Ein spätbarocker Bau aus dem Jahr 1749, mitten in der Thuner Altstadt, an einem der historisch bedeutendsten Stadtpunkte überhaupt. Und ein Inneres, das mehr verbarg als zeigte – bis L2A Architekten begannen, Schicht für Schicht abzutragen. Was sie vorfan-den, überraschte selbst erfahrene Baumeister. Was entstand, ist mehr als eine Sanierung.
Besuchende der Altstadt von Thun passieren es unweigerlich, wenn sie eintreten von der Sinnebrücke her: das Haus an der Ecke, das den Brückenkopf fasst wie eine Klammer. Vier Geschosse, ein markantes Walmdach mit starkem Knick, Lukarnen mit Helmstangen – und eine Erscheiung, die so selbstverständlich wirkt, als hätte sie sich aus dem Boden heraus ergeben. Das ehemalige Zunfthaus zu Oberherren ist kein lautes Haus. Es be-hauptet sich still und präzise – als Point-de-vue-Beau an diesem präsenten Ort und bildet gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Haus eine städtebaulich wichtige Torsituation.
Heute heisst es Engelhaus. Der Name verweist auf die Goldschmieddynastie Engel, die seit 1705 an der Sinnebrücke ihre Bijouterie betrieb und das Haus 1866 nach der Zunft-Auflösung erwarb, und bis 1932 bewohnte und betrieb. Gudrun Engel, die Witwe des zuletzt hier tätigen Goldschmieds, Willy Engel, war die letzte der langen Linie – und die Letzte, die das Haus als Mieterin der Stadt Thun noch kannte, bevor die Sanierung be-gann. Ihr Name haftet am Haus. Und mit ihm eine Würde, die über die blosse Geschichte der Eigentumsverhältnisse hinausgeht.
Ein Ort mit Gedächnis
Das Haus gehört zur Stadt – ist Teil des kollektiven Gedächtnisses der Thuner Altstadt, die an ihren Knotenpunkten ihre Geschichte trägt. Thun selbst ist eine Stadt, deren his-torischer Kern am Fluss gebaut ist. Die Aare ist Achse – und die Sinnebrücke war jahr-hundertelang weit mehr als ein Übergang. Sie war Hauptzollstätte für alle Waren aus dem Oberland: Kein Handelsartikel durfte sie umfahren. Der Sinneplatz war vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert der wichtigste Handels- und Umschlagplatz der Stadt. Mitten drinn an diesem Knotenpunkt das Engelhaus. Kein Wunder, diente etwa der Balkon im ersten Obergeschoss den Zünften auch für repräsentative Zwecke, um von dort aus zum Volk zu sprechen. Dann zerstörte ein Hochwasser das Haus.
Auf den alten Grundmauern entstand 1749 der Neubau durch die Werkmeister Conrad Storp und Vincenz Burckhardt: ein homogener spätbarocker Baukörper, der die Substanz der Vorgänger in sich aufnahm, aber eine neue, einheitliche Form fand. Das Kellerge-schoss verweist dabei in einigen Wandabschnitten noch auf die Originalsubstanz aus dem 18. Jahrhundert. Im Verlauf der Zeit ist der schöne Gusseisenbalkon an der Fassade hinzugekommen und verschiedene Umbauphasen haben das Äussere und Innere des Hauses verändert – Innenumbauten im Laufe des 20. Jahrhunderts, die kaum zum Besse-ren insbesondere die Raumauskleidungen betrafen: Furniertäfer, Novilonbeläge, Teppiche. Das Innere des Hauses, das einst dem Anspruch seiner repräsentativen Fassade entspro-chen haben muss, war unter diesen Schichten kaum mehr zu erahnen.
Die Entdeckung der Mängel
«Dieses Haus ist wie eine Packung Überraschungseier», so die Aussage von Paul Rosser, Partner des für die Gesamtsanierung zuständigen Büros L2A Architekten AG aus Unterseen-Interlaken, gegenüber der Berner Zeitung (im April 2025). Den Auftrag erhielt das Büro nach einem öffentlichen Submissionsverfahren. Die Stadt Thun, seit 1932 Eigentümerin des denkmalgeschützten Gebäudes, wollte den aufgestauten Unterhalt endlich erledigen und das Haus gleichzeitig umnutzen: aus Laden, Wohnung und Estrich sollten Ladenlokal im Erdgeschoss, eine 2.5-Zimmer-Wohnung im ersten und eine 4.5-Zimmer-Maisonette Wohnung im zweiten Ober- und Dachgeschoss werden. Die Ausgangs-lage schien beherrschbar, auch wenn alte Pläne aus der Bauzeit keine existierten. Als Grundlage für die Sanierung mussten eine Machbarkeitsstudie und einige Probebohrungen genügen, die im noch bewohnten Haus gemacht wurden. Örtlich beschränkte Sondierungen bestätigten das ursprüngliche Konzept: Sanierung mit dem Bestand, Täferwände flicken und neu streichen, bestehende Parkette sanieren und ölen. Architekt, Denkmalpflege und Bauherrschaft sprachen und beschlossen dieses Vorgehen gemeinsam. Dann begannen die Abbrucharbeiten – und das Haus begann zu erzählen – anders, als erwartet.
Was sich dahinter verbarg, war ein anderes Bild: Die Decken standen bis zu 25 Zentimeter aus dem Lot. Die Handwerker mussten die Deckenlager der Holzbalken überall verstärken, die Holzdecken mit Flankenbalken und einer Dreischichtplatte in Verbund verschrauben. Die komplett schiefen Decken hoben sie hydraulisch an. Die mittlere Haupttragewand, die vom Dachfirst bis in den Keller reichte, wies gefährliche Baumängel auf: Mit der Zeit waren Teile aus ihr weggesägt worden, die Holzpfosten waren viel zu dünn. Das ganze Haus hielt noch aus Zufall. Ein Zustand, der den Statik überprüfenden Ingenieur erblei-chen liess. L2A Architekten mussten die Wand komplett ersetzen, und mit ihr alle Böden und das originelle Wandtäfer.
Ernüchternd war auch die Erkenntnis, dass die Oberflächen im Haus in einem weitaus schlechteren Zustand waren als erhofft. Böden aus Tannenholz, als minderwertigeres Material, verwurmte Holzvertäfelungen – und dann die Treppe! Gemauert, mit Goldswiler Kalksteinplatten belegt, mit schönem Schmiedeisengeländer und kunstvollen Antrittpfosten aus der Bauzeit 1749, war sie statisch komplett unsicher und sofort zu sperren. Die Folge: das Projekt verlängerte sich um ein ganzes Jahr. Jede dieser neuen Entdeckungen verlangte Rücksprache und Abstimmung mit sämtlichen Beteiligten – ein wochenlanger, iterativer Prozess, der Projekt und Kostenkontrolle immer wieder neu justierte.
Die Frage: Orginal oder Interpretation?
Die grösste konzeptionelle Herausforderung war keine technische. Sie war gestalterischer Natur: Wenn die originalen Oberflächen nicht zu retten, wenn Böden, Täfer und Wandverkleidungen komplett zu ersetzen sind – wie ist damit umzugehen? Ist das orginale Vorbild nachzubauen? Oder die Freiheit der Situation zu nutzen – sprich alles neu zu denken?
L2A Architekten entschieden sich für einen mittleren Weg: die Anlehnung am Vorbild, um atmosphärisch beim hypothetischen Orginal zu bleiben – aber nicht als historisierende Kopie, sondern als zeitgenössische Interpretation. Das Leitmotiv: Erhalt der bauzeitlichen Substanz und Struktur, Bewahren der historischen Atmosphäre auch beim Einsatz neuer Materialien.
Die Inspiration fanden die Architekten in verschiedenen eigenen Umbauprojekten mit denkmalpflegerischem Hintergrund – und in den Bauten von Carlo Scarpa, dem venezianischen Meister des Dialogs zwischen Alt und Neu, seiner Kunst der feingliedrigen Betonschalung, seines präzisen Umgangs mit historischer Substanz. Dessen architektonische Ideen leiteten etwa den Entwurf für die räumliche Gestaltung des Treppenhauses. Die gebrochenen Goldswiler Platten wurden dafür komplett ausgebaut. Zusammen mit dem Baumeister entwickelten die Architekten eine Sichtbetonkonstruktion: eine feingliedrige Schalung mit Brettstruktur, die dem Beton eine markante, warme Textur verleiht.
Das Treppenhaus selbst ist dunkel und höhlenartig gehalten – bewusst als Kontrapunkt zu den hellen, grosszügigen Zimmern dahinter. Ein introvertierter, abgedunkelter Kern beim Durchqueren – ehe sich die lichten Wohnräume öffnen, mit ihren grossen Fenstern zur Altstadt. Vom Dunkel ins Helle, vom Engen ins Weite – ein Übergang, eine räumliche Dramaturgie beim Ankommen, die das Haus weit über das Gewöhnliche hebt.
Ein weiterer Ausgangspunkt jeder Entscheidung war die sorgfältige Farbanalyse durch einen Restaurator. Aus den alten Tapeten und Wandtäfern trat ein sattes Grün hervor. Dieser Farbton blieb präsent: als Leitfarbe der neuen Schreinereinbauten – der Küchen, der Schränke –, als Ton der keramischen Plattenbeläge in den Nasszellen. Die Täferwände wurden zweifarbig in feinen Warmgraunuancen gestrichen, die Decken weiss. Die Fassade erhielt nach dem Vorschlag des Restaurators einen gebrochenen Weisston für den Putz, Sandsteinton für die Gewände und die Eckbossierung, Kupferblech und klassisch grüne Fensterläden.
Im Dachgeschoss schliesslich zeigt das Haus, was es im Innern über Jahrhunderte bewahrt hat. Der Dachstuhl – eine liegende, robuste Konstruktion mit bemerkenswerten Windverbänden, weitgehend intakt und unverbaut – ist der Ort im Haus, wo die historische Substanz unvermittelt zum Vorschein kommt. Kein anderer Raum führt so direkt auf die Anfänge des Hauses zurück, ein handwerkliches Dokument aus der Bauzeit, das keine Ergänzung braucht, um zu wirken. Die Architekten haben auch das ursprüngliche Bruch-steinmauerwerk der ehemaligen Aussenwand freigelegt – es bleibt als dritte Materiale-bene sichtbar neben dem dunklen Holztragwerk und dem Eigenparkett am Boden. Roh, archaisch, unbearbeitet. Ein grosszügiges Glaslamellen-Dachfenster bringt Licht in den hohen Raum unter dem Walmdach, von der Strasse aus nicht einsichtig. Die dazugehörende Maisonette-Woh-nung verbindet gehobenes städtisches Wohnen mit dem Erlebnis einer über 275 Jahre alten Tragstruktur über dem Kopf. Auf einen eigenen Aussenraum hat die zweistöckige Wohnung zu verzichten – aber das Aarequai mit dem belebten Mühleplatz, seinen Cafés und Restaurants bildet unmittelbar vor der Haustür den städtischen Aussenraum, den keine Terrasse ersetzen könnte. Die 2.5-Zimmer-Wohnung darunter verfügt ebenso über helle, grosszügige Räume und über einen direkten Zugang zum historischen Gusseisen-balkon. Das Erdgeschoss behält seine angestammte Nutzung als Ladenlokal; der Keller dient Technik, Heizung und Veloabstellraum.
Fassade: Diskretion als Haltung
Durch die Stichbogenfenster im Innern fällt der Blick auf die Thuner Altstadt – auf Giebel, Dächer, Kirchtürme, wie sie das Haus seit seiner Erbauung begleiten. Diese Fenster verzieren die Fassade, die das Gesicht des Hauses zur Stadt war und bleibt, genauso wie die Rocaille-Agraffen, gefasst von stuckierten Lisenen, beides wohl von Anfang an im Steinton gestrichen. Dazu eine schöne Haustüre aus der Bauzeit mit Schlangenklopfer, Walmdachlukarnen mit Helmstangen auf den Lukarnenspitzen – ein Haus, das seinen Rang in der Stadt zeigen will. Die neu hinzugekommenen Fenster entsprechen den denkmalpflegerischen Anforderungen; die Feingliedrigkeit des Traufladens im Dachbereich wurde gewissenhaft erhalten. Diskretion als gestalterische Haltung: Diese Prämisse hat den komplexen Eingriff, seine sorgfältig ausgelotete Tiefe, begleitet. Das Engelhaus sollte nach der Sanierung so aus-sehen, wie es immer hätte aussehen sollen – bis hin zum Zunftwappen mit schmiedei-sernem Adler, das gereinigt, renoviert und wieder montiert wurde. Auch das Innere ist nun wieder so ausgestaltet, dass es in seiner Erscheinung dem würdevollen Äusseren entspricht.
Das Engelhaus hat seinen historischen Geist zurückgewonnen, ohne in historisierende Imitation zu verfallen. L2A Architekten haben ein Haus vorgefunden, das mehr verbarg als es zeigte – und haben es nun so zurückgegeben, dass es wieder zeigen kann, was es ist. Ein Zunfthaus. Ein Stadthaus. Ein Haus am Fluss, am Brückenkopf, an jenem Punkt, an dem Thun seit Jahrhunderten mit sich selbst in Kontakt tritt.
©Roland Trachsel
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