An der Zwingerstrasse 29 in Basel hat fm unlimited ein Wohnhaus aus der Jahrhundertwende zu Wohngemeinschaften für Lernende und Studierende umgebaut. Gebaut wurde weitgehend mit wiederverwendeten Bauteilen: Armaturen aus der Bauteilbörse, aufgearbeiteter Altparkett, Einbaumöbel aus ausrangierten Gerüstdielen. Ein WG-Zimmer kostet 630 Franken.
Hinter dem Bahnhof beginnt ein anderes Basel. Die Gleise im Rücken, öffnet sich das Gundeldinger Quartier als dichtes Raster aus Strassenzügen, die fast alle um die Jahrhundertwende entstanden sind: vier- und fünfgeschossige Häuserzeilen, Erker, Stuckfassaden, im Erdgeschoss Läden und kleine Restaurants aus aller Welt. Das Gundeli war ein Arbeiterquartier. Heute ist es eines der dichtest bewohnten und lebendigsten Quartiere der Stadt. Wer hier eine Wohnung sucht, sucht lange. Wer wenig verdient, sucht länger. Die Zwingerstrasse liegt mitten darin, eine Wohnstrasse wie viele. Nummer 29 fügt sich ein: eine ruhige Fassade, Fenster in regelmässiger Ordnung. Die Strassenseite schweigt darüber, dass hinter dieser Tür in den vergangenen drei Jahren etwas erprobt wurde, das in der Schweizer Baubranche noch immer die Ausnahme ist. Im Treppenhaus der erste Hinweis darauf, wie hier gearbeitet wurde. Die geschwungene Treppe mit dem hölzernen Handlauf ist geblieben, weiss gestrichen, ein wenig ausgetreten. Sie durfte bleiben, weil sie funktioniert. Dieser Satz beschreibt das ganze Projekt.
Oben öffnet sich eine Wohnung, in der zuerst der lange Tisch auffällt. Er steht in einem Raum, der Küche, Esszimmer und Wohnzimmer zugleich ist, und um ihn herum stehen Stühle, jeder ein anderer. Bugholz neben schlichter Bauernware, ein Polstersitz dazwischen. Es ist die Art von Zusammenstellung, die man aus WGs kennt, wo über Jahre zusammenkommt, was gerade frei wurde. Hier war sie geplant. Dahinter die Küchenzeile aus hellem Holz, darüber Regale in kräftigem Blau, an der Wand weisse quadratische Platten. Eine Glastür führt auf einen Balkon, der neu ist und in den begrünten Innenhof hinausragt. Der Boden unter dem Tisch ist älter als alles andere im Raum. Der Parkett liegt seit über hundert Jahren in diesem Haus. Er wurde aufgenommen, aufgearbeitet und wieder verlegt, statt entsorgt und ersetzt zu werden. Für die Architektin Fabienne Maritz war das eine nüchterne Rechnung: Das Material war da, es war gut, und der einzige Aufwand war Arbeit. Dieselbe Logik erklärt die Möbel. Küchenkorpusse, Tische und Regale bestehen aus Gerüstdielen, die jahrelang im Freien gestanden hatten. Solche Dielen sind stabil und schön, und sie stecken voller Eisen: Nägel, abgerissene Schrauben, Klammern, die nur eine Hand herausbekommt.
Im Bürgerspital Basel hat eine Werkstatt genau das getan — Zange ansetzen, ziehen, nächster Nagel. Wochenlang. Wer so baut, richtet den Bauablauf nach dem Takt dieser Werkstatt. Genau da entscheidet sich, ob ein Re-Use-Vorhaben gelingt: am Terminplan, selten an der Idee. Im Bad wird sichtbar, wie das Haus mit dem Nebeneinander unterschiedlicher Herkünfte umgeht. Die Waschtische kommen aus der Bauteilbörse Basel, ebenso die Armaturen und ein Teil der Leuchten. Getragen werden sie von einer Konsole aus Stahlblech, und diese Konsole ist grün. Grün sind auch die Regale, der Einbauschrank und der Heizkörper. In der Wohnung nebenan ist alles blau, eine Etage höher rot. Jede Einheit hat ihren Ton. Was aus ganz verschiedenen Quellen zusammengetragen wurde, wird durch Farbe zu einem Ganzen. Auch die Wandplatten gehören dazu, gewöhnliche weisse Ware aus einem Lagerbestand, der zur Entsorgung bestimmt war. Sie bleiben offen sichtbar, und die Fugen dazwischen sind farbig abgesetzt. Die Einzelzimmer sind bewusst schlicht. Ein Podestbett mit Stauraum darunter, ein Arbeitsplatz fest eingebaut unter dem Fenster, Blick auf die Rückfassaden der Nachbarhäuser. Das genügt, und es hält den Preis dort, wo er sein soll: Ein Zimmer kostet 630 Franken im Monat.
Zuoberst, unter dem Dach, hört das Zurückhaltende auf. Hier wurde die alte Holzkonstruktion freigelegt, ein Gefüge aus dunklen Ständern, Streben und Balken, das über hundert Jahre unter Verkleidungen verborgen lag. Zwischen den Hölzern verlaufen senkrechte Lichtstäbe. Abends verwandelt sich der Gemeinschaftsraum dadurch in einen Ort von fast feierlicher Ruhe — in einem Studierendenhaus eine Überraschung. Was hier entstanden ist, wird gern als Experiment beschrieben. Der Begriff trifft es nur halb. Ein Experiment kann scheitern; dieses Haus ist bewohnt. Zwölf möblierte Zimmer, gemeinsame Küchen, ein Dachraum, ein Innenhof — überwiegend aus vorhandenem Material gebaut, an einer Lage, an der günstiger Wohnraum sonst längst verschwunden ist.
Autor: Lukas Bonauer
© Kostas Maros
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