Einst schmückte ein Rosengarten den Burghügel der Laufenburger Altstadt entlang der Burgmattstrasse – nun bespielt der zurückhaltende Neubau von Oliver Christen die Parzelle und lässt hier auf andere Art und Weise neues Leben aufblühen. Wenn auch das kompakte Einfamilienhaus auf den ersten Blick introvertiert wirkt, überrascht es dennoch mit unerwarteter Durchlässigkeit, rahmt zugleich den dahinter liegenden Garten ein, gewährt spannende Ausblicke auf die historische Nachbarschaft und überzeugt mit einem offenen Raumkontinuum im Inneren.
Am Hochrhein sowie direkt an der Grenze zu Deutschland liegt Laufenburg. Bekannt ist die Aargauer Stadt im Nordosten der Region Fricktal für ihren markanten Burghügel, gekrönt mit den Überresten der Burg Laufenburg. Der einstige Stammsitz der Grafen von Habsburg-Laufenburg zerfiel nach dem 30-jährigen Krieg zu einer Ruine, die ab 1803 bis auf den Bergfried abgetragen wurde. Die 1479 erbaute Stadtkirche und das Pfarrhaus ergänzen etwas unterhalb von der Burgruine das historische Ensemble und schmücken das topografische Stadtzentrum, das als Ausblickspunkt sowie als Rückzugsort von der Bevölkerung geschätzt wird.
Ebenso Gefallen hat eine dreiköpfige Familie an diesem besonderen Ort gefunden, der beinahe zufällig das Grundstück in die Hände gefallen ist. Ihr Traum vom neuen Eigenheim war geprägt von Privatsphäre und zugleich einer Inszenierung des Burghügels sowie einem offenen und praktischen Innenraum. Neben diesen Aspekten lag ihr Fokus zudem auf dem Thema der Nachhaltigkeit, das sich in der Materialität sowie auch der qualitativen Nachverdichtung wiederfinden sollte.
Gut integriert
Als letzter Baustein in der Häuserzeile entlang des ehemaligen Burgrings passt sich der Neubau in das kleinteilige Gefüge der Laufenburger Altstadt ein – zurückhaltend, kompakt und angelehnt an den umgebenden Kontext teils steinern. Als solider Bau führt dieser mit seinem Steinsockel zudem sinnbildlich die Burgmauer fort, wobei sich das Einfamilienhaus dennoch mit seiner eigenständigen Haltung als detailreicher Solitär in der Gebäudezeile positioniert und die Blicke auf sich zieht. Mit viel Feingefühl nimmt das Wohnhaus hierfür den geschichtsträchtigen Hintergrund des Ortes in seiner Materialität, seiner Architektursprache sowie seiner Positionierung auf und schlägt mit der zeitgemässen Interpretation der Bautraditionen somit eine Brücke zwischen der historischen Bausubstanz und der modernen Gestaltungssprache der Neustadt.
Realisieren durfte diesen unverkennbaren Bau das Badener Architekturbüro Oliver Christen, dem nach einer kurzen Studienphase das Projekt anvertraut wurde und das den Wünschen der Familie eine endgültige Form geben durfte. Nachhaltigkeit gemeinsam mit Materialehrlichkeit, eine Orientierung zum Hang, gerahmte Ausblicke sowie der Ausgleich zwischen introvertiert und extrovertiert waren dabei formgebende Themen, die in den scheinbar simplen, aber dennoch sehr komplexen Neubau übersetzt wurden und dank unzähliger Details die Handschrift des Architekten nicht leugnen können.
Klare Reduktion
Das Resultat ist ein dreiteiliges, horizontal orientiertes Haus, dessen steinerner Sockel sowohl aus der Umgebung als auch den Anforderungen der Hochwasserzone abgeleitet wurde. Im Sinne der Nachhaltigkeit und minimal invasiver Eingriffe wurde das massive Untergeschoss dabei nur geringfügig in das Gelände eingegraben und nimmt demnach eine lediglich halb so grosse Geschossfläche wie die darüber liegenden Etagen in Anspruch. Der bekieste Vorplatz nimmt zugleich einen aussen liegenden Parkplatz auf und führt auf Strassenniveau durch eine gläserne Haustür ins Innere. Auch hier zeigt sich das Streben nach Minimalismus deutlich: Im Eingangsbereich wurde durch das Versetzen einer Schaltafel um deren Stärke ein Vordach von 27 mm angedeutet und eine Geste geschaffen, die zugleich die strassenseitige Ecksituation spielerisch auflockert.
Leicht und lebendig
Der Massivität entgegen wirkt auch der zweigeschossige Holzbau, der auf dem soliden rechteckigen Sockel ruht bzw. in diesen eingestellt wurde. Durch das vorbehandelte Aussenkleid aus sägerohem Fichtenholz erhält das Erscheinungsbild der beiden Obergeschosse mehr Struktur und Lebendigkeit, wobei die monochrome Farbigkeit der Gebäudehülle bewusst beibehalten wurde. Die Holzfassade gliedert das kompakte Volumen in zwei weitere eigenständige, horizontale Zonen, die dem Baukörper wohlproportioniert und durch unterschiedliche Oberflächenstrukturen mehr Dreidimensionalität verleihen. Die Hölzer wurden grossteils sägeroh verbaut, wobei gehobelte Elemente wie bspw. die Fensterleibungen weitere Akzente fürs Auge setzen und mit ihrer Haptik eine andere Lichtreflexion erlauben. In der Mitte ziert ein feiner Holzfilter die Fassade, wo die durchlässige Lattung präzis gesetzte Ausblicke erlaubt und zugleich vor ungewünschten Einblicken schützt. Bewusst wurden die Holzlatten so gesetzt, dass die Ecken freigespielt wurden und die kompakte Kubatur dadurch mehr Leichtigkeit erhielt.
Fliessend und skulptural
Klar gegliedert ist ebenfalls die innere Organisation, die massgeblich von der Tragstruktur bestimmt wird: Eine gekreuzte, tragende Holzwand zieht sich mittig durch die gesamte Gebäudehöhe und teilt die Geschosse zugleich in vier Nutzungszonen. Dadurch werden skulptural wirkende Innenräume ausformuliert, ein umlaufender Grundriss geschaffen und platzraubende Erschliessungsflächen gekonnt ausgespart. Im Untergeschosss ist hingegen noch die Präsenz der roh belassenen Sichtbetonwand wahrzunehmen, die gemeinsam mit dem geschliffenen Zementboden die Raumatmosphäre bestimmt.
Steigt man über die kompakte, gewendelte Treppe aus Schwarzstahl, die sich durch das gesamte Gebäude schraubt, offenbart sich der Wechsel zwischen dem massiven Untergeschoss und dem aufgesetzten Holzbau. Zudem zeugt dieses vertikale Element von grosser Genauigkeit und handwerklichem Geschick, was insbesondere an den gebogenen Holzauskleidungen der Deckendurchbrüche deutlich wird.
Vom verschlossen wirkenden Untergeschoss gelangt man über die vorgefertigte Wendeltreppe in das Erdgeschoss, das Eintretende mit einer eher unerwarteten Offenheit und einem hohen Tageslichtanteil begrüsst. Neben einem kleinen Gästezimmer sowie einer Arbeitsnische, die hinter dem Filter strassenseitig orientiert sind, hat hier die dem Garten zugewandte grosszügige und beinahe komplett verglaste Wohnküche ihren Platz. Die Küchenzeile wurde als funktionale und kompakte Einbauküche integriert, die in einem hellen Grünton den lebendigen Aussenraum ins Innere holt und dank ihrer Chromstahl-Arbeitsplatte das einfallende Tageslicht angenehm im Raum streuen lässt. Die beinahe raumhohe Komplettverglasung, die subtil mit Holzleisten eingerahmt ist, zieht sich dabei über die gesamte Gebäudelänge und lässt den Ausblick auf den Burghügel sowie den wilden Garten sinnbildlich zum Gemälde werden. Weitergeführt wird die Küchenzeile in der zweiten Raumhälfte als halb so hohe (Sitz-)Nische, die in einem hölzernen Andreaskreuz ihr Ende findet. Dieses hat zwar kaum eine wortwörtlich tragende Funktion, verleiht aber der offenen Gebäudeseite als gestalterische Geste einen angenehmen Abschluss.
Unter dem Dach sind die beiden Schlafzimmer sowie eine weitere kleine Arbeitsnische untergebracht, die von der Dachschräge profitieren und so an Grosszügigkeit gewinnen. Bei genauer Betrachtung zeigt sich hier eine kleine, aber wirkungsvolle Spielerei im Grundriss: Im Elternschlafzimmer sowie Badezimmer wird ersichtlich, dass die mittige Wand nicht exakt in der Symmetrieachse steht und diesen Räumen durch diese minimale Akzentuierung zusätzliche Grosszügigkeit verleiht. Ebenso spielt die Einrichtung der Wahrnehmung der Raumgrössen in die Karten: So wurden die Nassflächen des im Eck situierten Badezimmers mit kleinen, quadratischen Fliesen angelehnt an den Farbton der Küche ausformuliert, wodurch der übrige Raum freigespielt wurde.
Liebe zum Detail
Auf den ersten Blick überzeugt der Neubau bereits mit seiner bedachten, klaren und fein strukturierten Gestaltung, und dennoch lohnt sich ein zweiter definitiv. Am offensichtlichsten – vor allem auch für Passanten – sind vermutlich die liebevoll als „Öhrli“ bezeichneten Fensterläden. Auf den beiden Kurzseiten des Gebäudes durchbricht jeweils ein Bullauge unterhalb des Giebels die Geradlinigkeit des Wohnhauses und garantiert durch die mittige Positionierung die natürliche Belichtung von zugleich zwei Innenräumen. Ausschlaggebend für den Spitznamen sind dabei die eher unkonventionellen, halbkreisförmigen Fensterläden, die im geöffneten Zustand dem Einfamilienhaus seine Ohren verleihen. Die speziell angefertigten, zu öffnenden Fenster reflektieren dank der abstehenden Fensterläden das Tageslicht ins Innere und garantieren gleichzeitig eine einmalige Beschattung des anderen Raums.
Einen weiteren Akzent in der äusseren Erscheinung erhält der Quader durch ein umlaufendes Vordach, das sich in derselben dezenten Farbgebung der monochromen Aussenhülle anpasst, jedoch als schmales Band den Baukörper wohlproportioniert. Unauffällig wurde hierfür selbst die Entwässerung gelöst, wofür gleichfarbige v-Profile verwendet wurden, die wie kleine Schwalben, auf dem knappen Dachvorsprung sitzen.
Doch auch im Inneren sind unzählige verspielte Details zu finden, die einen wesentlichen Beitrag zur Gestaltung leisten. So wird beispielsweise bewusst der statische Aufbau des Hauses gezeigt, indem nicht tragende Elemente eine gut sichtbare Fuge erhalten, während die statisch wichtigen Bauteile durchgehend ablesbar sind.
Alles andere als unwillkürlich wurde darüber hinaus den Einblicken sowie vor allem den Ausblicken Rechnung getragen: So rahmt im Schlafzimmer das Dachfenster das historische Panorama bestehend aus Ruine und Kirchturm und erlaubt vom Bett aus einen Blick auf die Kirchenuhr. Der strassenseitige Filter ermöglicht es, das Geschehen im öffentlichen Raum zu beobachten, ohne dabei den Blicken von Passanten ausgesetzt zu sein. Dank der überlegt gesetzten Öffnungen scheint das Gebäude von aussen sehr verschlossen und überrascht im Inneren hingegen umso mehr mit lichtdurchfluteten und stimmungsvollen Räumen.
Introvertiert und extrovertiert
Die Organisation des Hauses folgt somit einer klaren Typologie: Strassenseitig und zur Öffentlichkeit hin zeigt sich die Fassade zurückhaltend geschlossen. Gartenseitig dagegen wendet sich das Haus mit durchgehenden Öffnungen zum Aussenraum und verwebt die Innenräume mit dem angrenzenden Grünraum. In seiner markanten Formensprache sucht der Neubau keinen Kontrast, sondern einen sorgfältig komponierten Anschluss zur Nachbarschaft – architektonisch vom Ort inspiriert, jedoch zeitgenössisch umgeformt. Wohldurchdacht sind ebenso die Konstruktion sowie der Baukörper in seiner Kompaktheit, die sowohl funktionale als auch materialökonomische Effizienz erlauben. Lokale Hölzer, auf das Notwendige reduzierte Geschossdecken und optimierte Gebäudevolumen tragen der Idee einer ressourcenschonenden Architektur Rechnung, die das Haus zu einem unverkennbaren Solitär werden lässt – einem wahrlich rohen Diamanten, der dem historischen Glanz der Nachbarn Respekt zollt und zugleich in nichts nachsteht.
©Rasmus Norlander
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