massstabsanpassung, die der Höhe des siebenstöckigen Gebäudes optische Leichtigkeit gibt, ohne seine Präsenz zu mindern. 

Text: Lukas Bonauer

© Regine Giesecke

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