Der Traum vom Eigenheim wird im urbanen Kontext zunehmend zur Herausforderung. Steigende Bodenpreise und knapper werdende Bauflächen verlangen nach neuen Antworten. In Ostermundigen zeigt ein kleines Einfamilienhaus des Architekturbüros BY JUNG, wie sich aus begrenzten räumlichen und rechtlichen Bedingungen eine präzise Architektur entwickeln lässt – und wie Reduktion nicht Verzicht bedeutet, sondern Qualität schaffen kann.
Was tun, wenn der Wunsch nach einem eigenen Haus auf die Realität eines angespannten Immobilienmarktes trifft? Für ein junges Paar wurde diese Frage zur Ausgangslage eines ungewöhnlichen Projekts. Gesucht war ein kompakter Rückzugsort in Stadtnähe – funktional, reduziert und auf das Wesentliche konzentriert. Als leidenschaftliche Segler sollte das Haus nicht nur dauerhaftes Zuhause sein, sondern auch als temporäre Basis zwischen längeren Aufenthalten auf dem Wasser dienen. Die Suche nach geeignetem Bauland gestaltete sich jedoch schwierig – insbesondere in der Agglomeration Bern sind verfügbare Grundstücke rar und entsprechend teuer. Die Idee, ein bestehendes Grundstück zu teilen, blieb lange ohne Erfolg. Erst mit dem Erwerb einer Restfläche am Rand eines Grundstücks in Ostermundigen eröffnete sich eine konkrete Möglichkeit: eine Hangparzelle mit bestehendem Mehrfamilienhaus und direkt am Waldrand gelegen.
Diese Ausgangslage war jedoch von Beginn an von Einschränkungen geprägt. Abstandsregelungen zum Wald und zu den Nachbargebäuden, Höhenvorgaben der Wohnzone sowie die Anbindung an eine bestehende Garage definierten den Spielraum für den Neubau klar. Das Gebäude nutzt den zulässigen Rahmen konsequent und maximal aus, ohne ihn zu überschreiten. Form und Position ergeben sich somit unmittelbar aus den baurechtlichen und topografischen Bedingungen – ein Entwurf, der aus Restriktion entsteht.
Organisation aus der Situation heraus
Die räumliche Organisation folgt einer klaren Logik, die sich sowohl aus den äusseren Rahmenbedingungen als auch aus den Bedürfnissen der Bauherrschaft ableitet. Der Neubau umfasst zwei Geschosse, die sich in Konstruktion und Materialität deutlich unterscheiden und damit auch nach aussen ablesbar sind. Das Untergeschoss ist in den Hang eingeschoben und als massiver Betonkörper ausgebildet. Diese Setzung ermöglicht es, die Vorgaben einer eingeschossigen Bauweise formal einzuhalten und gleichzeitig zusätzlichen Wohnraum zu schaffen. Der gestockte Beton verleiht diesem eine raue, haptische Oberfläche und lässt die Konstruktion erdverbunden erscheinen. Die Schalungsstruktur tritt dabei in den Hintergrund, Fugen werden optisch versteckt und zugleich eine ruhige, homogene Wirkung erzeugt. Auf diesem Sockel sitzt ein leichter, vorfabrizierter Holzbau, der das Obergeschoss bildet. Hier befindet sich der zentrale Wohnbereich mit Küche, Essen und Wohnen. Die offene Organisation und die grosszügigen Öffnungen schaffen eine räumliche Weite, die im Kontrast zur kompakten Grundfläche steht. Der Wohnraum wird so zum Mittelpunkt des Hauses – als Ort des Aufenthalts, der Kommunikation und des Ausblicks.
Konstruktion und Ausdruck
Die architektonische Wirkung des Hauses entsteht aus dem Zusammenspiel zweier klar differenzierter Bauteile: einem massiven Sockel und einem leichten Aufbau. Während der Betonbau Stabilität und Verankerung vermittelt, wirkt das hölzerne Obergeschoss beinahe additiv aufgesetzt. Die Konstruktion des Holzbaus basiert auf vorgefertigten Elementen aus Fichte und Tanne. Im Innenraum bleiben die grossflächigen hellen Holzoberflächen sichtbar und prägen die Atmosphäre wesentlich. Fenster- und Türrahmen setzen sich in helleren Farbtönen davon ab und schaffen feine Kontraste innerhalb des Materials. Tragende Elemente aus Metall übernehmen punktuell statische Aufgaben. Schlanke Stützen und eine diagonale Strebe gliedern den Raum und tragen gleichzeitig zur Lastabtragung bei. Ihre reduzierte Dimensionierung verleiht ihnen eine doppelte Funktion: Sie sind konstruktiv notwendig und zugleich gestalterisches Element. Die diagonale Strebe strukturiert den Wohnraum subtil und erzeugt eine räumliche Zonierung, ohne ihn zu unterteilen. Diese strukturellen Elemente ziehen sich durch beide Geschosse und binden das Haus konstruktiv wie atmosphärisch zu einer Einheit zusammen.
Dach als formgebendes Element
Das Dach spielt eine zentrale Rolle in der architektonischen Ausformulierung des Hauses. So erzeugt der asymmetrische Giebel nicht nur eine dynamische Silhouette, sondern beeinflusst auch die räumliche Qualität im Inneren. Die unterschiedliche Dachhöhe schafft variierende Raumhöhen und ermöglicht die Integration einer Galerie.
Gleichzeitig verlängert sich die Dachfläche auf einer Seite und bildet ein schützendes Vordach über dem Eingangsbereich. Diese funktionale Erweiterung wird gestalterisch konsequent in die Gesamtform integriert. Die helle, sichtbare Dachkonstruktion hebt sich vom dunkleren Holz der Fassade ab und verleiht dem Dach eine eigenständige Präsenz. Den Abschluss bildet eine Bekleidung aus verzinktem Wellblech, die dem Gebäude eine robuste und zugleich zurückhaltende Erscheinung gibt. Die Fassaden sind differenziert gestaltet: Während die Gartenseite und die dem Nachbarn zugewandten Flächen eine horizontale Lattung aufweisen, ist die Frontseite vertikal gegliedert. Diese Variation verleiht dem kompakten Baukörper eine zusätzliche Tiefe.
Reduktion im Inneren
Auch im Innenraum setzt sich das Prinzip der Reduktion konsequent fort. Die Möblierung ist auf ein Minimum beschränkt und integriert sich nahtlos in die Architektur. Eine einfache Küchenzeile bildet den funktionalen Kern des Wohnbereichs und wird durch eine umlaufende Sitzbank ergänzt, die gleichzeitig Stauraum bietet. Die Gestaltung folgt einer klaren Linie: wenige Materialien, reduzierte Formen und gezielte Akzente. Schwarze Schalter und Steckdosen setzen punktuelle Kontraste im warmen Holzton. Eine gebogene Stahlstange dient als Garderobe und greift die Formsprache der tragenden Elemente auf. Die Galerie nutzt den Raum unter dem Dach optimal aus und schafft einen zusätzlichen Rückzugsort. Sie ist einfach konstruiert und liegt auf einer horizontalen Stahlstange auf – ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Funktion und Gestaltung.
Rückzugsräume im Sockel
Im Gegensatz zum offenen Wohnbereich im Obergeschoss ist das Untergeschoss stärker gegliedert. Hier befinden sich die privaten Räume, die sich in ihrer Organisation an kompakten, funktionalen Grundrissen orientieren. Die Anordnung erinnert an Schiffskajüten – ein Motiv, das sich aus der Lebensweise der Bauherrschaft ableiten lässt. Kleine, präzise geschnittene Räume nehmen Schlafzimmer, Gästezimmer und Bad auf. Trotz der reduzierten Fläche entsteht eine hohe Nutzungsqualität, unterstützt durch durchdachte Einbauten und klare Proportionen. Das Schlafzimmer erstreckt sich über die gesamte Breite des Hauses und öffnet sich über eine Terrassentür zum Garten. Eine raumhohe Einbauschrankwand bietet ausreichend Stauraum und hält den Raum frei von zusätzlichen Möbeln. Der Boden aus geschliffenem Unterlagsboden mit integrierter Bodenheizung sorgt für eine ruhige, homogene Oberfläche. Auch das Badezimmer folgt einem klaren Gestaltungskonzept. Holz wird mit länglichen, grünen Fliesen kombiniert, wodurch eine zurückhaltende, aber prägnante Atmosphäre entsteht. Eine begehbare Dusche und ein separater Technik- und Waschbereich ergänzen die funktionale Ausstattung.
Erweiterter Wohnraum im Aussenbereich
Die kompakte Netto-Wohnfläche von insgesamt rund 60 m2 wird durch eine gezielte Einbindung des Aussenraums erweitert. Grosse Öffnungen und Terrassen schaffen fliessende Übergänge zwischen innen und aussen und lassen die Grenzen zwischen beiden Bereichen verschwimmen. Ein zentrales Element ist das über Eck geführte Panoramafenster, das den Blick in die Landschaft lenkt und dem Raum eine unerwartete Weite verleiht. Die Gliederung durch Sprossen verhindert dabei eine Überdominanz der Öffnung und integriert sie harmonisch in die Fassade.
Modellierte Betonelemente ergänzen den gestockten Sockel an drei Stellen und erweitern die Wohnfläche nach aussen. Diese Strukturen wirken skulptural und übernehmen gleichzeitig funktionale Aufgaben. Sie zonieren den Garten und schaffen unterschiedliche Bereiche, die trotz der geringen Gesamtfläche vielfältige Nutzungsmöglichkeiten bieten.
Verdichtung als Chance
Das Haus in Ostermundigen ist ein Beispiel dafür, wie sich Nachverdichtung im kleinen Massstab umsetzen lässt. Es nutzt eine Restfläche, die zuvor unbebaut war, und ergänzt die bestehende Struktur, ohne sie zu dominieren. Die Architektur reagiert präzise auf ihre Umgebung und entwickelt aus den gegebenen Bedingungen eine eigenständige Lösung.
Dabei zeigt sich, dass Reduktion nicht mit Einschränkung gleichzusetzen ist. Vielmehr eröffnet sie neue Möglichkeiten: klare Räume, durchdachte Organisation und eine bewusste Auseinandersetzung mit Material und Konstruktion. Das Projekt stellt die Frage, wie viel Raum tatsächlich notwendig ist – und wie sich Qualität unabhängig von Grösse definieren lässt. In einer Zeit, in der Bodenressourcen zunehmend knapp werden, gewinnt diese Haltung an Bedeutung. Kleinere Wohnformen können einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von Städten leisten, indem sie vorhandene Flächen effizient nutzen und gleichzeitig eine hohe Lebensqualität ermöglichen. Das Haus am Steinbruch zeigt, dass solche Lösungen nicht nur funktional, sondern auch architektonisch überzeugend sein können.
Die Kunst der Reduktion liegt somit nicht im Weglassen allein, sondern im bewussten Entscheiden. Sie schafft Räume, die präzise auf ihre Nutzung abgestimmt sind und gleichzeitig Offenheit für unterschiedliche Lebensentwürfe bieten. Gerade im Kontext der Nachverdichtung kann daraus eine Architektur entstehen, die sowohl ökonomisch als auch räumlich nachhaltig ist – und damit eine relevante Antwort auf die Herausforderungen des heutigen Wohnens darstellt.
© Willem Pab
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