Stark gestapelt

Altbewährt und gleichzeitig neu gedacht – so lässt sich der Umbau des jungen
Architekturbüros by Jung in Signau im Emmental kurz und knapp zusammenzufassen. Denn im Rahmen des Wiederaufbaus wurde das bestehende Haus im Hang aus den 1960er-Jahren bis auf sein Sockelgeschoss zurückgebaut, nach dem neuen Entwurf
mit zwei eigenständig wirkenden Geschossen erneut aufgebaut und dabei den statischen Anforderungen der starken Hanglage angepasst, um eine Gefährdung von Hangmuren und Erdrutschen zu verhindern. Hierfür wurde eine dreidimensionale Betonstruktur
errichtet, die gemeinsam mit einem spannenden Materialmix und einer klaren
Formensprache das Gebäude des Bieler Duos prägt.

Entlang der Dorfstrasse Signaus reihen sich die Bauten des rund 2500-Seelen-Dorfes aneinander – wobei hier Alt und Neu eine gute Mischung bilden und so vom steten Wachstum der Gemeinde zeugen. Gegen Nordwesten hin wird der Ort von einem markanten Hang, der als auffallende topografische Gegebenheit eine zentrale Bedeutung in diesem Projekt einnimmt, eingegrenzt. Da der Baukörper in einem Gefahrengebiet von Hangmuren liegt, musste vorab ein geologisches Fachgutachten eingeholt werden, um die nötigen Schutzmassnahmen zu gewährleisten. Letztendlich bescherte das Bauvorhaben dem Bestandsbau aus den 1960er-Jahren viel Neues: ein neues Aussehen, eine neue Materialität, ein starkes Rückgrat und letztendlich neue Bewohner.

Einmal neu bitte
Als Direktauftrag wurde der Umbau und die gleichzeitige Neugestaltung des ehemaligen Elternhauses des Bauherrn in die Hände des jungen Bieler Architektenduos Jonas Ulmer und Nathan Ghiringhelli gegeben. Dabei war von Beginn an ein Wiederaufbau der beiden oberen Geschosse in Holzbauweise, um von dessen Wärme und Haptik zu profitieren sowie um vor allem in den Innenräumen eine wohlige Atmosphäre zu schaffen, gewünscht. Ein Wunsch, der aufgrund der statischen Anforderungen – an das mittlere Geschoss – hintangestellt werden musste. Denn ein Holzbau hätte die einwirkende Last, die der Hanglage geschuldet ist, nicht aufnehmen sowie ableiten können und im Falle von Hangmuren oder auch Erdrutschungen nicht standhalten können. Somit wurde lediglich das unterste Geschoss beibehalten und unter Berücksichtigung der Lastabtragung das Wohnhaus mit zwei neu errichteten, sehr unterschiedlichen Stockwerken erneut in die Höhe gezogen. Gleichzeitig nutzten die Architekten die Bauparzelle optimal aus: Zur Terrasse hin öffneten sie den Grundriss und kürzten die Fassade, sodass sie innerhalb kürzester Bauzeit neuen, qualitativen Wohnraum auf der Basis der alten Mauern schaffen konnten. Damit garantierten die Bieler Architekten den Eigentümern einen fliegenden Wechsel von ihrem alten ins neue Zuhause, das sie bereits nach einer Bauzeit von rund sieben Monaten beziehen konnten.

Äussere Einflüsse
Wie bereits erwähnt spielt die Lage des Hauses eine massgebliche Rolle im Entwurf, beeinflusste dementsprechend die Grundrisse der Etagen und ist zudem in der räumlichen Wirkung dominant. Aufgrund der hohen Ansprüche an die Lastabtragung musste der Betonkorridor eingezogen werden, der sich der Länge nach durch das Grundstück zieht und damit eine wichtige sowie dominante Achse vorgibt. Von dieser ausgehend hat sich die Gebäudeerschliessung ergeben sowie die Raumaufteilung der neu erstellten Stockwerke ableiten lassen. Darüber hinaus gibt das neue Rückgrat des Einfamilienhauses auch die klare Linienführung des gesamten umgestalteten Baukörpers vor, der von einer kompakten Geometrie, einfachen Formen sowie neuerdings von der starken Präsenz von Beton geprägt ist.

Rückgrat zeigen
Doch trotz der klaren Architektursprache war und ist das zentrale Thema sowie gleichzeitig die grösste Herausforderung die statische Nachrüstung des Baus: Denn insgesamt muss die neue Stützstruktur bis auf 3 m Höhe einen Erdrutsch mit einem Aufprall von bis zu vier Tonnen Last pro m2  aushalten, diese bestmöglich auf die Bestandsmauern des belassenen Untergeschosses ableiten sowie auch Wassermengen aus dem Erdreich standhalten können. Letzteres wurde bereits in diesem regenreichen Sommer auf Herz und Nieren getestet und hat dabei die unerwartete Feuerprobe mit Bravour bestanden. Die insgesamt 25 cm starke betonierte Struktur verteilt hierfür die einwirkenden Kräfte auf die vier zu dieser im rechten Winkel verlaufenden Bestandsmauern im untersten Stockwerk, das sich auf dem Strassenniveau der Zufahrt befindet. Genau dieses Rückgrat ist im Erdgeschoss des Hauses im Innenraum ersichtlich und in roher Erscheinung belassen – wodurch die Stärke der Mauer dort besonders zum Ausdruck kommt. Da hier im hinteren, tunnelartigen Gebäudeteil Fenster ausgelassen werden mussten, wurde entlang dieses tragenden Bauelements die Erschliessung des Hauses angelegt, die sich auf einen schmal angelegten Korridor konzentriert und die drei Stockwerke verbindet. Betont wird die langgezogene Geometrie dieses Raums dabei durch seitlich einfallendes Licht.

Altbewährtes beibehalten
Gestützt wird dieses Umbauprojekt dabei nicht nur von dessen neuem Rückgrat, sondern zudem von den Bestandsmauern des Einfamilienhauses aus den 1960er-Jahren, die den massiven Sockel mit lediglich punktuellen Öffnungen des zweigeschossigen Aufbaus ausbilden. Auf dieser Etage befinden sich schon wie zuvor der Haupteingang samt Garage sowie noch weitere Haustechnik- und Abstellräume. Der Grundriss dieses Geschosses wurde somit komplett belassen, eins zu eins übernommen und in die statischen Berechnungen einbezogen, sodass die weiteren Geschosse schlicht und einfach aufgesetzt werden konnten. Daher gelangt man auch weiterhin noch über dieselbe gut bewahrte Treppe in das darüberliegende Geschoss – lediglich der letzte Auftritt wurde neu ausgebildet und hebt sich daher farblich von den bestehenden ab. 

Eins draufgesetzt
Eben dieses Geschoss bildet nun den neuen Mittelpunkt des Wohnhauses – nicht nur durch dessen Anordnung als mittleres Stockwerk. Vielmehr hebt sich das Erdgeschoss auch aufgrund seiner Optik und seiner Haptik hervor, die vor allem im Inneren zur Geltung kommen: Während die Wände nach aussen hin gedämmt und in einem matten Weiss verputzt sind, präsentieren sich diese in den Innenräumen komplett unverschleiert in Sichtbeton. Dabei strahlt das offene Wohnzimmer samt Wohnküche – entgegen der Befürchtung eines kalten, unbehaglichen Wohnraums mit unvorteilhafter Akustik – eine Gemütlichkeit und angenehme Wärme aus. Zu verdanken ist dies dem harmonischen Zusammenspiel von Beton mit unbehandeltem Holz, das insbesondere bei Tür- und Raumtrennelementen Verwendung fand. Zudem wurde eine abgehängte Holzdecke integriert, die nicht nur ihren Teil zur wohligen Raumatmosphäre beiträgt, sondern auch die Akustik massgeblich positiv beeinflusst. Zusätzliche Wärmequellen stellen die integrierte Fussbodenheizung im Betonboden sowie das durchgängige Fensterband dar. Letzteres lässt nicht nur viel Tageslicht in die Wohnräume sowie in das angrenzende kleine Büro fallen und erwärmt den Innenraum durch die Kraft der Sonne, sondern eröffnet zudem ein grosszügiges Panorama über das Emmental. Geöffnet wird dieses Geschoss darüber hinaus zusätzlich gegen Westen hin: Hier erweckt eine einladende Terrasse den Anschein, dass das Wohnzimmer im Aussenraum seine Fortführung findet und optisch die Grenze zwischen drinnen und draussen immer mehr aufgehoben wird. Lediglich ein querstehendes Dreieck markiert hier den Übergang vom geschlossenen zum offenen Wohnraum, von wo aus man Sicht über das Dorf und die Bergkette des Berner Oberlandes hat, und schafft gleichzeitig ein spürbares Zentrum für das gesamte Haus. Dabei schaffen Elemente wie die neu ausgestaltete Sichtbetonbrüstung dennoch eine Verbindung zwischen dem Drinnen und dem Draussen, indem sie die klare Linienführung und die Geometrie des Baukörpers aufnehmen und fortführen.

On top
In einer komplett anderen Erscheinung präsentiert sich wiederum das oberste Geschoss: Hier schliesst ein vorgefertigter Holzelementbau den kompakten Baukörper nach oben hin ab, greift dabei in gewisser Art und Weise die vorherige Fassadenoptik erneut auf und stellt im selben Moment einen starken Kontrast zu dem massiven darunterliegenden Betongeschoss dar. Eine besondere Herausforderung bei diesem Materialwechsel präsentierten die verschiedenen Toleranzen des Massiv- und auch des Holzbaus: Um jedoch Fehler in der Vorfabrikation aufgrund dieser kleinen, feinen Unterschiede vermeiden zu können, nahm die Holzbaufirma genauestens Mass vor Ort und konnte so den genau passenden, massgefertigten Elementbau garantieren. Dank dieser Produktionsweise konnte das letzte Stockwerk innerhalb von wenigen Tagen realisiert und das Wohnhaus vollendet werden. Dabei wurde die vorherige Gebäudehöhe beinahe unverändert beibehalten – lediglich um wenige Zentimeter reizten die Planer die Höhe bis auf ihr Maximum aus. Auf dieser Etage sind zwei Schlafzimmer, ein Badezimmer sowie ein Gästezimmer untergebracht, die durch die enorme Raumhöhe, den sichtbaren Giebel und die unbehandelten Holzinnenwände an Raumqualität gewinnen. Darüber hinaus haben die Architekten auf geschickte Weise hier zusätzlichen Stauraum geschaffen, indem sie in Richtung des Hanges die Wand doppelt ausgeführt und darin einen schmalen Estrich versteckt haben. 

Schicht für Schicht
Vielschichtig und dennoch in sich stimmig – der Umbau und Wiederaufbau des Einfamilienhauses lebt von dieser Ambivalenz. Während wiederkehrende Materialien, verbindende architektonische Elemente sowie eine klare Linien- und Formenführung eine Einheit suggerieren, schaffen der Materialmix und die Schichtung eine lebendige Spannung. So hat jedes Stockwerk hier seine ganz eigene und spezielle Sprache: Zeugen zuunterst die verputzten Massivbauwände noch vom ehemaligen Wohnhaus, spiegelt der Sichtbeton im Erdgeschoss hingegen eine moderne, zeitgemässe Gestaltung wider und greift die oberste Etage den aktuellen Holzbautrend auf. Diese horizontale Überlagerung wird dabei von dem durchgängigen Fensterband im Erdgeschoss verstärkt, das sich wie eine Achse durch das Gebäude zieht. Gleichzeitig wird hier der kompakte Baukörper bewusst geöffnet und somit ein Ausgleich zur Massivität des rückseitigen, stützenden Betonkreuzes geschaffen. Als eigenes Gestaltungselement betont und als solches wahrgenommen wird das Fensterband dabei vor allem durch seine dunkelbraunen Fensterrahmen, wodurch sich die Glasscheiben deutlich von der hellen Fassade abheben. Ansonsten ist die Gebäudehülle von Zurückhaltung und einer Geometrie geprägt: Nach mehreren Farb- und Materialstudien haben sich die beiden Architekten für eine dezente Farbgebung der Aussenhülle entschieden, durch die die in ihrer Bauweise eigenständig wirkenden Geschosseinheiten zu einem gemeinsamen Nenner finden. Zugleich verkörpert diese Bauaufgabe insbesondere den Design- und Entwurfsansatz des Duos: Sie wollen ihren Gebäuden nicht nur jeweils einen individuellen Charakter verleihen, sondern dadurch dem Ort sowie der Bauaufgabe gegenüber eine klare Haltung zeigen. Unter diesen Gesichtspunkten haben sie ein durch und durch starkes Projekt entwickelt – stark in der Mischung, stark im Charakter und vor allem mit einem starken Rückgrat.

© Bela Zwygart

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