Sind Architektur und Design politisch?

Matyas Sagi-Kiss (Wirtschaftsjurist FH, Vorstand von Pro Infirmis Schweiz) wohnt im Zollhaus der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich, lebt seit Geburt mit Cerebral Parese und fährt eine Elektro Rollstuhl. In dieser 6-teilige Kolumne lädt er zu einem Perspektivenwechsel ein.

Dieses Jahr ist mir das Timing meiner Sommerferien in vielerlei Hinsicht gut gelungen. Die Reise führte mich von Zürich mit der Bahn über Wien in den Osten nach Budapest und von Ungarn anschliessend in den Norden nach Stockholm. In Budapest traf ich alte Freunde aus meiner Schulzeit, ass Mohnkuchen in rauen Mengen und fühlte mich in der Stadt meiner Kindheit gleichzeitig zu Hause und als Gast. Besonders erleichtert und gefreut haben mich die Entwicklungen in Sachen Barrierefreiheit. Viele künstliche Hindernisse sind verschwunden. Andere bestehen weiterhin und werden zum Beispiel unter dem Vorwand des Denkmalschutzes gepflegt, der an sich durchaus sinnvoll wäre. Gemäss meinen Bekannten in Budapest habe ich die kühlste Woche des ganzen Sommers erwischt. So blieb mir genügend Energie, die verschiedenen Ecken der Stadt wiederzuentdecken. Ungarisches Essen, Museen, Specialtiy-Coffee-Lokale und mein altes Schulhaus, all dies durfte natürlich nicht fehlen. Da ich meistens in Zürich unterwegs bin und die Stadt viel zu selten verlasse, musste ich allerdings auch feststellen, dass es ganz schön anstrengend sein kann, sich an einem neuen Ort zurechtzufinden.

Nach Budapest stand für mich Glückspilz Stockholm auf dem Reiseplan. Dort habe ich mir nun endlich die European Coffee Trip App heruntergeladen und damit dafür gesorgt, dass das schöne Stockholm für alle Zeiten mit meiner Kaffeesucht verbunden bleibt. Natürlich durfte in der Stadt des Wassers auch eine Bootsfahrt nicht fehlen. Die schwedische Hauptstadt ist den meisten Städten in Sachen Barrierefreiheit einiges voraus. Wie bei vielen gesellschaftspolitisch progressiven Entwicklungen scheint Schweden auch hier besonders weit zu sein. Auch wenn, da bin ich sicher, längst nicht alles so ist, wie es sein könnte und sollte. Skandinavien scheint sich stärker dem Universal Design und damit automatisch auch der Hindernisfreiheit verschrieben zu haben, als dies die Schweiz bisher getan hat.

Das machte die Ferien sehr erholsam und auch sonst grossartig. Gleichzeitig habe ich nach fast vier Wochen ohne meine Assistenzhündin Ginger, trotz der Begleitung durch einen guten Freund, gemerkt, dass es nun auch wieder guttut, zu Hause anzukommen.Wie immer hat sich mein Terminkalender nach den Ferien in Windeseile gefüllt, und es scheint fast so, als sei ich für das nächste halbe Jahr bereits ausgebucht. Arbeit, politisches und ehrenamtliches Engagement. Es ist so eine Sache mit den vielen verschiedenen Hüten. Aber solange ich sie gerne trage, mache ich weiter.

Gestern hatte ich einen Einsatz am Backstage Hosting Desk des Lila-Queer-Festivals in der Roten Fabrik. Diese war zu meiner Überraschung zwar nicht gänzlich, aber doch unerwartet gut barrierefrei zugänglich. Meine Schicht ging von 22 Uhr bis 2 Uhr am Morgen. Dementsprechend bin ich jetzt nudelfertig und merke, dass ich mit meinen 43 Jahren wohl etwas anfälliger auf Schlafmangel geworden bin.

Dennoch hat es sich mehr als gelohnt. Es war schön, so viele Menschen zu treffen, die sich selbst sein konnten und gemeinsam gefeiert haben. Selbst die Tribüne für Besucher mit Behinderungen war bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Gegenwind des heutigen politischen Wetters hoffe ich, dass Barrierefreiheit und ganz allgemein eine inklusive Gesellschaft auch in Zukunft etwas bleiben, das die Menschen für erstrebenswert halten. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten.

Lassen Sie uns gemeinsam an einer inklusiven Zukunft arbeiten. Mehr dazu finden Sie hier.

 

 

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