„Häuser haben kein Ablaufdatum.“ (Kast Kaeppeli) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.
Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
Wir beschäftigen uns seit unserer Bürogründung und auch aktuell häufig mit Bauen im Bestand, mit Weiterbauen an historischen Gebäuden und mit Transformation von bestehenden Strukturen. Dies sind für uns sehr wichtige Aufgaben, insbesondere auch in Bezug auf Werterhaltung und Nachhaltigkeitsaspekte. Wir sind der Meinung, dass Häuser kein Ablaufdatum haben. Wir lernen in unserer Arbeit täglich von bestehender Architektur und versuchen diese auch produktiv für unsere Entwürfe zu nutzen. Zurzeit bearbeiten wir unter anderem das Freibad mit Kunsteisbahn Ka-We-De, eine architektonisch äusserst wertvolle Anlage aus den 30er-Jahren in Bern, und die Erneuerung des Bernischen Historischen Museums, welches in den kommenden Jahren umgebaut und erweitert werden soll. Neben der Projektarbeit im Büro sind wir beide als Fachexperten tätig für den Erhalt von schützenswerten Ortsbildern und engagieren uns in Wettbewerbsjurys. Auch bei dieser Arbeit sind uns der Erhalt und die qualitätsvolle Weiterentwicklung von Orts- und Landschaftsbildern ein grosses Anliegen.
Welches architektonische Werk hat Sie kürzlich begeistert?
Es gibt sehr viele architektonische Werke, die uns begeistern. Insbesondere auch diejenigen Beispiele, die uns in unserer Arbeit begegnen, welche vielleicht auch nicht auf Anhieb als herausragende Architektur erkennbar sind. Anonyme Arbeiterhäuser, die teilweise mit äusserst einfachen Mitteln erstellt wurden. Begeistert haben uns jedoch kürzlich auch repräsentative historische Bauten, mit denen wir uns in unserer Arbeit beschäftigen, wie der Kursaal in Interlaken von Paul Bouvier oder das Historische Museum in Bern von André Lambert. In der täglichen Auseinandersetzung mit solchen Projekten dringt man immer tiefer in die Substanz dieser Bauten ein und lernt daraus für seine tägliche Arbeit. Vorletztes Jahr haben wir ausserdem unsere Büroreise nach Vicenza gemacht und sahen uns dort viele Bauten von Palladio an, welche uns sehr inspiriert haben.
Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Neue Materialien können die Architektursprache erweitern, indem sie neue konstruktive Möglichkeiten, Ausdrucksformen und Anwendungen eröffnen. Oft entstehen nicht völlig neue Materialien, sondern vielmehr neue Einsatzweisen bekannter Materialien oder eine neuartige Bearbeitung. Bewährte Baustoffe wie Holz oder Beton werden mit neuen Technologien verarbeitet. Digitale Planungsprozesse, Fertigung mittels Roboter oder CNC-Technologien ermöglichen präzisere und komplexere Konstruktionen. Dadurch entstehen neue architektonische Ausdrucksformen. Ein weiterer Aspekt ist die Nachhaltigkeit. Themen wie zukünftige Wiederverwendung von Bauteilen, Re-Use oder zirkuläres Bauen beeinflussen zunehmend, wie Materialien eingesetzt werden. Architektur reagiert darauf mit demontierbaren, sichtbar geschraubten Konstruktionen, die langlebig und ressourcenschonend sind. Die grosse Auswahl an Materialien ist aber auch eine Gefahr für unsere Stadtentwicklung. Gewachsene, homogene Stadtbilder können durch eine unpassende Materialwahl bei Neubauten beeinträchtigt werden, oder Stadterweiterungen sehen aus wie eine Baumusterzentrale.
Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Schönheit in der Architektur entsteht für uns im Dialog mit dem Bestand. Intakte Städte, Dörfer und bestehende Gebäude tragen eine Geschichte und eine räumliche Qualität in sich, die weitergedacht und weitergebaut werden soll. Schönheit entsteht dann, wenn es gelingt, aus dem Vorhandenen und den neuen Strukturen wieder ein vereintes Ganzes zu entwickeln. Oftmals hilft es gewisse Elemente und Ornamente zu übernehmen oder neu zu interpretieren. Ornamente zu verwenden ist für uns kein Verbrechen.
Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Ein Gebäude wird dann zu Architektur, wenn es bewusst und mit Respekt gegenüber dem Ort entworfen wird. Architektur entsteht, wenn aus einer komplexen Aufgabenstellung – bestehend aus funktionalen Anforderungen, technischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und gesellschaftlichen Erwartungen – ein stimmiges Ganzes entwickelt wird. Gute Architektur muss dabei nicht laut oder spektakulär sein. Oft ist sie gerade dann überzeugend, wenn sie selbstverständlich wirkt und ruhig und präzise auf ihre Umgebung reagiert.
Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist Leidenschaft und Liebe zur Architektur. Ebenso wichtig ist ein geschichtliches Bewusstsein. Architektur entsteht nie im luftleeren Raum. Wer baut, steht immer in einem Dialog mit der Umgebung und deren Geschichte. Architekturschaffende sollten in der Lage sein, diese zu verstehen und in die Zukunft weiterzuführen. Sie brauchen ein starkes Verantwortungsbewusstsein für das eigene Schaffen, da Gebäude unsere Umwelt über viele Jahrzehnte prägen. Architektur ist immer ein kollektiver Prozess. Ein Gebäude entsteht durch die Zusammenarbeit vieler Beteiligter – Architekt:innen, Fachplaner:innen, Handwerker:innen, Bauherrschaften und Nutzende. Die Aufgabe des Architekten ist mit einem Regisseur vergleichbar, es braucht bei der Architektur wie beim Film ein interessantes, zusammenhängendes Drehbuch und fähige Akteure.
Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Der Architekt trägt eine wichtige baukulturelle Verantwortung. Gebäude und Städte prägen unsere Lebensumgebung über Generationen hinweg und können Identität schaffen. In diesem Sinne ist der Architekt oft ein Generalist, der unterschiedliche Interessen und Fachbereiche miteinander verbindet. Im Austausch mit Nutzerinnen, Unternehmern, Planerinnen und Behörden übersetzt er komplexe Anforderungen in räumliche und architektonische Lösungen. Eine zentrale Aufgabe besteht auch darin, die oft nur vage formulierten Wünsche und Bedürfnisse einer Bauherrschaft zu verstehen und daraus eine klare architektonische Form zu entwickeln. Gute Architektur entsteht dann, wenn aus diesen unterschiedlichen Erwartungen qualitätsvolle Räume auf verschiedenen Massstabsebenen entstehen – vom Detail bis zum Stadtraum.
Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
Politik beeinflusst Architektur und Städtebau direkt, etwa durch Baugesetze, Baukredite oder Vorgaben zu Energie- und Nachhaltigkeitskonzepten. Darüber hinaus wäre es wichtig, dass in der Politik das Bewusstsein wächst, dass Architektur wertvoll für die Gesellschaft ist, jenseits von Gewinnmaximierung, Kapitalanlage und energetischen Bilanzen. Sie ist Ausdruck der baukulturellen Entwicklung einer Gesellschaft und kann einen langfristigen Mehrwert schaffen – für Städte, Dörfer und die Menschen, die darin leben. Die Politik sollte deshalb auch auf deren indirekten Einfluss auf Architektur und Städtebau achten. Förderprogramme und Subventionen setzen heute mehrheitlich im Bereich der energetischen Sanierung von Gebäuden an. Ein Abbruchverbot und dadurch eine Nachhaltigkeit durch Ressourcenschonung zu erreichen, steht aktuell noch nicht auf der politischen Agenda in der Schweiz. Damit könnte nicht nur ein sorgfältiger Umgang mit unseren Ressourcen, sondern auch ein behutsamer Umgang mit der Geschichte des Ortes, der über kurzfristige ökonomische Interessen hinausgeht, erzielt werden.
Kann Architektur die Welt verbessern?
Architektur kann die Welt nicht vollständig verändern, aber sie kann die Qualität unserer gebauten Umwelt entscheidend verbessern. Indem sie sorgfältig gestaltete, funktionierende und lebenswerte Orte schafft, trägt sie dazu bei, dass Menschen sich in ihren Städten und Lebensräumen wohlfühlen und gerne darin leben. In diesem Sinne liegt ihre Stärke darin, konkrete Orte zu schaffen, an denen sich gesellschaftliche Ideen räumlich manifestieren. Architektur kann auch Visionen formulieren und sichtbar machen – etwa im Umgang mit Nachhaltigkeit, Gemeinschaft oder neuen Wohn- und Arbeitsformen.
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