Algorithmen statt Schraubenschlüssel, Konfiguratoren statt Katalog: Tylko steht für eine Möbelgeneration, die digital denkt und emotional bindet. Das Unternehmen aus Warschau liefert Design nach Mass – effizient, nachhaltig und überraschend nahbar. Mitgründer Benjamin Kuna über datengetriebene Kreativität, neue Wohnwelten zwischen Büro und Zuhause und die Zukunft eines Marktes, der gelernt hat, dass Persönlichkeit das schönste Möbelstück ist
Tylko ist kein typischer Möbelhersteller. Was macht Ihr Unternehmen aus?
Ich glaube, es sind zwei Dinge. Zum einen sehen wir uns als Technologieunternehmen, nicht als klassische Möbelfirma. Unsere Idee war, Technologien, die in anderen Branchen längst etabliert sind, in die Möbelwelt zu übertragen. Zum anderen hatten wir, als wir vor zehn Jahren begonnen haben, keinen Hintergrund im Möbelbau. Wir waren unsere ersten Kunden – das hat uns erlaubt, vieles aus einer ganz anderen Perspektive anzugehen. Manche Ideen waren revolutionär, andere völlig überflüssig. Aber genau dieses Ausprobieren, dieses Denken ohne Schablone, prägt uns bis heute.
Wie verändert Technologie das Verhältnis der Kund:innen zu ihrem Möbelstück – und zu Ihnen als Marke?
Der Kunde ist bei uns Mitautor. Durch den Konfigurator kann wirklich jeder sein eigenes Möbel gestalten – auf den Zentimeter genau. Das schafft eine emotionale Beziehung: Man kauft kein Produkt von der Stange, sondern etwas, das man selbst geschaffen hat. Gleichzeitig wissen wir durch diesen Prozess sehr genau, was die Menschen brauchen. Wir produzieren on demand, nicht auf Vorrat – dadurch vermeiden wir Überproduktion und können das Angebot laufend verbessern. Darüber hinaus bieten wir für Unternehmen, Architekt:innen und Designer:innen Tylko Pro an – einen speziellen Service, der auf Büro- und Gewerbeeinrichtungen zugeschnitten ist und flexible Sonderanfertigungen mit Unterstützung bei Grossprojekten kombiniert.
Massanfertigung galt lange als Luxus. Wie gelingt es Tylko, diesen Ansatz bezahlbar zu machen?
Auch hier ist Technologie der Schlüssel. Wir haben den Produktionsprozess so digitalisiert, dass ein Design aus dem Konfigurator direkt in die Maschinen unserer Partnerbetriebe überspielt wird. Das heisst: Wir nutzen klassische Produktionsanlagen, aber unser System steuert sie so, dass sie Einzelstücke on demand fertigen können – automatisiert, präzise und effizient. So wird Massarbeit zur Normalität.
Sie haben früh mit Augmented Reality gearbeitet. Welche Rolle spielt Technologie heute in der Entwicklung?
Augmented Reality war ein wichtiger Schritt, um Möbel im eigenen Raum sichtbar zu machen. Wir haben das Feature vorübergehend pausiert, um eine neue App zu entwickeln, die unseren Qualitätsansprüchen genügt. Was künstliche Intelligenz betrifft, nutzen wir sie im Alltag, aber noch nicht im Designprozess. Ich bin jedoch überzeugt, dass KI die Branche stark verändern wird – etwa durch generatives Design und schnellere Iterationen.
Welche Trends prägen den Möbelmarkt derzeit am stärksten?
Ein Trend, der mir besonders gefällt, ist der Second-Hand-Gedanke – er kommt aus der Modewelt und erobert jetzt die Designbranche. Wir möchten künftig Rückläufer oder gebrauchte Stücke in einem „Tylko Outlet“ anbieten. Ein anderer wichtiger Punkt ist die Verschmelzung von Wohnen und Arbeiten. Die Grenzen verschwinden, also entwickeln wir Möbel, die in beiden Welten funktionieren. Und natürlich Nachhaltigkeit – sie ist kein Trend, sondern eine Haltung. Wir haben etwa den „Tylko Pass“ eingeführt: Jedes Produkt hat einen digitalen Blueprint, damit einzelne Elemente nachproduziert und Möbel zerlegt oder wieder aufgebaut werden können. Viele Kund:innen sind mit ihren Tylko-Regalen schon fünf- oder zehnmal umgezogen – das ist für mich gelebte Nachhaltigkeit.
Wie ist Nachhaltigkeit konkret in Ihre Produktion integriert?
Sie ist im Geschäftsmodell verankert. Wir produzieren ausschliesslich in Polen, mit kurzen Wegen und FSC-zertifizierten osteuropäischen Hölzern. Wir verwenden wasserbasierte Lacke ohne schädliche Emissionen und produzieren nur, was tatsächlich bestellt wird. Keine Überproduktion, keine Lagerabfälle. Unser Ziel ist, Möbel zu schaffen, die Generationen überdauern.
Wie positioniert sich Tylko zwischen Massenmarkt und Designmarken?
Wir nennen das „affordable premium“. Qualitativ sind wir auf Augenhöhe mit den grossen Designmarken, aber preislich im Mittelfeld – zwischen Ikea und Vitra. Der Grund: Wir verzichten auf Zwischenhandel und verkaufen direkt. Viele unserer Produkte entstehen übrigens in denselben Fabriken wie die bekannter Marken.
Welche Bedeutung hat der Schweizer Markt für Sie?
Die Schweiz ist mittlerweile unser dritt- oder viertgrösster Markt – besonders beliebt ist dort unsere Classic-Linie. Dieses Jahr haben wir sechs Showrooms eröffnet, fünf in Deutschland und einen in Wien. Ein Standort in Zürich wäre der nächste logische Schritt – das Interesse ist gross, und wir sehen viel Potenzial.
Wenn Sie in die Zukunft blicken – wie sieht die Möbelwelt in zehn Jahren aus?
Künstliche Intelligenz wird eine Schlüsselrolle spielen, besonders im generativen Design und in der Raumplanung. Circular Economy wird zur Norm: Möbel müssen rückführbar, reparierbar und recycelbar sein. Ich denke auch, dass die Zeit der reinen Marketing-Brands vorbei ist. Kund:innen informieren sich heute gründlich, vergleichen Bewertungen – Qualität, Transparenz und Vertrauen werden entscheidend. Deshalb verwenden wir für unsere Regale strapazierfähige, hochwertige Materialien wie Eichenholz-Sperrholz und Re-Wool-Stoff aus recycelter Wolle aus den Garnspinnereien von Kvadrat.
Tylko feiert dieses Jahr zehnjähriges Bestehen. Wie geht es weiter?
Wir haben jetzt rund eine halbe Million Kund:innen – aber wir stehen erst am Anfang. Nach Jahren des Fokus auf Stauraummöbel haben wir unsere erste Sofa-Linie lanciert. Künftig möchten wir, dass sich Produkte konfigurieren lassen, die miteinander korrespondieren – etwa Regal, Tisch und Sofa im Dialog. Zudem wachsen wir international: Asien, Amerika und neue Showrooms in Europa stehen auf der Agenda. Ich glaube an die Kombination aus digitalem Komfort und physischem Erlebnis – Online und Offline im Einklang.
