Vielseitig, verbindend und verwurzelt

Direkt neben dem Kloster Einsiedeln entstand mit dem neuen Einsiedlerhof ein vielschichtiges Ensemble, das Verwaltung, Wohnen, Bildung und Gemeinschaft miteinander verbindet. Pool Architektur entwarfen ausgehend vom heterogenen Gebäudekomplex ein neues Quartier, das sich sensibel in die Topografie sowie den historischen Kontext einfügt. Zwischen Höfen, Passagen und öffentlichen Räumen entsteht damit ein Ort, der Begegnung, Transparenz, Durchwegung sowie gemeinschaftliche Nutzung ins Zentrum stellt – und damit die historische Mitte Einsiedelns neu belebt.

Einsiedeln, die zweitgrösste Gemeinde des Kantons Schwyz, ist weit über die Region hinaus vor allem für sein Kloster bekannt. Der monumentale Barockbau gilt als bedeutendstes Klosterensemble der Schweiz und zieht als wichtiger Etappenort des Jakobswegs jährlich Tausende Besucher:innen an. Unmittelbar neben diesem historisch und kulturell geprägten Zentrum befand sich bis vor Kurzem ein Gebäudekomplex, der über Jahrzehnte hinweg zunehmend an räumlicher und funktionaler Klarheit verloren hatte.
Die Kernsubstanz des ursprünglichen Hauses liess sich zwar bis ins Jahr 1748 zurückdatieren, doch zahlreiche Umbauten, Aufstockungen und Ergänzungen hatten den Baukörper über die Jahre stark verändert. Eine Aufstockung vor rund 155 Jahren sowie weitere Anbauten in den 1960er-Jahren führten dazu, dass das Gebäude weder als schützenswert noch als sinnvoll sanierbar eingestuft wurde. Während Jahrzehnten wurden zudem lediglich die notwendigsten Unterhaltsarbeiten vorgenommen. So entstand ein heterogenes Gefüge ohne klare Struktur, dessen räumliche Qualität zunehmend in Mitleidenschaft gezogen wurde. Gleichzeitig wurde auch die äussere Erscheinung dem sensiblen Kontext rund um den Klosterplatz kaum mehr gerecht.
Nach etwa sieben gescheiterten Abstimmungen entschied sich die Gemeinde deshalb für einen umfassenden Neuanfang und schrieb letztlich einen selektiven Gesamtleisterwettbewerb aus. Das Ziel war nicht nur, den baulichen Missstand zu beheben, sondern das gesamte Areal bis hin zur bestehenden Jugendkirche neu zu denken und als verbindenden Ort innerhalb des historischen Zentrums zu stärken.

Umgeben von Geschichte
Aus diesem Wettbewerb ging der gemeinsame Wettbewerbsbeitrag von Halter und Pool Architektur als Sieger hervor. Neben der wirtschaftlichen Qualität überzeugte vor allem auch der Entwurf von Pool Architektur durch die Fähigkeit, sehr unterschiedliche Nutzungen innerhalb eines zusammenhängenden städtebaulichen Gefüges zu vereinen. Entstanden ist ein neues Ensemble aus einer Bezirksverwaltung, einem Pfarreiheim, zwei Wohnhäusern sowie öffentlichen und halb öffentlichen Freiräumen, das den historischen Kontext nicht kopiert, sondern zeitgenössisch weiterdenkt.
Die Neubauten reagieren dabei feinfühlig auf die geneigte Topografie des Areals und orientieren sich zugleich in ihrer Körnung und Volumetrie an den umliegenden Gebäuden. Ein gestaffelter Sichtbetonsockel verbindet die einzelnen Häuser optisch miteinander und nimmt gleichzeitig das Wegnetz des Quartiers auf. Dadurch entstehen klare Zugänge und Adressen, ohne die Durchlässigkeit des Areals zu verlieren. Vielmehr entwickelt sich zwischen den Gebäuden ein feinmaschiges Netz aus Höfen, Passagen, Treppen und Terrassen, das öffentliche und private Bereiche miteinander verzahnt.
Gerade diese Übergänge machen die Qualität des Projekts aus. Der Einsiedlerhof versteht sich nicht als abgeschlossenes Gebäudeensemble, sondern als offenes Stück Stadt. Wege führen diagonal durch die Anlage, Blickachsen verbinden unterschiedliche Nutzungen miteinander, und immer wieder entstehen kleine Plätze oder Aufenthaltsorte. Der Aussenraum wird damit zum eigentlichen Bindeglied des Projekts.
Gestalterisch unterstreicht eine Wildpflästerung aus Natur- und Betonsteinen diesen verbindenden Charakter. Je nach Nutzungsintensität wurden die Fugen mit Kies oder Erde gefüllt, wodurch die Freiräume beinahe selbstverständlich zwischen urbanem Platz und landschaftlicher Umgebung vermitteln. Gleichzeitig wurden differenzierte Zonen mit unterschiedlichen Atmosphären geschaffen, und auch konstruktiv verfolgt das Ensemble einen nachhaltigen und ortsbezogenen Ansatz. Die Gebäude wurden in Hybridbauweise realisiert: Massive Sockelgeschosse aus Beton tragen Holzkonstruktionen mit hinterlüfteten Holzfassaden und traditionellen Dachkonstruktionen. Die Materialwahl verbindet Dauerhaftigkeit mit regionaler Bautradition und schafft eine ruhige, selbstverständliche Erscheinung.

Verwaltung als offenes Haus
Den oberen Abschluss des Ensembles bildet das neue Verwaltungszentrum des Bezirks Einsiedeln. Der siebenstöckige Baukörper markiert den Übergang zwischen Klosterplatz und Paracelsuspark und erhebt sich markant über der abfallenden Parzelle. Zwei Geschosse sind dabei in die Topografie eingegraben und erscheinen von der Talseite aus als Sockel. Trotz seiner Grösse wirkt das Verwaltungsgebäude somit nicht monumental und ist zudem klar gegliedert. Gestalterisch prägen geschlämmte Kalksandsteinbrüstungen, deren leicht gebrochener Weisston auf die umliegenden historischen Gebäude abgestimmt wurde, die präzise Fassadenstruktur. Dezente hellgrüne Fenster setzen feine Farbakzente und verleihen der Gebäudehülle Leichtigkeit. Im Inneren organisiert sich der Bau als klassisches dreibündiges Bürohaus. Zwei massive Kerne strukturieren den Betonskelettbau, während sich die Büroräume entlang der Ost-West-Ausrichtung orientieren und grosszügig mit Tageslicht versorgt werden.
Das Herzstück bildet das zentrale Atrium, das sich bis unter das Glasdach öffnet. Hier entwickelt sich ein lichter Innenraum, der die Erschliessung aufnimmt und die Aufenthaltsqualität massgeblich erhöht. Eine skulpturale Stahlwangentreppe zieht sich durch den Lichthof und aktiviert den Raum als Begegnungszone in der Mitte des Hauses. Die Bewegung durch das Gebäude wird nicht als rein funktionaler Vorgang verstanden, sondern dadurch zum räumlichen Erlebnis gewandelt.
Besondere Aufmerksamkeit galt auch den öffentlichen Nutzungen im Sockelgeschoss. Bibliothek und Musikschule profitieren von den grosszügigen Raumhöhen und öffnen das Verwaltungszentrum bewusst zur Öffentlichkeit. In den Musikräumen wurden parallele Wandflächen vermieden, um die Akustik zu optimieren, während Vorhänge im Musikensembleraum eine flexible Regulierung des Halls ermöglichen.
Den Abschluss bildet das gemeinschaftlich genutzte Dachgeschoss: Mit seiner zum Kloster orientierten Loggia tritt es architektonisch zurück und bricht die Höhe des Baukörpers. Aufenthaltsräume, Küchenzeile und gedeckte Terrasse schaffen hier einen informellen Treffpunkt mit eindrucksvollem Blick über die Klosteranlage und erhalten dank dem Douglasienboden eine hohe Aufenthaltsqualität. Eine integrierte Aufdach-Fotovoltaikanlage lässt das Verwaltungsgebäude zugleich zur Energiezentrale werden und kommt den Anforderungen der Nachhaltigkeit nach.

Wohnen zwischen Kloster und Quartier
Als nördlicher Abschluss des Ensembles ergänzt ein L-förmiger Wohnungsbau die neue Quartierstruktur. Der realisierte Bau vermittelt zwischen dem Klosterplatz und der Eisenbahnstrasse und nimmt insgesamt 25 Eigentumswohnungen auf. Die volumetrische Staffelung reagiert sensibel auf die Umgebung und reduziert die Massstäblichkeit des relativ grossen Baukörpers. Während der Nordflügel vorwiegend durchgesteckte Wohnungen beherbergt, organisiert sich der Ostflügel über Dreispänner.
Besonders prägend ist die Materialisierung der Fassaden: Die sandsteinfarben gestrichene Holzlattung greift die traditionellen Einsiedler Häuser auf und nimmt gleichzeitig die Farbigkeit des umliegenden Sandsteins auf. Inspiriert von den charakteristischen, leicht nach aussen gebogenen Fassadenabschlüssen historischer Gebäude entwickelt der Neubau eine eigenständige, aber ortsverbundene Sprache. Ergänzt wird das Erscheinungsbild durch hellrosa Storen, die dem Gebäude eine subtile Wärme verleihen. Mit ihrer Setzung schaffen sie darüberhinaus geschützte Aussenräume, die zwischen Öffentlichkeit und Privatheit vermitteln.

Gemeinschaft unter einem Dach
Besonders identitätsstiftend innerhalb des neuen Komplexes wirkt das neue Pfarreiheim St. Wolfgang. Es ergänzt die bestehende Jugendkirche von 1946 am Hangfuss und bildet gemeinsam mit ihr ein kleines kirchliches Ensemble. Dabei orientiert sich der Neubau weniger an repräsentativen Sakralbauten als vielmehr an der Einfachheit ländlicher Typologien und der Jugendkirche vom Schwyzer Architekten Joseph Steiner nebenan, die mittelalterlichen Vorbildern nachempfunden ist. Der scheunenartige Baukörper mit seinem offenen Dachstuhl erinnert an traditionelle Wirtschaftsgebäude und entwickelt gleichzeitig eine überraschende Offenheit. Vor allem die beinahe vollständig verglaste Westfassade verleiht dem Gebäude Transparenz und verbindet Innen- und Aussenraum miteinander. Eine vorgelagerte Kolonnade zieht sich über diese gesamte Gebäudelänge und schafft einen überdeckten Übergangsbereich zwischen Hof und Gebäude.
Im Inneren öffnet sich ein hoher, multifunktionaler Saal, der gemeinsam mit dem Foyer das Herzstück des Hauses bildet. Gelochte Akustikpaneele aus Seekiefer sorgen nicht nur für eine angenehme Raumakustik, sondern prägen mit ihrer markanten Maserung auch die warme Atmosphäre des Innenraums. Stahlunterspannungen in Pariserblau kontrastieren die hölzerne Konstruktion und ermöglichen einen stützenfreien Mehrzwecksaal des Baus.
Besondere Aufmerksamkeit gilt im gesamten Pfarreiheim dem Licht: Grosszügige Verglasungen öffnen den Raum zum Hof und zur Jugendkirche, während Oberlichter aus Glasziegeln und indirekte Lichtführungen in den Büroräumlichkeiten auf der Südseite gezielt atmosphärische Situationen schaffen. Eindrucksvoll zeigt sich dies im sogenannten Himmelszimmer, einem Raum für Trauergespräche. Durch einen schrägen Lichtschlitz fällt indirektes Tageslicht in den nach oben zulaufenden Raum und erzeugt ein beinahe sakrales Lichtspiel. Auch die Büroräume folgen dem Gedanken der Transparenz und Offenheit. Festverglasungen neben den Bürotüren, Oberlichter aus Glasbausteinen und Sichtbezüge zwischen den unterschiedlichen Nutzungen schaffen ein Gefühl von Verbindung statt Abschottung. Eine Bibliothek im Obergeschoss und ein Jugendraum für Verbände im Erdgeschoss ergänzen die gemeinschaftlichen Nutzungen. Besonders Letzterer öffnet sich direkt zum sogenannten Jugendhof, der gemeinsam mit den Musikräumen des Verwaltungsgebäudes einen lebendigen Aussenraum bildet. Sitzgelegenheiten aus Calancastein, der für alle geschnittenen Natursteinflächen im Projekt verwendet wurde, fördern die Aneignung durch unterschiedliche Nutzer:innen.

Kunst, Blickachsen und Identität
Wie stark das Projekt auf räumliche Beziehungen setzt, zeigt sich auch in den Kunst-am-Bau-Elementen. Ein zentrales verbindendes Motiv ist eine Marmorschüssel des Künstlers Franz Wanner, die in einem Wandausschnitt an der Strassenfassade des Pfarreiheims inszeniert wurde. Der Durchbruch rahmt nicht nur das Objekt, sondern schafft gleichzeitig eine Blickachse entlang der Kolonnade bis hin zum Eckfenster der Bibliothek. Ergänzt wird das Kunstkonzept durch drei Gemälde von Franz Wanner, die im gesamten Pfarreiheim verteilt sind. Die abstrakten Linienzeichnungen thematisieren Schöpfung, Begegnung und Auferstehung und greifen damit zentrale Themen des Ortes auf: Gemeinschaft, Wandel und Verbindung.

Ein Ort für das gemeinschaftliche Miteinander
Der neue Einsiedlerhof ist somit weit mehr als eine funktionale Überbauung neben dem Kloster Einsiedeln. Vielmehr entstand hier ein fein abgestimmtes Stück Stadt, das unterschiedlichste Nutzungen miteinander verknüpft und den historischen Kontext sensibel weiterentwickelt. Verwaltung, Wohnen, Bildung, Kultur und Gemeinschaft finden innerhalb eines zusammenhängenden Ensembles ihren Platz, ohne ihre Eigenständigkeit zu verlieren. Gerade darin liegt die besondere Qualität des Projekts: Es schafft keine isolierten Solitäre, sondern Beziehungen – zwischen Gebäuden, Menschen und Freiräumen. Die zahlreichen Höfe, Passagen und Blickachsen fördern Begegnung und Austausch, während die differenzierte Gestaltung gleichzeitig Rückzug und Privatheit ermöglicht. Transparenz wird hier nicht nur architektonisch verstanden, sondern auch gesellschaftlich: als Offenheit gegenüber unterschiedlichen Nutzungen und Lebensrealitäten.
Zugleich zeigt der Einsiedlerhof, wie zeitgenössische Architektur in einem historisch sensiblen Umfeld agieren kann, ohne in Nostalgie zu verfallen. Die Neubauten greifen lokale Typologien, Materialien und Proportionen auf, interpretieren diese jedoch eigenständig weiter. So entsteht eine Architektur, die sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern ihre Stärke aus dem Zusammenspiel mit dem Ort entwickelt. Der neue Komplex wird damit zu einem neuen Mittelpunkt innerhalb des historischen Zentrums – nicht als monumentales Zeichen, sondern als lebendiges Gefüge aus Wegen, Häusern und gemeinschaftlichen Räumen sowie neuen öffentlichen Parkmöglichkeiten im Zentrum Einsiedelns. Ein Ort, der verbindet, integriert und langfristig neue Formen des Zusammenlebens ermöglicht.

© Andrea Helbling, Arazebra

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