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Brümm

Upgrade fürs Viertel: Wie urbane Nachverdichtung in der ehemaligen Villenkolonie geht, zeigt diese Dachaufstockung eines Einfamilienhauses in Berlin-Dahlem von Studio Loes.

Das Wohn- und Lebensmodell Einfamilienhaus geniesst im aktuellen Architekturdiskurs zurecht nicht den besten Ruf, kommt es doch mit verhältnismässig viel Flächenversiegelung und einem (zu) hohen Energie- und Materialverbrauch daher. Es muss also neu- und weitergedacht werden, um den Anforderungen zukunftsfähigen Bauens gerecht zu werden: das Weiter-, Auf- und Anbauen von Bestand, wo immer es geht, ist eine wirkungsvolle Massnahme. Wie das selbst in historischen städtebaulichen Kontexten mit äusserst eingeschränkten planerischen Möglichkeiten funktionieren kann, zeigt diese Dachaufstockung eines Einfamilienhauses von STUDIO LOES. Der Bestand – ein freistehendes Einfamilienhaus aus dem frühen 20. Jahrhundert mit zwei Vollgeschossen, Flachdach und Garten – befindet sich in der ehemaligen Villenkolonie im südwestlichen Berliner Stadtteil Dahlem. Mit dem Zuwachs der Eigentümerfamilie entsteht der Wunsch nach mehr Platz. Statt für Abriss und Neubau entscheiden sich die Bauherr:innen für Nachverdichtung im Bestand. Sie planen eine Erweiterung übers Dach. Die Herausforderung: das alte Dach kann nicht einfach „überbaut“ werden, es würde einen enormen baurechtlichen und bautechnischen Aufwand bedeuten. Nur eine radikale Lösung bleibt: Unter einem temporären Wetterdach wird die bestehende Dachkonstruktion behutsam rückgebaut und durch eine gänzlich neue ersetzt – gleich einer Operation am offenen Schädel. Denn der historische Kontext erfordert ein besonders behutsames Eingreifen – sowohl konstruktiv als auch materiell-architektonisch. 

Das neue Falzdach zeichnet sich durch grossformatige Gauben und eine weitläufige Fensterfront auf der Gartenseite aus. Aufgrund der mittigen Positionierung der Gauben bleiben die Dachkanten weiterhin sichtbar und werden so geschickt in die Geometrie des Hauses integriert. Zudem reagieren die vertikal strukturierten Blechbahnen harmonisch auf den Bestandsbau. Sie beruhigen die gestalterisch radikale Intervention und kombinieren Alt und Neu auf kluge Weise. Ein besonderes Detail ist die Schnittstelle zwischen Dach und Fassade. Normalerweise befindet sich die Traufe wesentlich Höher am Haus, die Wand wird bis unter das Dach geführt. Durch den Abbruch der Bestandsdecke, konnte die Regenrinne elegant in den Traufpunkt eingearbeitet werden. Die neue Traufe legt sich skulptural um das bestehende Bauvolumen. Auch den Innenausbau des Dachgeschosses haben die ArchitektInnen übernommen: Auf rund 160 neu entstandenen Quadratmetern finden sich drei lichtdurchflutete Gaubenzimmer mit hoher Aufenthaltsqualität – zwei Kinderzimmer, ein Arbeitszimmer und ein Badezimmer. Über die Dachaufstockung hinaus ergänzt ein gartenseitiger Anbau aus Holz und Glas die Gesamtwohnfläche um weitere 25 Quadratmeter. 

Mit BRÜMM zeigen STUDIO LOES erneut, dass mit einer tiefgreifenden Auseinandersetzung mit dem Bestand kreative gestalterische Lösungen für die baulichen Herausforderungen von Heute gefunden werden können. Das Projekt kann als Blaupause für das Neu- und Weiterdenken des Einfamilienhauses dienen – selbst, oder gerade in historischen städtebaulichen Kontexten. Was es dafür braucht sind Mut zu radikalen Interventionen bei gleichzeitiger Sensibilität im Umgang mit dem Bestand und gestalterische Intelligenz. 

BRÜMM fusst – wie alle Entwürfe der Architekt:innen – konsequent auf dem Ansatz der „Leftovers“ – eine von STUDIO LOES entwickelte Arbeitsphilosophie: „‚Leftovers‘ sind für uns räumliche ‚Überbleibsel‘, die mit einer Gestaltungsaufgabe daherkommen. Dazu gehört nicht nur der Bestand im materiellen Sinne. Auch strukturelle Gegebenheiten wie abgebrochene Projektverläufe, die Geschichte des Objekts oder Typologien aus vergangenen Epochen gehören dazu. Diese ‚Leftovers‘ wirklich ernst zu nehmen, aufzugreifen und zu nutzen, ist für unsere Arbeit zentral. Nur so kann ein Gebäude in seinem organisatorischen, zeitlichen und räumlichen Kontext verankert, sein Leben verlängert und die Wertschätzung der Nutzer:innen gewährleistet werden.“ 

©Nate Cook

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