In Tuttwil, einer Ortschaft der Thurgauer Gemeinde Wängi, prägen vorwiegend Einfamilienhäuser und landwirtschaftliche Bauten das Ortsbild. Inmitten des 400-Seelen-Ortes gliedert sich seit diesem Jahr eine reduzierte, aber nicht weniger wohnliche Variante der klassischen Wohnhäuser in die Nachbarschaft ein. Soldanella, ein standardisiertes Tiny House, das dennoch eine noch nicht standardisierte Wohnform ist, verkörpert hier in der Ostschweiz ein Konzept mit Zukunft. Schlüsselfertig, mit einem längerfristigen und vor allem gesetzeskonformen Standplatz sowie zugleich mit der Möglichkeit, einen Hauch Individualität zu implementieren, bietet es eine Option des Eigenheims an.
Reduktion, Minimalismus, Unabhängigkeit oder ein gewisses Freiheitsgefühl sowie auch Aspekte der Nachhaltigkeit sind für viele die ausschlaggebenden Punkte für den grossen Traum vom kleinen Haus. Dass weniger mehr sein kann, hat auch die neue Besitzerin des Soldanella Tiny House in Tuttwil für sich erkannt: Nach einem längeren Roadtrip im Norden hatte sie genug von der konventionellen Stadtwohnung, wollte ihren Wohnraum drastisch reduzieren und dabei gleichzeitig ihren Lebensraum (im Grünen) erweitern. Was zuerst nach einem Einschnitt im Alltag erscheint, offenbart hingegen letztlich vielmehr einen Gewinn, der in einer Erweiterung des persönlichen Bewegungs- bzw. Aktionsradius, mehr Interaktion mit Nachbarn und dem Aussenraum resultiert. Mit funktionalen Lösungen, bedachter Möblierung und gestalterischen Massnahmen wird das kleine Eigenheim zum heimeligen Rückzugsort, der allen Ansprüchen gerecht wird.
Standard: Klein
Entstanden ist die Idee des Tiny House aus dem Katalog als Investmentprojekt: Die Aurora Company, das Werk hinter den Häusern, entwickelte den schlüsselfertigen Haustyp im Kleinformat ursprünglich für den EU-Raum. Die Soldanella Management AG, als Schweizer Distributionspartner des Herstellers, hat das Zürcher Architekturbüro Kollektiv Winzig GmbH beauftragt, das Modell „Porto“ für den Schweizer Markt zu überarbeiten und an die hiesigen Bau- und Sicherheitsnormen anzupassen.
Das Projekt in Tuttwil entstand darauf aufbauend als gemeinsames Investitionsprojekt und Joint Venture zwischen der Kollektiv Winzig GmbH und der Soldanella Management AG, in welchem beide Parteien als Totalunternehmung auftraten. In der Verantwortung des Zürcher Büros lagen Planung, Eingabe sowie Realisation, während die Soldanella Management AG die Herstellung, die Einfuhr und den Verkauf übernahm. Seit Juni dieses Jahres lebt nun die Käuferin fix im Tiny House, wobei das Grundstück für mindestens 10 Jahre von den Grundstückbesitzern gemietet werden kann. Den Anstoss für das Projekt im Thurgau gab dabei ein Grundstück, das zuvor bereits das Tiny House eines Mitglieds des Vereins Kleinwohnformen beherbergte und zwischenzeitlich leer stand. Um das Grundstück weiterhin sinnvoll zu nutzen, ohne einen Verkauf in Erwägung ziehen zu müssen, entschied sich die Eigentümerschaft erneut dafür, das Grundstück für die Nutzung durch ein Tiny House zur Verfügung zu stellen – in der Hoffnung, erneut eine nachhaltige Zwischennutzungslösung zu finden, durch welche die grüne Oase bestehen bleibt und gleichzeitig ein langfristiges Nebeneinkommen erzielt werden kann.
Alles, was Recht ist
Andere Länder, andere Sitten – dies ist nicht nur kulturell, sondern ebenfalls in Anbetracht von Normen, Richtlinien und Standards die Tatsache. Um von der Hausbestellung bis zur „Schlüsselabgabe“ eine möglichst schnelle Prozessabwicklung gewährleisten zu können und dabei nicht über die bürokratischen Schritte zu stolpern, war es unumgänglich, das Tiny House an die Schweizer Baunormen anzupassen. Denn trotz seiner minimalen Baufläche und der Tatsache, dass das Haus auf Rädern steht, gilt es als vollumfängliches Wohnhaus. Angesichts der mobilen Komponente galt es neben den gängigen Standards zu Brandschutz, bauphysikalischen Werten und haustechnischen Ausstattungen, auch die Richtwerte seitens des Strassenverkehrs zu berücksichtigen – sollte das Haus umgesiedelt werden. Aus diesem Attribut hat sich schlussendlich die Kubatur ergeben, die einer Firsthöhe von 3,80 m ab dem Boden, einer Länge von 8 m und einer maximalen Breite von 2,55 m entspricht.
Unter Dach und Fach
Das nun insgesamt 28 m2 (inkl. Zwischengeschossen) grosse Tiny House wurde als Holzständerkonstruktion mit Hochleistungsdämmung vorfabriziert, sodass vor Ort nur noch Kleinteile montiert und die Leitungen wie Ab- und Frischwasser sowie Strom angeschlossen werden mussten. In Tuttwill steht seit dem Frühjahr 2025 nun ein Kubus mit Shou-Sugi-Ban-Lärchenholz-Fassade mit Pultdach und einer im Nachhinein ergänzten Terrassenüberdachung. Während der Aufbau, der Grundriss sowie die Öffnungen des Hauses bereits vorgegeben waren, konnten hinsichtlich des Heizungssystems, der Farbauswahl diverser Bauteile sowie des Bodens individuelle Anpassungen vorgenommen werden. So sorgt zum Beispiel die weiss gestrichene Lattung im offenen Innenraum optisch für mehr Grösse und der individuell gewünschte Pelletofen für eine wohlige Atmosphäre.
Die wenige Einrichtung, die im Grossen und Ganzen aus Schreinermöbeln besteht, ist funktional gestaltet, beinhaltet überall wo möglich Fächer und Schubladen, um auf dieser kleinen Fläche den benötigten Stauraum sicherzustellen. Demnach ist hinter dem Klapptisch ein Regal versteckt, die Stufentritte lassen sich aufklappen und dienen zudem als Sitzgelegenheit, unter der Treppe ist zugleich ein Schrank integriert, und schmale Apothekerschränke entpuppen sich als wahre Stauraumwunder. Auch in der technischen Ausstattung fehlt es an nichts: In der Küche finden sowohl ein Backofen als auch ein Geschirrspüler ihren Platz und lassen kulinarische Erlebnisse nicht zu kurz kommen. Durch die Küche gelangt man in das Badezimmer, das mit einer unerwarteten Grosszügigkeit überrascht. Dusche, WC und ein Lavabo finden hier problemlos Platz und lassen dabei noch ausreichend Raum für eine eigene Waschmaschine, was dem Autonomiegedanken deutlich in die Karten spielt. Zur anderen Seite des Kubus dient das Wohnzimmer zugleich als Eingangsbereich und erlaubt durch die verglaste Haustür Ausblicke in den weitläufigen Garten. Durch diese Transparenz scheint die Grenze zwischen Innen- und Aussenraum völlig zu verschwimmen und lässt die geringe Wohnfläche zudem grösser erscheinen. Insgesamt gewährleisten viele Öffnungen und dreifach verglaste Fensterflächen viel Tageslicht im Inneren, lenken die Blicke in den Naturraum und machen das Querlüften des Innenraums möglich. Selbst die niedrige Schlafnische über dem Tageslichtbad sowie das Arbeitszimmer auf der zweiten Galerie über dem Eingang werden dadurch natürlich beleuchtet.
Klein und unkompliziert?
Obwohl das standardisierte Tiny Haus Soldanella den Weg zum kleinen Eigenheim vereinfacht, indem es die Schweizer Baunormen berücksichtigt sowie einen längerfristigen gemieteten und gesetzeskonformen Stellplatz garantiert, werfen Finanzierung sowie Versicherung eine unerwartete Frage auf. Für Hypotheken mit niedrigen Zinsen stellt das kleine Objekt meist einen zu minimalen Wert dar – für normale Kredite mit hohen Zinsen kann es dagegen schnell zur grossen Bürde werden. Doch auch versicherungstechnisch wird man überrascht: Gilt Soldanella baurechtlich nun auch als Haus, lässt die Tatsache, dass die Kleinwohnform auf Rädern steht, diese versicherungstechnisch zum Fahrzeug werden. Was jedoch nicht in allen Kantonen der Schweiz gleich gehandhabt wird.
Weniger wird mehr
Doch was letztlich durchaus unterschrieben werden kann, ist, dass ein kleineres Zuhause mehr Leben(sfreude) versprechen kann. Mehr Kontakt zu der Nachbarschaft, mehr Zeit im Freien, mehr Interaktion mit der Umgebung und mehr Auseinandersetzung mit dem eigenen Konsumverhalten sowie der eigenen Freizeitgestaltung. Ob Gemüsegarten, Permakultur oder Blumenwiese – die Parzelle lässt sich vielseitig nutzen und lässt somit viele Möglichkeiten zur kreativen und handwerklichen Arbeit offen. Hierfür kann der einst für zwei Kleinpferde gebaute Stall im Garten – wenn gewünscht – erneut für die Tierhaltung oder wie derzeit als praktischer, externer Werk- und Lagerraum genutzt werden. Dank diesem schlüsselfertigen Tiny House mit Stellplatz-Mietvertrag konnte der Tiny-House-Traum der heutigen glücklichen Bewohnerin auf schnellstem Wege Realität werden. Weitere ähnliche Projekte sind bereits in der Umsetzung und erfreuen sich grosser Nachfrage.
© Chris Meixner
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