Sind Architektur und Design politisch?

Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.

Das Thema Wohnen ist für viele Menschen ein Dauerbrenner. Entscheidende Faktoren sind meist der Preis, die Lage, die Grösse, die Ausrichtung und der Ausstattungsstandard der Wohnung, des Hauses. Aus der Sicht von uns Menschen mit Behinderungen dürfte es nicht erstaunen, wenn in unserem Fall noch ein absolutes Muss-Kriterium hinzukommt. Nämlich jenes der Barrierefreiheit bzw. die Erlaubnis, die entsprechenden Anpassungen an der Wohnung vornehmen zu dürfen. Angesichts dieser zusätzlichen Kriterien fallen viele Wohnungen gänzlich ausser Betracht. Was die Wohnungsnot der Menschen mit Behinderungen im Vergleich mit Menschen ohne Behinderungen exponentiell steigert.

Die Frage danach, ob wir als Menschen mit Behinderungen „schön” wohnen können, stellt daher in der Regel kaum jemand, meist soll „unsereins” froh sein, überhaupt ausserhalb von Sonderstrukturen wohnen zu können. Zumindest erwecken Politik und Verwaltung diesen Eindruck, indem sie sich kaum um inklusiven und erschwinglichen Wohnraum für Menschen mit Behinderungen bemühen. Obschon die Finanzierung der entsprechenden Unterstützungsleistungen auch mit Blick auf das Leben ausserhalb von Heimen endlich vorgesehen ist.

Die neu geschaffenen Finanzierungssysteme, welche die Wahlfreiheit bei der Wohnform für Menschen mit Behinderungen gewährleisten sollen, kommen allerdings nur zum Tragen, wenn auch der Wohnungsmarkt gezielt dazu angehalten und motiviert wird, barrierefrei anpassbare Bereitstellungen anzubieten. Dies kann durch gezielte Subventionen erfolgen. Handeln Politik und Wirtschaft, um diesen Schwierigkeiten sinnvoll zu begegnen? Eher nein. Es sei denn, die Vogel-Strauss-Taktik wird als zielführend betrachtet.

Ich zähle mich zu den Glücklichen, welche mitten in Zürich, am Hauptbahnhof gelegen, erschwingliche und barrierefreie Wohnungen (Baujahr 2021) haben. Wohnen sollte jedoch nicht von Glück abhängig sein.

Kürzlich habe ich mir die Frage gestellt, ob ich nun so dankbar sein muss, dass ich im Ergebnis unannehmbare Schwierigkeiten – aufgrund eines überdurchschnittlich oft und häufig auch länger ausfallenden Fahrstuhls – ohne weiteres hinnehmen muss. Als Rollstuhlfahrer sass ich nun 3 Tage in meiner Wohnung bzw. auf dem Stockwerk fest und konnte das Haus nicht verlassen. Berufliche Termine musste ich absagen, zusätzliche Unterstützung und einen Hundesitter organisieren etc.

Aufgrund des Mietermixes aus Gewerbe und Mietwohnungen, sowie einer überdurchschnittlich grossen Zahl an Nutzer:innen, ist der einzige Fahrstuhl im Haus meist überlastet. Wegen der Häufigkeit der Liftausfälle kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht umziehen sollte, denn vergleichbare Probleme mit Fahrstühlen hatte ich bis dato noch nirgendwo.

Nun ist es so, dass ich wunderbare Nachbar:innen habe, zentral wohne und die Miete erschwinglich ist. Dies lässt sich nirgendwo sonst in Zürich finden, und somit ist der Gedanke ans Umziehen schnell wieder begraben.

Eigentlich will ich ja auch ganz und gar nicht umziehen. Im Grunde bis auf ewige Zeiten nicht umziehen zu können, und das bringt die Situation auf dem Wohnungsmarkt für mich mit sich, ist keine beruhigende Perspektive, auch wenn ich mich in meiner 1,5-Zimmer-Wohnung im 5. Stock mit Blick auf den Prime Tower sehr glücklich schätze. In diesem Sinne bleibt uns nichts anderes übrig, denn als Stachel im Fleisch des fehlenden gesellschaftlichen Bewusstseins für mehr Sensibilisierung und gegen Gleichgültigkeit motiviert und hoffentlich noch nicht müde anzukämpfen.

Lassen Sie uns gemeinsam an einer inklusiven Zukunft arbeiten. Mehr dazu finden Sie hier.

 

 

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