„Unsere Bauten sind vielschichtige Wesen.“ (rollimarchini) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.
Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Von Beginn an durften wir an einer grossen Vielfalt unterschiedlicher Projekte arbeiten – eine Vielfalt, die unsere Arbeit bis heute prägt. Aktuell realisieren wir unter anderem ein Hotel im Emmental, ein Sportzentrum mit Eishalle und Freibad im Rheintal sowie die Sanierung und Erweiterung einer Institution für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen im Gantrischgebiet. Hinzu kommen mehrere Wohnüberbauungen in den Gemeinden Gerlafingen, Biberist, Luterbach und Rüdtligen-Alchenflüh sowie die Sanierung und Erweiterung zweier Wohnhäuser aus den 1950er-Jahren in Bern. Viele dieser Projekte sind aus Wettbewerben hervorgegangen, und mit ihnen verfolgen wir das Ziel, bestehende Areale und Siedlungen sorgfältig weiterzuentwickeln und zu verdichten. Bei zahlreichen Projekten arbeiten wir seit Jahren eng mit Partnerbüros wie Wahlirüefli in Biel und Team K in Burgdorf zusammen. Der kontinuierliche Austausch von Ideen, Erfahrungen und Verantwortung bereichert unsere Arbeit und prägt unsere Arbeitsweise.
Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Die Dichte an guter und spannender Architektur ist gerade in der Schweiz hoch. Immer wieder faszinieren uns Bauten unterschiedlichster Massstäbe – sowohl zeitgenössische als auch historische. So beeindruckt uns etwa das bald 100-jährige Immeuble Clarté von Le Corbusier noch heute durch seine detailreiche Planung, eigenständige Konstruktion und Materialisierung. Ebenso überzeugt uns die selbstverständliche Präzision, mit der Rolf Mühlethaler mit den Pappelhöfen in Langenthal bebauten Raum ergänzt. Ein weiteres Beispiel ist das von verschiedenen Büros geplante Westfeld in Basel, das mit seiner architektonischen und nutzungsspezifischen Vielfalt einen wichtigen Beitrag zur Stadtentwicklung und zum Zusammenleben leistet.
Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Materialien prägen die Architektur und ihre Wahrnehmung. Die zunehmende Vereinheitlichung durch Globalisierung, Normierung und wirtschaftliche Zwänge führt jedoch oft zu einer austauschbaren Architektursprache. Umso wichtiger ist es, Bauherrschaften von einer Materialwahl zu überzeugen, die sich durch Herkunft, Herstellungsweise, Nachhaltigkeit und Langlebigkeit auszeichnet – auch wenn sie nicht der günstigsten Standardlösung entspricht. Das Ziel ist es, Materialien wieder als integralen Bestandteil von Architektur und Konstruktion zu verstehen und sich von einer beliebigen Moodboard-Ästhetik zu lösen.
Haben Sie eine Idee von Schönheit?
In der Architektur verstehen wir Schönheit nicht als ein loslösbares Konzept. Natürlich ist sie im städtebaulichen Kontext, der Formgebung von Innenräumen oder der materiellen Ausgestaltung immer verbunden mit „Wohlgestaltung“ in Form von Proportionalität und optischem Gleichgewicht. Uns interessiert die Kontextualität im Sinne des Zusammenspiels von Erscheinung und Wahrnehmung, Regel und Ausnahme, Ordnung und Spannung, Selbstverständlichkeit und Überraschung. Wir versuchen unsere Bauten als vielschichtige Wesen zu planen, durch welche ein sinnhafter Faden führt, der ihnen eine Eigenständigkeit, einen Charakter verleiht.
Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Der indische Landschaftsarchitekt Aniket Bhagwat hat auf diese Frage damit geantwortet, dass ein Gebäude, erbaut von „Technikern“ eines ist, das funktional seine primären Aufgaben zu erfüllen vermag, jedoch: Es wird nicht undicht sein, die Treppe wird funktionieren, der Aufzug wird funktionieren, die Fenster werden sich öffnen lassen und das Licht wird hereinkommen.
Ist das Architektur? Natürlich nicht. Es ist keine Architektur. Es ist Konstruktion. Wann wird es Architektur? Es wird Architektur, wenn es beginnt, mit diesen abstrakten Ideen und was auch immer zu verhandeln. Jeder wird seine eigene abstrakte Idee herausfinden. Jemand könnte von der Idee der Haptik fasziniert sein. Jemand könnte von der Idee des Lichts fasziniert sein. Jemand könnte von der Idee des Handwerks fasziniert sein. Jemand könnte von der Idee des Geschichtenerzählens fasziniert sein. Jeder Designer ist auf seinem eigenen Weg und macht, was auch immer er tun möchte. Aber wenn er diese Reise verfolgt, dann wird es Architektur.
Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Eine ausgewogene Mischung aus Neugier, Bescheidenheit und Ausdauer ist unerlässlich. Es braucht den Willen, eine Aufgabe in all ihren Facetten zu verstehen, sie immer wieder zu hinterfragen und zu ordnen, bis eine übergeordnete Idee entsteht, die das Projekt zusammenhält. Dabei gilt es, aus dem grossen Reservoir an Wissen und Beispielen innerhalb und ausserhalb der Architektur zu schöpfen und diese immer in Bezug zum jeweiligen Umfeld zu setzen. Keine Anwendung gleicht der anderen, keine Idee entsteht aus dem Nichts. Die Ausdauer ist dabei wohl die anspruchsvollste Tugend: Ein Konzept muss in allen Planungsphasen immer wieder überprüft und weiterentwickelt werden – auch im Hinblick auf Technik, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit, ohne dabei seine ursprüngliche Idee zu verwässern.
Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Mit der Sichtbarkeit und Wirkung unserer Arbeit wohl eine nicht zu unterschätzende. Diese Rolle ist immer in beide Richtungen zu verstehen und mit der Frage nach der Rolle, die die Gesellschaft in der Architektur spielt, in Zusammenhang zu bringen. So gesehen besteht eine untrennbare Wechselwirkung.
Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Das ungebremste Streben nach Profit und die zunehmende Dichte an Normen und Vorschriften treiben Bodenpreise und Baukosten in die Höhe. Wohnen in den Zentren wird für viele unerschwinglich, während reine Wohnsiedlungen in der Agglomeration oft zu Orten mit ungenügender Lebensqualität führen. Die Kreativität und der Enthusiasmus der Architekt:innen allein reichen nicht aus, um dem entgegenzuwirken. Wir wünschen uns deshalb eine aufgeschlossene und mutige Politik, die gesellschaftlichen Bedürfnissen ganzheitlich Rechnung trägt. Statt technische und ökologische Anforderungen immer stärker zu normieren, sollte mehr Raum für Innovation geschaffen werden.
Kann Architektur die Welt verbessern?
Ohne in Allmachtsfantasien zu verfallen, sind wir überzeugt, zumindest einen bescheidenen Beitrag zu einer besseren Welt leisten zu können. Bei jedem Bauvorhaben stellen wir uns deshalb die Frage, wie es zu einer besseren städtebaulichen, räumlichen und sozialen Gesamtsituation beitragen kann. Damit verbunden ist auch die Notwendigkeit, dass wir als Architekturschaffende stärker in den Dialog mit Politik und Gesellschaft treten, um gemeinsame Ziele zu entwickeln und umzusetzen.
© Albrecht Fuchs / Ladina Bischof / Fredrik Broander
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