Holz muss heute niemandem mehr als Baustoff der Zukunft verkauft werden. Gerade deshalb wird die nächste Frage wichtiger: Wie konsequent, wie ehrlich und wie effizient wird es eingesetzt? Ralf Harder, Bauingenieur und Bereichsleiter Marketing bei Lignotrend, spricht über Natürlichkeit ohne Folklore, über Konstruktionen, die mehr können als tragen, und über einen Holzbau, der sich genauer an Anforderungen der Nutzung orientieren kann – und muss.
Lignotrend arbeitet mit dem Slogan „Ligno … deine Natur“. Was steckt hinter dieser Formulierung?
Für uns beschreibt dieser Satz weniger ein Marketingversprechen als eine Haltung. Lignotrend arbeitet seit mehr als drei Jahrzehnten mit Holz, und der Anspruch war immer, aus diesem nachwachsenden Rohstoff eine möglichst hohe bauliche, technische und gestalterische Leistung herauszuholen. Holz ist ein aussergewöhnliches Material, aber es genügt nicht, es einfach einzusetzen. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Mit dem Slogan sprechen wir Menschen an, die sich bewusst sind, dass Holz zu wertvoll ist, um nicht das Bestmögliche herauszuholen.
Was bedeutet das konkret im Austausch mit Architekten, Planern oder Verarbeitern?
Früher musste man im Holzbau oft noch grundsätzlich argumentieren, warum Holz überhaupt ein geeignetes Baumaterial ist. Das hat sich stark verändert. Heute wissen viele Akteure im Bauwesen, dass Holz sinnvoll ist. Die Frage ist eher: Wie konsequent nutzt man seine Möglichkeiten? Wir sehen uns in solchen Prozessen weniger als reine Lieferanten, sondern mit unserer eigenen Fachberatung auch als Sparringspartner. Unsere Elemente funktionieren nicht isoliert. Sie stehen immer in einem Bauteilaufbau für die Erfüllung von Schallschutzanforderungen, zur Schaffung attraktivster, feuerwiderstandsfähiger Oberflächen und guter Raumakustik. Wenn ein Planungsteam Lust hat, diese Fragen besonders sorgfältig und auf der Basis verlässlicher Nachweise auszuarbeiten, entsteht ein Dialog, der sich bewusst auf Augenhöhe abspielt.
Der Begriff Nachhaltigkeit ist im Bauwesen allgegenwärtig. Wo beginnt für Lignotrend die eigentliche Konsequenz?
Ich verwende inzwischen lieber den Begriff Natürlichkeit, weil Nachhaltigkeit sehr schnell abstrakt oder beliebig wird. Natürlichkeit beginnt für uns bei der Materialehrlichkeit. Wir versuchen, Holz mit möglichst geringer Verarbeitungstiefe einzusetzen – also so nah wie möglich an dem, wie es gewachsen ist. Gleichzeitig reicht es nicht, einfach zu sagen: Wir bauen mit Holz, also ist es nachhaltig. Man muss genauer hinsehen. Woher kommt das Holz? Wie wird es verarbeitet? Welche zusätzlichen Materialien kommen ins Produkt? Welche Emissionen entstehen? Welche Nachweise gibt es? Nachhaltigkeit beginnt für uns dort, wo diese Fragen nicht ausgeblendet, sondern ganzheitlich und transparent beantwortet werden.
Sie sprechen die Herkunft des Holzes an. Welche Rolle spielt Regionalität?
Eine primäre. Wir beziehen den überwiegenden Teil unseres Holzes aus einem Radius von rund 200 km. Dazu gehören der Schwarzwald, Teile des Elsass und auch die Schweiz. Für uns endet Regionalität nicht zwingend an einer Landesgrenze. Entscheidend ist der reale räumliche und forstwirtschaftliche Zusammenhang. Gerade im Holzbau darf man sich nicht darauf ausruhen, dass Holz per se ein guter Baustoff ist. Wenn Holz aus Regionen kommt, in denen die Waldwirtschaft nicht verantwortungsvoll betrieben wird, verliert das Argument an Substanz. Deshalb schauen wir genau hin, auch wenn unser Einfluss auf die Forstwirtschaft natürlich begrenzt ist.
Lignotrend setzt, wo immer möglich, auf gewachsenes Holz statt auf Dekore oder Holzwerkstoffe wie MDF. Warum?
Wir sind historisch mit gewachsenem Holz gross geworden. Natürlich haben wir uns auch angeschaut, ob andere Lösungen sinnvoll sein könnten. Eine gewachsene Holzoberfläche hat eine andere Qualität. Sie ist nicht nur ein Bild von Holz, sondern tatsächlich Holz. Viele Kunden schätzen genau diese Materialehrlichkeit und natürliche Langlebigkeit.
Sind Zertifikate für ein Unternehmen eher Belastung oder Nutzen?
Beides. Der Aufwand für tiefgehende fachliche Bewertung ist nicht gering, und es gibt auf Kundenseite ja eine gewisse Zertifikatsmüdigkeit. Deshalb muss man genau prüfen, was ein Label tatsächlich aussagt. Nicht jedes Zertifikat hat die gleiche Tiefe. Für uns sind Zertifikate dann sinnvoll, wenn sie ökologische, gesundheitliche und funktionale Aspekte gleichermassen ernsthaft prüfen. Ein Produkt muss nicht nur emissionsarm oder ökologisch sein, sondern auch seine bauliche Funktion erfüllen. Wenn ein Nachweis dabei hilft, diese Qualität transparent in die Lebenszyklusanalyse von Gebäuden einzubringen, ist er mehr als ein formales Dokument. Dann wird er Teil der Planungssicherheit.
Ein zentrales Stichwort bei Lignotrend ist Materialeffizienz. Was bedeutet das in der Tragstruktur?
Im konstruktiven Holzbau wird Materialeffizienz immer wichtiger. Klassisch denkt man oft in getrennten Schichten: zuerst die Tragkonstruktion, dann die Oberfläche, dann Akustik, Schallschutz, Innenausbau oder Installationen. Wir haben früh versucht, diese Funktionen in einem Bauteil zusammenzubringen. Ein tragendes Element kann mehr leisten als, nur Lasten abzutragen. Es kann eine fertige Oberfläche haben, akustisch wirksam sein, Leitungen aufnehmen oder bauphysikalische Funktionen erfüllen. Materialeffizienz bedeutet für uns deshalb nicht einfach, weniger Holz zu verwenden, sondern Holz dort einzusetzen, wo es tatsächlich eine Funktion erfüllt.
Warum ist das heute so entscheidend?
Der Holzbau wächst, und das ist grundsätzlich positiv. Aber angesichts der erfreulichen Steigerung der Holznutzung kommen die Grenzen der Ressourcenverfügbarkeit in Sichtweite. Holz ist nicht unbegrenzt verfügbar. Deshalb sollten wir uns nicht darüber freuen, möglichst viel Holz in ein einzelnes Gebäude zu bringen. Die wichtigere Frage lautet: Wie können wir mit derselben Menge Holz möglichst viele klimaschädlichere Bauweisen ersetzen? Es geht also nicht darum, möglichst viel Holz pro Gebäude einzusetzen, sondern mehr Gebäude sinnvoll in Holz zu bauen. Wenn wir materialeffizient planen, erhöht sich das Substitutionspotenzial.
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