Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.
Hohe Temperaturen stellen uns vor neue Herausforderungen – auch was die Gestaltung unserer alltäglichen Gebrauchsgegenstände, des Wohnraums und unserer Umgebung angeht. Im Juni war es in Zürich zeitweise über 35 Grad warm. Da bleibe ich als Rollstuhlfahrer selbst bei geeigneter Ausrüstung am Stuhl haften und mutiere so zum Sesselkleber … wenn auch tatsächlich unfreiwillig. Eine integrierte Kühlanlage wurde von Rollstuhlproduzent:innen noch nicht auf den Markt gebracht. Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Während ich mit der Hitze recht gut klarkomme und sie Kälte, Wind und Regen meist vorziehe, leidet meine vierbeinige WG-Kollegin und Assistenzhündin Ginger ganz gewaltig. Mit ihr bin ich in Zürich nur vormittags und am Abend auf Achse. Das Blumengeschäft, das sich direkt bei mir zu Hause im Zollhaus befindet, sorgt jeweils für eine kleine Erfrischungsdusche, wenn Gingers Bedarf nach Abkühlung und die Wässerung der Blumen zufällig dasselbe Timing haben.
Einen Garten haben wir im Zollhaus zwar nicht, dafür aber seit Neuestem Blumenkästen auf dem Laubengang vor meiner Wohnung. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich der Gartenpflege dadurch annähere. Vielmehr habe ich bemerkt, dass ich bei der Wahl der Blumen zu vermeintlichem Bünzlitum neige. So habe ich mich für gelbe Ringelblumen und Geranien entschieden. Währenddessen pflanzt eine Vielzahl meiner Nachbar:innen – sich der Biodiversität verpflichtet fühlend, insekten- und besonders bienenfreundliche Gewächse an. Zum Glück habe ich für den Fall eines Bienenstichs immer ein Notfallset dabei. So wird aus dem an sich doch etwas grauen Zollhaus an den Gleisen des Zürcher Hauptbahnhofs im Sommer eine kleine Grünoase.
Das Giessen meiner Pflanzen stellt mich behinderungsbedingt vor Herausforderungen. Das Wässern hat seine fein- und grobmotorischen Tücken, sodass ich dies meist delegieren darf. Dennoch ist mein Blumenkasten ein schöner Anblick. Ein Hochbeet auf unserer Dachterrasse wäre auch eine Möglichkeit, sich als rollstuhlfahrende Person gärtnerisch zu verwirklichen. Meine Talente liegen aber, so hoffe ich zumindest, woanders.
Ich schreibe diesen Text im Zug auf der Strecke zwischen Zürich und Budapest. Die Veränderungen in Ungarn und die damit einhergehende – selbst aus der Ferne spürbare – Aufbruchstimmung verleiten mich dazu, einen Teil meiner Sommerferien im Zuhause meiner Kindheit zu verbringen. Ich freue mich wahnsinnig auf süsses Mohngebäck, die eklektische Mischung an Architekturstilen und den Hauch des alten Budapest vor den beiden Weltkriegen. Neugierig bin ich darauf, wie sich die Stadt in den letzten 15 Jahren meiner Abwesenheit entwickelt hat. Erkenne ich „mein Budapest“ wieder? Bestimmt! Zumindest teilweise. Ich freue mich auf Neues, auf das Entdecken und bin schon darauf vorbereitet, dass mir meine Erinnerungen den einen oder anderen Streich spielen.
Wie es mit der Barrierefreiheit im schönen Budapest aussieht? Wir werden sehen. Zum Glück bin ich nicht allein unterwegs. Ob sich Alt und Neu auf eine Art und Weise gefunden haben, die der Barrierefreiheit ihre verdiente Priorität einräumt? Wir werden sehen. Gerne berichte ich in der nächsten Ausgabe darüber. In diesem Sinne: Auf einen schönen, inklusiven Sommer!
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