„Was schön ist, ersetzt man nicht.“ (Ductus) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.
Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wir sind ein kleineres Büro mit zwölf bis fünfzehn Leuten an drei Standorten in Bern, Solothurn und Stockholm. Gemeinsam arbeiten wir über die Grenzen hinweg an vielen Aufgaben gleichzeitig – kleineren und grösseren, sehr unterschiedlichen. Das ist kein Zufall. Uns interessiert besonders der jeweilige Prozess, daher der Name Ductus. Manches ergibt geschäftlich keinen Sinn. Nicht das Architektonische ist das Wichtigste, sondern dass eine Aufgabe dem Leben etwas gibt, sie muss Interesse und Freude wecken. Konkret: ein Armchair, der im Herbst auf den Markt kommt. Wohnbauten in unterschiedlichen Massstäben, von sehr direkten, rohen Materialien bis zu präzise gefrästen Holz- und Natursteinarbeiten. Zurzeit arbeiten wir an zwei Gestaltungsplänen nach gewonnenem Wettbewerbsverfahren, das macht uns viel Spass.
Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Årsta Torget, ein Ortszentrum in einem Stockholmer Vorort. Kein ikonisches Bauwerk, ein öffentlicher Raum, der funktioniert, weil man ihn braucht: Menschen treffen sich, sitzen zusammen, ohne konsumieren zu müssen. Grosse, hohe Räume, wertige Materialien, die nach 75 Jahren noch tragen. Es hat etwas Welthaltiges. Solche Orte sind für uns radikaler als jede spektakuläre Form.
Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Uns interessieren weniger neue Materialien als neue Wege, um mit den vorhandenen zu bauen. Wenige Materialien, dafür hochwertige: Holz, Metall, Beton, Kalk, Naturstein. Entscheidend ist die Fügung. Gerade bei der Zirkularität muss das Detail lesbar sein: wie etwas getragen, verbunden, ersetzt, wieder gelöst wird. Uns interessiert auch hier der Prozess: Vorfertigung, Präzision in der Fabrik, der moderne Holzbau. Wie etwas gemacht wird, prägt die Architektur mindestens so stark wie das Material selbst. Neue Materialien setzen wir dort ein, wo sie eine Absicht stützen – etwa Vakuum-Isolierglas oder Vakuumdämmung, um im Bestand z.B. Fensterprofile zu erhalten oder grössere Aufbauhöhen zu vermeiden, um Proportionen zu bewahren. Am interessantesten sind sie, wenn sie helfen, das Vorhandene zu erhalten.
Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Schönheit ist die Essenz. Was schön ist, ersetzt man nicht. Man pflegt es, frischt es auf – oder lässt es in Würde altern. Das ist die nachhaltigste Form. Das Einfache, das Normale – darin liegt die Schönheit. Wenn ein Material das sein darf, was es ist. Wenn ein Objekt oder Raum genau das tut, was die Aufgabe ist. Zum Beispiel ein Fassadenputz, den wir spezifisch für ein Projekt entwickelt haben: Kalk, und Sand aus der Region, ohne Pigmente, ohne Anstrich. Kein fertiges Produkt, sondern ein Prozess mit lokalem Material und lokalem Handwerk. Wir haben bemustert, gemischt, angepasst – bis Material und handwerkliche Struktur ein stimmiges Ganzes ergeben haben. Man sieht es nicht sofort, und es lässt sich kaum fotografisch festhalten. Aber vor Ort hat er eine Tiefe und eine stille Präsenz, weil er mit dem Ort verbunden ist. Oder Aluminium: meist eloxiert, aus Gründen der Dauerhaftigkeit – aber ein steriles Material. Im Grunde interessiert uns das rohe Aluminium mehr. Es hat einen feinen Glanz, ist patiniert und zeigt Gebrauchsspuren. Oder das Praktische: eine Küche ohne Push-to-open, dafür eine filigrane Griffstange, die man gerne anfasst – und an der ein Küchentuch zum Trocknen hängt. Zweimal haben wir alles Überflüssige aus der jeweiligen Wohnung abgebrochen und dann beobachtet, wie die Sonne durch die Räume wandert. Der Entwurf kam danach. Diese Beispiele sind nur einige von vielen. Bei jedem Projekt suchen wir eine andere Form von Schönheit. Und doch braucht jedes Projekt etwas, das wir noch nie gemacht haben – etwas, worauf wir uns freuen und das uns herausfordert.
Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Wenn es mehr tut, als ein Programm zu erfüllen. Wenn es einen berührt. Für uns wird ein Gebäude zu Architektur, wenn da etwas ist, das über den Nutzen hinausgeht: eine Tiefe, eine Aura – eine unmittelbare Schönheit. Die Grösse spielt keine Rolle. Eine Leuchte kann für uns genauso Architektur sein.
Welche Tugenden sollte ein:e Architekt:in erfüllen?
Ausdauer. Architektur ist ein langsamer Prozess. Eine Idee trägt nur, wenn man sie über Jahre hält, prüft, weiterführt. Diesen Monat wird ein Haus fertig, an dem wir vor zehn Jahren begonnen haben. Mut. Nicht das Korrekte suchen, sondern das Stimmige. Das Korrekte führt oft zu Mittelmass. Und die Arbeit mit Menschen, das Team. Architektur entsteht nie allein. Man muss andere überzeugen, einbinden, auch gegen festgefahrene Gewohnheiten arbeiten. Das braucht Zeit und Beharrlichkeit.
Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Die Aufgabe der Architekt:innen ist es, gesellschaftliche Bedürfnisse in Raum zu übersetzen – und dabei etwas beizutragen, das allen gehört. Kultur ist das, woran alle teilhaben können, unabhängig vom Budget. Genau das droht verloren zu gehen, wenn Städte und Dörfer sich angleichen und die Baulöwen uniform und unabhängig von den örtlichen Gegebenheiten bauen. Wenn wir in Schwarzenburg ein Dorfzentrum bauen, bauen wir deshalb nicht nur Häuser, sondern einen öffentlichen Ort, der alle auf lange Zeit hinweg bewegt.
Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Politik prägt Architektur dort, wo man es am wenigsten sieht: in den Gesetzen. Dort liegt die grösste gestalterische Macht. Bauordnungen, Ausnützungsziffern, Abstände und Höhen bestimmen sehr direkt, welche Stadt und welches Dorf entstehen können. Werden diese Regeln nur schematisch angewendet, entsteht Regelbauweise, nichts Spezifisches. Politik sollte deshalb an Qualität interessiert sein – und an Verfahren, die Qualität ermöglichen: Wettbewerbe, Studienaufträge, sorgfältige Planung. Es reicht nicht, die Einhaltung von Regeln zu prüfen. Architektur darf nicht das Nebenprodukt maximaler Ausnützung sein.
Kann Architektur die Welt verbessern?
Menschen können die Welt verbessern. Aber wir können die Orte dafür bauen: Räume, in denen man sich trifft, wohnt, diskutiert, Dinge erschafft und gemeinsam lebt.
© Albrecht Fuchs / Ladina Bischof / Fredrik Broander
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