Sind Architektur und Design politisch?

Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.

Die ersten Wochen des Jahres 2026 sind von Schwere und Traurigkeit geprägt, wenn man in die Welt, über seinen eigenen Gartenzaun hinausschaut. Da musste ich kurz innehalten und mich fragen, was ich denn hier in meiner Kolumne schreiben könnte. Die Welt scheint im Grossen tatsächlich ein trauriger Ort zu sein, umso wichtiger scheint, dass wir nicht alle in Schockstarre verharren und uns daran erinnern, dass wir unsere Welt im Kleinen positiv beeinflussen und aktiv gestalten können, sodass die Freude an Schönheit – so individuell sie auch sein mag, nicht verloren geht und etwas dabei hilft über die grauen Wolken hinwegzublicken.

Am Weihnachtsabend, als wir in der Familie gemeinsam Raclette essen wollten, fiel der Strom aus. Nervig, aber da der Ausfall nur einen Abend angedauert hat, ganz unterhaltsam. Letztlich haben wir Pizza und Lasagne bestellt und uns im Halbdunkeln bei Kerzenlicht dennoch köstlich amüsiert. 

Ein paar Wochen später dachte ich ans Raclette-Essen und daran, dass ich das unbedingt noch nachholen will. Kurzerhand habe ich einen Whatsapp-Gruppenchat mit einigen meiner Freund:innen initiiert und zu einem Raclette-Abend in der Gemeinschaftsküche bei mir in der Wohnbaugenossenschaft eingeladen. Meine Wohnung ist zu klein und die Wohnungen meiner Freunde aufgrund mangelnder Barrierefreiheit oft nicht mal besuchbar, sodass mir diese Lösung die beste schien. 

Ich habe – ganz naiv – damit gerechnet, dass etwa 7 Personen zusagen, da die meisten beschäftigt sind und bereits verplant sind. Letztlich waren wir fast 20 Leute. Sodass ich noch zusätzliche Raclette-Öfen besorgen musste. Als Rollstuhlfahrer gab es für mich natürlich einiges bei den Vorbereitungen und dem Aufräumen, wobei ich Unterstützung brauchte. Und die Freiwilligen liessen zum Glück nicht lange auf sich warten. 

Nun bin ich in der glücklichen Situation, in einer barrierefreien Wohnung zu leben, und das in einem Haus, das ebenfalls keine Hindernisse aufweist und über eine grosse Gemeinschaftsküche verfügt. Dieser architektonische Rahmen macht es mir möglich, relativ spontan zu sein und solche Anlässe zu organisieren. Dabei kompensiere ich den Umstand, dass mich meine Freund:innen oft nicht zu sich Einladen können, weil ich als Rollstuhlfahrer noch nicht „fliegen“ gelernt habe. Das mit dem Gehen ist ja sowieso etwas kompliziert. 

Architektur und Design bedeuten Freiheit, Lebensraum, Platz zum Ausweichen, Familie, Freunde und die Möglichkeit, in seinem eigenen Umfeld etwas Schönes zu schaffen, auch wenn die Welt da draussen es schwer erscheinen lässt. 

Lassen Sie uns gemeinsam an einer inklusiven Zukunft arbeiten. Mehr dazu finden Sie hier.

 

 

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