Holz, Landschaft und flexible Strukturen

Mit zwei markanten Neubauten erweitern Baumschlager Eberle Architekten den iX Campus in Saint-Germain-en-Laye westlich von Paris. Entstanden sind ein langgestrecktes Lehrgebäude und ein kreuzförmiger Inkubator, die Forschung, Lehre und Unternehmertum räumlich miteinander verknüpfen. Anstatt den Campus zu dominieren, reagieren beide Gebäude sensibel auf die historische Parklandschaft und entwickeln aus Holzbau, bioklimatischen Fassaden und flexiblen Strukturen eine zeitgemässe Interpretation des Hochschulcampus.

Architektur im Dialog mit der Landschaft
Der iX Campus vereint Universitäten, Forschungsinstitute, Unternehmen und Start-ups an einem gemeinsamen Standort. Für Baumschlager Eberle Architekten stand deshalb nicht das einzelne Gebäude im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Architektur und Landschaft zu einem räumlichen Gesamtsystem verschmelzen können. Das langgestreckte Lehrgebäude begleitet die Hauptachse des Parks und fügt sich behutsam zwischen den teilweise denkmalgeschützten Baumbestand ein. Durch eine teilweise Absenkung des Geländes erscheint der Baukörper niedriger, wodurch die historischen Sichtachsen zum Château Saint-Léger erhalten bleiben. Gleichzeitig knüpft diese Setzung an das bereits in den 1990er-Jahren von Dominique Perrault realisierte, teilweise unterirdische Konferenzzentrum an. Der zweite Neubau bildet als kreuzförmiger Inkubator den neuen Eingang zum Campus. Seine kompakte Figur schafft eine klare Adresse, ohne durch übermässige Grösse in Erscheinung zu treten. Stattdessen fügt sich das Gebäude in die Geometrie des benachbarten Bestands von Auguste Perret ein und stärkt gleichzeitig die Verbindung zwischen Architektur und Parklandschaft.

Räume für Begegnung
Die beiden Neubauten verstehen sich als Teil eines offenen Campusgefüges. Zwischenräume, Plätze und Grünflächen werden bewusst als Orte der Begegnung gestaltet und fördern den Austausch zwischen Studierenden, Forschenden und Unternehmen. Die Anordnung der Baukörper folgt dabei einfachen geometrischen Prinzipien. Die einzelnen Volumen treten eigenständig auf, bleiben jedoch über Materialität, Proportion und ihre Einbindung in den Freiraum miteinander verbunden. So entsteht ein Ensemble, das weniger aus monumentalen Einzelbauten als aus einem fein abgestimmten räumlichen Netzwerk besteht.

Holzfassaden als bioklimatisches System
Ein zentrales Thema des Projekts ist die Weiterentwicklung der Holzfassade. Für den Inkubator entwickelten Baumschlager Eberle Architekten eine dreidimensionale Fassadenstruktur aus Douglasienholz, die weit über eine gestalterische Funktion hinausgeht. Die tief ausgebildete Holzkonstruktion wirkt als passiver Sonnenschutz und reduziert den solaren Wärmeeintrag während der Sommermonate. Gleichzeitig erzeugt sie eine räumliche Tiefe, die das Erscheinungsbild des Gebäudes prägt und Bezüge zu den historischen Holzbauten des Château Saint-Léger ebenso wie zur Vegetation des Parks herstellt. Auch das Lehrgebäude setzt auf Holz als konstruktives und gestalterisches Element. Große vertikale Fassadenelemente rhythmisieren die lange Gebäudefront, übernehmen aussteifende Funktionen und erinnern gleichzeitig an die Baumreihen des umliegenden Parks.

Innovation durch Vorfertigung
Neben der architektonischen Haltung zeichnet sich das Projekt durch einen innovativen konstruktiven Ansatz aus. Gemeinsam mit Bollinger+Grohmann entwickelten die Architekt:innen grossformatige Holzrahmenelemente für die Gebäudehülle des Lehrgebäudes. Die bis zu zwölf Meter hohen Fassadenmodule wurden vollständig vorgefertigt und auf der Baustelle montiert. Dieses Verfahren verkürzte die Bauzeit erheblich, reduzierte Lärmemissionen während des laufenden Campusbetriebs und gewährleistete eine hohe Ausführungsqualität. Gleichzeitig verbindet die Konstruktion industrielle Präzision mit handwerklicher Verarbeitung.

Architektur für den Wandel
Besonders bemerkenswert ist die langfristige Nutzungsstrategie der Gebäude. Statt Räume auf eine bestimmte Funktion festzulegen, basiert die Architektur auf einer reduzierten Primärstruktur, die unterschiedliche Nutzungen aufnehmen kann. Neben Seminarräumen, Büros oder Forschungslaboren wären künftig ebenso studentisches Wohnen, ein Hotel, ein Museum oder andere öffentliche Nutzungen denkbar. Die Gebäude verstehen sich damit nicht als starre Typologien, sondern als anpassungsfähige räumliche Systeme, die sich zukünftigen Anforderungen flexibel anpassen können. Gerade diese Offenheit macht den iX Campus zu einem beispielhaften Projekt zeitgenössischer Hochschularchitektur: Nachhaltigkeit entsteht hier nicht allein durch Materialwahl oder Energieeffizienz, sondern ebenso durch eine Architektur, deren räumliche Struktur Veränderungen über Jahrzehnte hinweg aufnehmen kann.

©Cyrille Weiner

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