Die Schweizerische Energiestiftung (SES) kämpft seit Jahrzehnten für eine nachhaltige, umwelt- und menschengerechte Energieversorgung. Ihr Geschäftsleiter Nils Epprecht betont, dass dabei nicht nur Politik und Technologie gefragt sind, sondern auch die Architektur eine Schlüsselrolle spielt: Gebäude prägen den Energieverbrauch über Generationen hinweg – sie können verschwenden, effizient sein oder gar Energie produzieren. Im Gespräch erläutert Nils Epprecht, wie Architekt:innen und Planer:innen den Wandel hin zu einer erneuerbaren Energiezukunft mitgestalten, warum Suffizienz mehr ist als ein Schlagwort und welche politischen Rahmenbedingungen dafür entscheidend sind.
Die SES setzt sich für eine intelligente, umwelt- und menschengerechte Energieversorgung ein. Welche Rolle spielen Architekt:innen und Planer:innen in diesem Kontext?
Gebäude und Verkehr machen über ihren Energiekonsum zusammen rund die Hälfte unserer CO2-Emissionen im Inland aus. Die Arbeit von Architekt:innen und Planer:innen ist dabei wesentlich: Verschwenden unsere Häuser Energie, nutzen sie sie sinnvoll, oder produzieren sie sogar welche? Wie viel graue Energie wird verbaut? Werden rezyklierte Materialien verwendet? Ermöglichen Siedlungen und Quartiere kurze Wege zur Arbeit und in der Freizeit, oder ist motorisiertes Pendeln unabdingbar? Doch damit nicht genug: Häuser stehen für Jahrzehnte, Quartiere zum Teil für Jahrhunderte: Die Entscheidungen heutiger Architekt:innen und Planer:innen werden noch sehr lange nachhallen.
Wie sieht die Vision der SES für die Energiezukunft der Schweiz aus, insbesondere im Hinblick auf die gebaute Umwelt?
Unser Ziel muss sein, nicht mehr Ressourcen zu verbrauchen, als uns der Planet zur Verfügung stellt. Solange wir mehr verbrauchen, kommt jemand anderes zu kurz. Irgendwann macht sich das bemerkbar. In der Schweiz kommt hinzu, dass der Raum knapp ist und es wertvolle, erhaltenswerte Naturräume gibt. Konkret wünschen wir uns deshalb eine vollständig erneuerbare Energieversorgung im Jahr 2035 – so weit wie möglich in der bereits bebauten Fläche. Jedes Haus produziert dabei mindestens die Energie, die die Bewohner:innen für ihren Alltag und ihre Mobilität brauchen. Aber nicht als autarke Einheit, sondern eingebettet in ein möglichst grosses Netzwerk.
Welche Potenziale siehst du für die Integration erneuerbarer Energien in Neubauten und Bestandsgebäuden?
Allein das Solarenergiepotenzial auf vorhandenen Gebäuden und Infrastrukturen ist genügend gross, um die Schweiz vollständig zu versorgen. Realistisch können wir in den nächsten 10 Jahren eine jährliche Solarstromproduktion von 30 Terawattstunden erreichen – immerhin fast gleich viel Strom wie aus allen Schweizer Wasserkraftwerken zusammen. Mit den jetzt rasch günstiger werdenden Batterien für Quartiere, in Elektroautos oder als Hausspeicher können wir den Tagesbedarf in den Wohnquartieren während der meisten Zeiten im Jahr decken und die bebaute Schweiz so zu einem riesigen Kraftwerk machen.
Wie können Architekt:innen dazu beitragen, die Akzeptanz und Umsetzung von erneuerbaren Energien im urbanen Raum zu fördern?
Ich hatte lange den Eindruck, dass sich viele Architekt:innen nur widerwillig mit dem Thema Energie am Gebäude befasst haben. Das ist schade, denn eine so grosse Transformation wie die Energiewende und die Senkung des Energieverbrauchs muss integral angegangen werden. Je mehr Gebäude ganz selbstverständlich möglichst viel Energie produzieren, effizient nutzen und möglichst wenig verbrauchen, umso höher wird die Akzeptanz auch in der Bevölkerung. Für mich gehören Energieproduktion und -effizienz genauso zur Planung einer Bebauung wie die Nasszellen oder die Landschaftsgestaltung. Auch da haben sich die Bedürfnisse in den letzten Jahrzehnten grundlegend weiterentwickelt und werden nicht mehr infrage gestellt.
Gibt es Beispiele oder Projekte, die als Vorbild für die gelungene Integration erneuerbarer Energien in die Architektur dienen können?
Ja! Immer mehr! Persönlich gefallen mir Projekte, die Solaranlagen selbstbewusst und ästhetisch „tragen“. Zum Beispiel die Wohngebäude von Weyell Zipse Architekten auf dem Guggach-Areal in Zürich. Daneben freue ich mich aber auch über Projekte, bei denen man eine Solaranlage erst auf den zweiten Blick bemerkt. Ich bin im Appenzellerland aufgewachsen, wo Blechdächer noch relativ lange als günstige Alternative zu Ziegeldächern die Identität der Häuser geprägt haben. Manche Häuser, die jetzt mit einer Indachsolaranlage ausgestattet werden, kehren gestalterisch zu ihren Wurzeln zurück. Das gefällt mir.
Energieeffizienz ist ein zentrales Thema in der Architektur. Welche Strategien empfehlen sie , um bereits in der Planungsphase Energieeinsparungen zu maximieren?
Dank Modellen lässt sich der Energiebedarf von neuen Gebäuden mittlerweile sehr frühzeitig ermitteln und optimieren. Mindestens bei Genossenschaften und kostengünstigen, städtischen Wohnprojekten ist auch wieder ein Trend zu kleineren Wohnungen bemerkbar, was für den Energie- und Ressourcenbedarf wichtig ist. Seltener wird direkt mit der Sonne gearbeitet, um sie im Winter als direkter natürlicher Wärmespender zu nutzen. Am wenigsten weit sind wir meines Erachtens bei der Mobilität: Das fängt bei der teuren, oft überdimensionierten Tiefgarage an, die hier und da eine grosszügige Begrünung und damit eine natürliche Kühlung neuer Siedlungen verhindert. Und es hört beim Konzept der kurzen Wege auf. Da bräuchte es diversifizierte Nutzungen, die möglichst viele Bedürfnisse der Bewohner:innen decken – aber dann später auch eine Sensibilisierung der Bewohner:innen, damit sie diese nutzen und lokale Wertschöpfung sicherstellen. Ganz generell lässt sich sagen, dass beim Bau die „low-hanging fruits“ für energieeffiziente und ressourcenarme Gebäude wohl bereits geerntet wurden, aber im Betrieb noch viele Potenziale schlummern.
Wie können digitale Tools und Simulationen Architekt:innen dabei unterstützen, energieeffiziente Gebäude zu entwerfen?
Es ist klar, Kubaturen, die Gebäudeausrichtung, Baumaterialien, Nutzung von interner Abwärme etc.: All diese Potenziale können mit digitalen Modellen viel besser genutzt werden. Das Angebot ist bereits sehr gross und wird mit KI noch grösser. Trotzdem scheint mir wichtig, nicht blindlings auf die Zahlen zu vertrauen. Eine Auskragung ist zwar für den Energiebedarf des Gebäudes schlecht, spendet im Aussenraum am richtigen Ort aber Schatten im Sommer und macht ein Gebäude vielleicht insgesamt lebenswerter, sodass sich die Leute wohlfühlen und auch gerne zu Hause sind.
Welche Rolle spielt die Auswahl von Materialien und Konstruktionen im Hinblick auf die Gesamtenergieeffizienz eines Gebäudes?
Graue Emissionen sind für den Bau sehr relevant. Noch wichtiger ist aber, dass wir uns gerade bei Ersatzneubauten fragen, ob ein Neubau überhaupt nötig ist oder ob auf bestehenden Strukturen aufgebaut werden kann. Aus Gründen des Klimaschutzes sollten wir möglichst viel Holz verbauen, da damit CO2-Emissionen langfristig gebunden bleiben.
Der Begriff der Suffizienz gewinnt zunehmend an Bedeutung. Wie definieren sie Suffizienz im Kontext der Architektur?
Da komme ich auf das Konzept der kurzen Wege zurück: Ein suffizientes Haus oder eine suffiziente Siedlung zeichnet sich dadurch aus, dass möglichst viele Bedürfnisse am Wohnort gedeckt werden können und der pro Person belegte Wohnraum trotzdem verhältnismässig klein bleibt. Zugespitzt: Grosse Häuser auf der grünen Wiese – das kann jede:r, der oder die das nötige Kleingeld hat. Suffiziente Architektur hingegen braucht Köpfchen und vielleicht etwas mehr Zeit in der Planung.
Welche Herausforderungen und Chancen sehen sie bei der Umsetzung von suffizienten Konzepten in der Architekturpraxis?
Architektur hört noch immer häufig an der Parzellengrenze auf, doch wirklich suffizientes Bauen bezieht den Menschen mit seinen Bedürfnissen an Wohnen, Arbeit und Freizeit mit ein. Das geht natürlich besser, wenn ganze Siedlungen neu konzipiert werden, was in der eher kleinen Schweiz selten möglich ist. Doch die wachsende Bevölkerung zwingt uns immer stärker dazu, Bauen konzeptionell anzugehen. Und qualitätsorientierte Architekten:innen gibt es in der Schweiz glücklicherweise viele! Ein Tabuthema des urbanen Raums in der Schweiz bleibt das Auto. Es ist offensichtlich, Autos benötigen Energie, aber es geht eben noch viel weiter: Aufs Auto ausgerichtetes Bauen benötigt mehr Raum und Beton, und die Strassen zerschneiden urbane Lebensräume. Das ist ein Teufelskreis: Wem entspannter, ruhiger Lebensraum im unmittelbaren Wohnumfeld fehlt, steigt ins Auto. Damit identifiziert er oder sie sich aber auch gleichzeitig weniger mit der Nachbarschaft und investiert weniger in der unmittelbaren Wohnumgebung. Das macht es schwieriger, Quartiere der kurzen Wege aufzubauen, die möglichst vielseitige Bedürfnisse abdecken. Rund um die Schweiz von Paris über Barcelona bis Wien, aber auch in kleineren Städten wie Freiburg i. Br. ist da in den letzten Jahren viel gegangen – auch wir sollten diese Chance nutzen!
Wie kann die Gestaltung von Gebäuden und Räumen dazu beitragen, ein bewusstes und ressourcenschonendes Nutzungsverhalten zu fördern?
Sobald Räume lebenswert gestaltet werden, sind die Menschen mit wenig zufrieden. Ich habe mit ein paar Kolleg:innen einmal eine Aktion initiiert, bei der wir Zürcher:innen eine simple Sitzbank zusammenschreinern liessen, die sie dann mit nach Hause nehmen und vors Haus stellen konnten. Dahinter steckte der Gedanke, dass es für einen glücklichen Moment nicht mehr braucht, als eine Sitzgelegenheit und einen lieben Menschen neben sich. Daneben bin ich überzeugt von der Wirkung von Bäumen. Vor einem Jahr besuchte ich Georgien und war fasziniert vom tollen und vielfältigen Baumbestand in den Städten, die auch bei hohen Temperaturen für ein angenehmes Stadtklima gesorgt haben. Doch die hohe Bautätigkeit verhindert in der Schweiz in meinen Augen leider immer wieder, dass Bäume gross werden könnten. Das muss aber kein Widerspruch sein. Ich bemerke auch, die Grünämter von Gemeinden und Städten haben sich in den letzten Jahren entwickelt. Urbane Gebiete sind mittlerweile ein Hotspot der Biodiversität! Ich bin überzeugt, dass das auch ein ressourcenbewusstes Verhalten der Bewohner:innen fördert.
Welche politischen Massnahmen wären aus ihrer Sicht notwendig, um die Umsetzung von energieeffizienten und suffizienten Bauprojekten zu erleichtern?
Das Wichtigste wäre aus meiner Sicht, dass wir der Effizienz, also einen möglichst hohen Output für einen möglichst geringen Input, in der Politik höheren Wert beimessen. In einigen Teilbereichen wie der Wärmedämmung ist das auch dank privater Initiativen wie Minergie gelungen. Aber ein generelles Umdenken hat noch nicht stattgefunden. Bauen ist a priori noch immer etwas, wo wir nach höher, weiter, grösser, schneller streben. Um die Belastungen zu senken, wären politische Anreize für einen schonenden Ressourcenumgang sehr sinnvoll. In der Schweiz wären wir meines Erachtens prädestiniert dafür, da Raum eine sehr begrenzte Ressource ist.
Gibt es aktuelle Förderprogramme oder Initiativen, von denen Architekt:innen und Planer:innen profitieren können?
Mir gefällt die Bewegung um Countdown 2030, die eine zukunftsfähige Baukultur mit intelligentem Ressourceneinsatz verlangt – aber nicht erst übermorgen, sondern heute. In die gleiche Richtung stösst die Initiative Terre à Terre aus der Romandie, die gewissermassen eine Schweizer Humus-Börse ins Leben gerufen hat und so einen bewussten Umgang mit der Ressource Boden fördert. Da schwingt der Kreislaufgedanke mit. Immer wichtiger wird aus meiner Sicht aber auch die Klimaadaption. Ganz im Sinne meiner Eindrücke in Georgien agiert die Basler Initiative Mein Baum Dein Baum und propagiert und fördert Baumpflanzungen auf privaten Grundstücken.
Wie stellen sie sich die Rolle der Architektur in der Energiewende in den nächsten 10 bis 20 Jahren vor?
Entscheidend! Die zunehmende Hitze im Sommer stellt ganz neue Anforderungen an unsere Baukultur. Entweder heizen wir den Teufelskreis weiter an und bauen zigfach Energiefresser wie Klimaanlagen und so weiter, die uns das Leben in den traditionell gebauten Häusern erträglich machen – oder wir versuchen den Kreislauf zu brechen und machen unsere Häuser der Zukunft zu kleinen Kraftwerken und unsere urbanen Räume zu grünen und kühlenden Lungen.
Welche Botschaft möchten sie Architekt:innen und Planer:innen mit auf den Weg geben, die sich für eine nachhaltige und energieeffiziente Bauweise einsetzen möchten?
Betrachtet das Thema Energie beim Bauen nicht als lästige Pflicht, sondern als Ansporn und Chance und plant lebenswerte Aussenräume mit hoher Aufenthaltsqualität, denn das senkt den Energieverbrauch noch viel stärker als ein energetisch durchoptimiertes Gebäude.
Die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) kämpft seit 1976 für eine intelligente, menschen- und umweltgerechte Energiepolitik. Als unabhängige Fachorganisation zeigt sie auf nationaler Ebene Wege auf, um die verhängnisvolle Abhängigkeit von fossilen und atomaren Energieträgern zu überwinden – und setzt sich dabei konsequent für Effizienz, Suffizienz und den verstärkten Einsatz erneuerbarer Quellen ein. Die SES finanziert sich fast ausschliesslich durch private Unterstützung und wirkt im Dienste des Gemeinwohls, frei von politischen oder wirtschaftlichen Einflüssen.
