Bauen im Bestand, ohne Stillstand

Wenn ein Kulturbau saniert werden muss, stellt sich selten die Frage, ob gebaut wird – sondern, wie der Betrieb währenddessen weitergeht. Modulare Temporär- und Schnellbauweise beantwortet sie: als Ersatzspielstätte, die den Vorhang oben hält, und als Erweiterung, die dem Bestand neuen Raum gibt.

Sanierung im Bestand hat eine unbequeme Nebenbedingung: Der Ort, an dem gebaut wird, wird meist noch gebraucht. Ein Theater kann seinen Spielbetrieb nicht einfach für unbestimmte Zeit einstellen, ein Konzerthaus sein Publikum nicht über Jahre vertrösten. Und ein denkmalwürdiges Ensemble lässt sich nicht beliebig aufstocken, ohne seine Substanz und seine Aussage zu berühren. Für Architekt:innen und Planer verschiebt sich damit die eigentliche Aufgabe: weg von der reinen Konstruktion, hin zur Frage, wie Nutzung, Zeit und Bestand zusammenkommen. An dieser Schnittstelle arbeitet NÜSSLI. Das 1941 in Hüttwilen gegründete Unternehmen ist als Anbieter temporärer Bauten gross geworden – Tribünen, Bühnen, Pavillons. Aus derselben Kompetenz ist über die Jahre ein zweites Feld gewachsen: Interims- und Erweiterungsbauten für Kultur- und Infrastrukturbauten, die saniert, ersetzt oder ergänzt werden. Modulare Bauweise ist hier kein Kompromiss, sondern das passende Werkzeug: Sie erlaubt kurze Bauzeiten unter Termindruck, greift nicht in den laufenden Betrieb ein und lässt sich – anders als ein konventioneller Neubau – nach Gebrauch vollständig zurückbauen und andernorts wiederverwenden. „Es gibt derzeit viele Kulturbauten, die sanierungsbedürftig sind und Interimslösungen brauchen“, sagt Reto Rey, Head of Project Management Special Projects bei NÜSSLI. Drei Projekte zeigen, wie unterschiedlich die Antwort ausfällt – vom vollwertigen Ersatztheater bis zur Aufstockung eines Gesamtkunstwerks.

Kassel: Bauen neben dem Bestand
Das Grosse Haus des Staatstheaters Kassel muss saniert werden. Für die rund sechs Jahre der Sanierung brauchte das Haus eine Ersatzspielstätte, die keine Behelfslösung sein durfte, sondern ein vollwertiges Opernhaus. Auf dem Areal der ehemaligen Jägerkaserne I entstand das INTERIM mit Platz für bis zu 850 Gäste.
Bemerkenswert ist, was das Haus künstlerisch kann. Das INTERIM ist kein starrer Guckkasten, sondern wandelbar: Von der klassischen Bühne mit zentraler Perspektive bis zum 360-Grad-Raum, in dem sich Bühnenfläche und Publikum durchmischen, lässt sich der Saal für jede Inszenierung neu konfigurieren. Was als Übergangslösung geplant war, eröffnet damit Möglichkeiten, die das Stammhaus in dieser Form nicht bietet. Ebenso bemerkenswert ist das Tempo. Die reine Bau- und Planungszeit lag bei rund eineinhalb Jahren. Möglich wurde das durch vorgefertigte Module, die parallel zu den Arbeiten auf der Baustelle produziert wurden – und durch eine Bauabfolge, in der sich Gewerke überlagerten, statt aufeinander zu warten. Eröffnet wurde das Haus am 31. Oktober 2025 mit Verdis Aida – eine Oper mit gewaltigen Chorszenen, die als Prüfstein für jede Bühne gilt.
Für Planer besonders relevant ist das, was am Ende der Nutzung steht: Der Bau ist vollständig rückbaubar und lässt sich an anderem Ort wieder aufbauen. Ohne die theaterspezifischen Einbauten kann die Modulhalle auch für kommunale, kulturelle oder sportliche Zwecke nachgenutzt werden. Temporär gebaut heisst hier nicht weggeworfen, sondern weiterverwendet.

Monheim: Bauen auf dem Bestand
Die Mack-Pyramide in Monheim am Rhein, Ende der 1980er-Jahre als Firmengebäude errichtet und vom ZERO-Künstler Heinz Mack gestaltet, ist selbst ein Gesamtkunstwerk. Seit 2019 gehört das Ensemble der Stadt, die es zu einem öffentlich zugänglichen Kunstort entwickelt. Die Aufgabe ist heikler als ein Neubau: Der Bestand wird saniert und gleichzeitig überbaut.
Der architektonische Kern des Entwurfs „H EINS“ von Ruth Martin und Malte Grobenstieg – prämiert in einem Wettbewerb des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft: Über die bestehende Pyramide wird eine zweite, abstrahierte und gespiegelte Form gesetzt, die deren Geometrie aufnimmt und nach oben weiterführt. Über drei Etagen entsteht neuer Raum für Ausstellungen und Ateliers. NÜSSLI setzt das Projekt als Totalunternehmerin gemeinsam mit asp Architekten um; die Tragstruktur ist eine Stahlkonstruktion mit Treppenhäusern aus Stahlbeton, wo möglich mit vorgefertigten Bauteilen. Der Reiz liegt in der Doppelaufgabe – und in ihrer Reihenfolge. Neubau und Sanierung laufen parallel, die Tragkonstruktion muss trotz schwieriger Bodenverhältnisse gegründet werden, und die Aufstockung darf das darunterliegende Kunstwerk nicht beschädigen. 

München: Bauen mit dem Bestand
Dass die Idee trägt, hatte München schon vorgeführt. Als der Gasteig – Europas grösstes Kulturzentrum, mit rund 1800 Veranstaltungen im Jahr – generalsaniert werden musste, war ein Umbau bei laufendem Betrieb ausgeschlossen. Der Kulturbetrieb brauchte für die Sanierungszeit eine vollwertige Ausweichspielstätte. Diese errichtete NÜSSLI schlüsselfertig als Generalunternehmer im Stadtteil Sendling: das Interimsquartier Gasteig HP8 mit der Isarphilharmonie und drei weiteren Modulbauten. Die denkmalgeschützte alte Trafohalle auf dem Gelände liess sich ins Konzept integrieren und übernimmt heute gleich zwei Rollen – als Stadtbibliothek und als Foyer der Philharmonie. Temporärer Neubau und weitergenutzter Bestand im selben Ensemble.
Hier lag die Messlatte nicht nur im Tempo, sondern im Klang. Ein Konzertsaal für die Münchner Philharmoniker muss akustisch mit den besten Häusern mithalten, und zwar auf jedem einzelnen Platz. Die Akustik verantwortete Yasuhisa Toyota mit Nagata Acoustics, dieselben Spezialisten, die hinter der Elbphilharmonie stehen. Statt auf Beton setzt der Saal auf Holzmodule innerhalb einer Stahlkonstruktion – rund 60 000 Kubikmeter Raumvolumen, 1800 Plätze.

Was Planer daraus mitnehmen
Drei Eigenschaften machen temporäres und modulares Bauen für das Bauen im Bestand interessant. Erstens die Zeit: Vorfertigung und überlagerte Gewerke verkürzen die Bauzeit dort, wo Stillstand am teuersten ist – im laufenden Betrieb. Zweitens die Reversibilität: Ein rückbaubarer, wiederverwendbarer Bau ist nicht nur nachhaltiger, er verändert auch die Wirtschaftlichkeitsrechnung, weil am Ende ein Restwert steht statt eines Abbruchs. Drittens der Anschluss ans Vorhandene: Ob Ersatzspielstätte neben dem Denkmal oder Aufstockung über dem Bestand – die eigentliche Schwierigkeit liegt nicht im Modul, sondern in der Schnittstelle, dor,t wo Neues auf Vorhandenes trifft.
Und ein Interim kann mehr sein als ein Ersatz. Ein flexibler, unbelasteter Raum lädt zum Experiment ein – wie in Kassel, wo die wandelbare Spielstätte Formate erlaubt, die im Haupthaus nicht möglich wären. So wird die Ausweichspielstätte zur Spielwiese für neue Formen und senkt die Schwelle für ein Publikum, das den Weg ins Stammhaus vielleicht nie gefunden hätte.
Für Architekt:innen und Fachplaner heisst das: Die Interims- oder Erweiterungsfrage gehört früh in die Sanierungsstrategie, nicht ans Ende. Wer den Weiterbetrieb, die Nachnutzung und die Verbindung zum Bestand von Anfang an mitdenkt, gewinnt Spielraum – zeitlich, gestalterisch und wirtschaftlich. Der temporäre oder ergänzende Bau ist dann kein Notnagel, sondern ein eigenständiger Beitrag zum Bauen im Bestand.

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