Nachverdichtung, Sanierung, Transformation, Weiterentwicklung und qualitativer Wohnraum – alles aktuelle Themen der Baubranche. Wie sich all diese Aspekte nicht nur einzeln integrieren, sondern unter einem Dach bzw. unter zwei Dächern vereinen lassen, zeigt das Projekt „Häuser im Gatter“ von Bareiss Architektur in Thayngen. Am Rande der Dorfzone wurde ein sanierungsbedürftiges Bauernhaus zum Mehrparteienhaus transformiert und der angrenzende desolate Ökonomieteil durch neuen Wohnraum ersetzt. So präsentiert diese Bauaufgabe, wie Altes und Neues zusammenfinden, dabei Qualitäten in allen Bereichen erkannt werden und letztlich ansprechender Wohnraum entstehen kann.
Nordöstlich der Stadt Schaffhausen liegt die Gemeinde Thayngen, in welcher der Weinbau eine ebenso lange Tradition wie die Landwirtschaft hat. Diese enge Verbindung ist selbst im Wappen ersichtlich, das seit 1569 von einem silbernen Rebmesser mit goldenem Griff auf einem grünen Feld geprägt ist und über die Jahrhunderte beinahe unverändert beibehalten wurde. Die jetzige Teilung des Wappens mit dem Schlüssel ist erst seit 1840 zu finden. Und aus jener Zeit stammt auch der Bauernhof, der seitdem ein Teil der historischen Gatterstrasse ist und nun in neuem Glanz den profanen Bestand ergänzt. Dabei bleibt er der Manier des dortigen Bestands treu, orientiert sich an dessen urbaner Körnung und macht mit seiner äusseren Erscheinung eine ebenso qualitative Bauweise wie jene der Nachbarsbauten ablesbar.
Geschichte weitererzählen
2020 wurde jenes 150-jährige Bauernhaus samt Ökonomieteil sowie 2200 m2 Bauland von den heutigen Eigentümern erworben, die nach einer Studie ihr erstes Investmentprojekt als Direktauftrag dem lokalen Büro Bareiss Architektur AG anvertraut haben. Während die Bauherrschaft zuerst jedoch noch den Abriss des alten Hauses favorisierte und mit einem Ersatzneubau liebäugelte, konnten die Architekten unter Beachtung des Baugesetzes mit einem Gewinn an Wohnraum beim Erhalt des Bestandes deren Meinung ändern.
Denn aufgrund der gesetzlichen Grundlage und der Vorschriften der Wohnzone konnte der nicht ausgebaute Dachboden des bestehenden Bauernhauses zu Wohnraum transformiert werden und zusätzliche 130 m2 Wohnraum gegenüber einem Neubau geschaffen werden. Diesem Schachzug sowie der Transformierung des historischen Gebäudes spielte vor allem die qualitative Bausubstanz des Bestandes in die Karten und erlaubte es, das tief verwurzelte Nachhaltigkeitsverständnis des Architekten sowie der Bauherrschaft zum Hauptthema des umfangreichen Bauprojekts werden zu lassen. Anders jedoch beim Ökonomieteil: Während das Hauptgebäude erhalten werden konnte, musste der hölzerne Anbau aufgrund seines desolaten Zustandes rückgebaut werden und wurde als eigenständiges Bauvolumen neu errichtet. Somit setzt sich das Ensemble letztlich aus der Transformation des Bestandes und einem Neubau in angelehnter Architektursprache zusammen.
Alt, aber neu
Um die umfassende Sanierung möglichst reibungslos planen und umsetzen zu können, wurde das alte Bauernhaus vorab per Laser aufgenommen und als 3D-Modell aufbereitet. Mit diesem als Grundlage für den weiteren Planungsprozess wurde der historische Bau sorgfältig transformiert, ohne dabei seinen bisherigen Charakter zu verlieren.
Während das Innenleben komplett überarbeitet wurde, blieb dessen äussere Erscheinung – vor allem strassenseitige – gleich: So führt weiterhin das originale Eingangspodest samt Metallgeländer ins Hochparterre, von wo aus zwei der vier Wohnungen direkt erreichbar sind. Die restlichen Wohneinheiten sind entweder über die Liftanlage oder einen aussen liegenden Turm auf der Gartenseite erschlossen, der zugleich terrassenartige Aussenbereiche eröffnet. Durch diese externe Treppe, die als filigrane Stahlkonstruktion an der nördlichen Fassade umgesetzt wurde, konnte die Wohnfläche maximal ausgenutzt werden und die Bausubstanz gleichzeitig so wenig wie möglich angegriffen werden, da zusätzliche statische Massnahmen ausgespart werden konnten. Somit bleibt der besondere Ausdruck des Hauses erhalten und die Geschichte des Hauses weiterhin ablesbar.
Des Weiteren wurden im Rahmen der Umnutzung der Dachstuhl, die alten Deckenbalken, die Fachwerkwände sowie die Bruchsteinwände frei gelegt und sorgfältig aufbereitet. Alle Wände haben zudem innen einen neuen mineralischen Dämmputz erhalten, wobei die bestehenden Aussenmauern in gröberer Variante und die neu eingezogenen Innenwände mit feinerer Körnung ausgeführt wurden. Eine aussen liegende neue Dämmung haben die alten Riegelwände erhalten, sodass das Fachwerk innen liegend für die Bewohner:innen sichtbar belassen und dieses dafür in der Fassade erneut angedeutet wurde. Angesichts der Dämmung wurden ebenso die alten Holzfenster gegen neue ersetzt und deren Innenseite dabei bewusst mit einer lackierten Holzoberfläche versehen, um damit einen Kontrast zu den vorwiegend natürlichen Materialien im Innenraum zu setzen.
Zeitloses Wohnen
Insgesamt wurden vier Mietwohnungen in dem monolithischen Massivbau realisiert, die ein Œuvre von der 2,5-Zimmer-Wohnung bis hin zur loftartigen Dachgeschosswohnung mit Galerie abdecken und unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden. Wenn sie auch in ihrer räumlichen Komposition variieren, gleichen sich die Einheiten dennoch in ihrer Ausstattung und ihren Einbauten: Die Kombination von individuellen Schreinermöbeln, alten Toren, die sandgestrahlt und aufbereitet wurden, sowie modernen Elementen wie den geschliffenen Anhydritböden schafft im Inneren eine lebendige Synthese von Zeitlosigkeit und historischen Attributen. Grosszügige Badezimmer mit begehbaren Duschen, schlichte Küchenzeilen in einem dezenten Grauton und helle Innenräume zeichnen die Wohnungen aus, in welchen sichtbare Holzbalken und Strukturen die Geschichte des Baus offensichtlich zeigen. Vor allem in der obersten Wohnung ist dies wahrlich raumprägend, wo die Gebälkstruktur massgeblich den Wohnraum unterteilt. Erhöht wird die Einmaligkeit und Wertigkeit der oberen Wohneinheiten zudem durch deren private und direkte Erschliessung durch die Liftanlage, die diesen einen loftartigen Charakter verleiht.
Neuer Nachbar
Komplett neu erstrahlt hingegen der einstige Anbau des Bauernhofes: Aufgrund seiner instabilen Struktur musste das ehemalige Ökonomiegebäude zurückgebaut werden und wurde als ein Ersatzneubau in monolithischer Bauweise mittels Einsteinmauerwerk erneut errichtet. Gleichzeitig wurde dabei ermöglicht, eine Tiefgarage als verbindendes Element beider Häuser zu realisieren und die Parksituation unterirdisch zu lösen.
Neben der umfassenden Umgestaltung wurde der Neubau auch städtebaulich neu ausgerichtet und hierfür vom Bestandsbau abgekoppelt, um das Gesamtvolumen des Projekts kleiner erscheinen zu lassen und die feinere Körnung der Nachbarschaft aufzunehmen.
Zugleich führen der Versatz und das leichte Abdrehen des neuen Volumens zu einer deutlichen Qualitätssteigerung für beide Wohnbauten, die von der Aussicht, der Durchsicht sowie ihrer Privatsphäre profitieren. So werden beispielsweise Blickbezüge zum Kirchturm ermöglicht, Details wie die Riegelfassade in Szene gesetzt oder mehr Ausleuchtung mit Tageslicht garantiert.
Neu und angepasst
Wie im historischen Bauernhaus bietet auch der neu errichtete Ökonomieteil einen Wohnungsmix an, um eine durchmischte Mieterschaft zu garantieren. Insgesamt neun Einheiten – von der Studiowohnung bis hin zur 4,5-Zimmer-Familienwohnung – ergänzen die vier Wohnungen im Bestandbau und gleichen dabei diesen in der Ausstattung und der Materialisierung. Helle Kalkputzwände, geschliffene Anhydritböden und ebenfalls graue Küchenzeilen sowie hochwertige Schreinermöbel vereinen hier Qualität und Ästhetik. Die Badezimmer sind nicht nur im gesamten Neubau identisch, sondern ebenfalls jenen im Nachbarbau ähnlich. Demnach sind sie gleichermassen mit hellbeigen Fliesen ausgestattet und grosszügig im Grundriss, was durch die gläserne Duschwand unterstrichen wird.
Mehr Wohnraum scheinen auch die tiefen Fensterleibungen zu schaffen, die der Stärke des Einsteinmauerwerks zu verdanken sind und als gemütliche Sitznischen genutzt oder als zusätzliche Abstellfläche verwendet werden können.
Verbindend für beide Häuser ist nicht nur die Tiefgarage, sondern zugleich das Materialkonzept – jedoch mit kleinen, aber feinen Unterschieden. So wurden beispielsweise innenseitig die Fensterrahmen oder auch die Wohnungstüren in Holz belassen, um haptische Kontraste zu setzen, eine warme Atmosphäre zu schaffen sowie auch den Bezug zur Natur zu unterstreichen.
Hingegen zeigt sich das Treppenhaus, verantwortlich für die statische Erdbebensicherheit, massiv und durchgehend in Beton, wobei dieses schalungsecht belassen wurde und so das Betonhandwerk an den Oberflächen abgelesen werden kann. Belebt wird die vertikale Split-Level-Erschliessung durch ein Oberlicht im überhohen Eingangsbereich, wo Tageslicht den geschlossenen Innenraum aufhellt und lebendige Schattenspiele zeichnet.
Bedacht
Apropos Sonnenlicht: Die Dachflächen beider Gebäude sind maximal mit Photovoltaikelementen versehen, die den hauseigenen Bedarf an Elektrizität komplett abdecken. Geheizt werden alle Parteien mit der Fernwärme (Biogas) der Bauherrschaft, wodurch das gesamte Energienetz autark und von lokalen Energiequellen gesichert werden kann.
Daneben wurde auf eine Wiederverwendung von Bausubstanz gesetzt und diese mit qualitativen sowie langlebigen Neubauten ergänzt, um die Nachhaltigkeit mit dem Faktor der Dauerhaftigkeit zu kombinieren. Hierfür wurden beispielsweise die alten Fundamentplatten des Ökonomieteils vor Ort gebrochen und aufbereitet, um anschliessend als Fundament für das neue Wohnhaus wiederverwendet werden zu können. Ebenso wurde der alte Weinkeller restauriert, sodass der Gewölberaum weiterhin seinen historischen Anschein bewahrt und mit den dort gelagerten alten Weinfässern zur Zeitreise einlädt.
Auch die Materialwahl erfolgte überaus sorgfältig – naturnah, aufeinander abgestimmt und kontextbezogen. Der leicht weiss eingefärbte Anhydritstrich sowie die hellen Decken und Wände nehmen sich zurück und passen stimmig zu den holzigen Oberflächen der Fenster und Türen sowie der Balken und Bruchsteinwände. Die Verwendung von regionalen und naturbelassenen Materialien entspricht dabei nicht nur der gewünschten Philosophie, sondern ermöglicht gleichzeitig ein natürliches Klima, welches atmet und entsprechend die Raum- und Luftqualität positiv prägt und aktiv beeinflusst. Dadurch konnte auf eine kontrollierte Wohnraumlüftung verzichtet werden und der Anteil von Gebäudetechnik reduziert werden.
© Vladimir Vlajnic, Johanna Kuder
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