Eine grüne Insel für Chur

Am Anfang stand ein qualitätssicherndes Konkurrenzverfahren, mit dem Ziel, aus mehreren Ideen, die vielversprechendste auszuwählen. In diesem Fall war es ein interdisziplinärer und offener Architekturwettbewerb. So haben COMAMALA ISMAIL ARCHITECTES bereits auf Wettbewerbsstufe die Idee für den neuen Verkehrsstützpunkt für die Kantonspolizei Graubünden ganzheitlich mit den Fachplanern entwickelt und ins Wettbewerbsprojekt integriert. Die Vorgabe war, ein Leuchtturmprojekt in punkto Nachhaltigkeit zu entwickeln, welches über die gewohnten Konzepte hinauswächst und zukünftige Standards setzt – ein Netto­Null­Gebäude.

Der neue Verkehrsstützpunkt für die Kantonspolizei Graubünden, liegt direkt am Autobahnanschluss Chur Süd auf einer strassenumspülten „Insel“. Die Verkehrsanbindungen für Velo, Fussgänger sowie an den öffentlichen Verkehr sind suboptimal. Es sind 60 Autoparkplätze gefordert, wovon mindestens die Hälfte davon im Innenbereich. Dazu kommen Manövrierflächen für Schwertransporte, Hundezwinger und ökologisch wertvolle und unversiegelte Flächen. Die Ausgangslage aus den legitimen Anforderungen der Nutzer ist für ein Netto­Null­Gebäude eine grosse Herausforderung.
Als Resultat dieser Strategie konnte ein Maximum der Aussenfläche freigehalten werden. Die Fahrzeuge bleiben möglichst unter dem Boden. Der Hochbau selbst und sein Abdruck werden minimiert. Das oberirdische Gebäudevolumen ist eine Würfelform mit einem optimalen Verhältnis von Volumen zur Fläche der Gebäudehülle. Das Gebäude hat keine Stützen, ausser an der Fassade und den beiden Kernen im Zentrum, was zusammen mit der regelmässigen Fassadenstruktur eine maximale Flexibilität ergibt.

Um das Netto­Null­Ziel in Bau und Betrieb zu erreichen, wurde Beton reduziert und bloss dort eingesetzt, wo das Material mehrere Vorteile bringt. Das auf dem Bauplatz vorhandene Aggregat (Rheinschotter) ist für die Herstellung von Beton geeignet. So wurde im nahen Betonwerk mit CO2 ­reduziertem Zement ein, aus ökologischer Sicht, optimaler Beton hergestellt.
Die Decken sind aus Ortbeton, welche auch Bodenbelag, Untersicht und Heizkörper sind. Sämtliche weiteren Wände sind nichttragend und aus ungebrannten Lehmsteinen hergestellt. Durch die massiven Materialien wurden optimale Bedingungen für den sommerlichen Wärmeschutz und ein angenehmes Klima. Die Betondecken ermöglichen, auf tragende Wände im Innern zu verzichten um so eine Flexibilität über die mutmassliche Lebensdauer des Baus als Verkehrsstützpunkt zu garantieren. Wohnungen, Büros, Schulräume und weitere Nutzungen sind somit eines Tages denkbar.

Um die graue Energie beim Bau zu kompensieren, braucht es Überschüsse aus der Energieproduktion. Die elektrische Energie aus den Photovoltaikmodulen auf dem Flachdach bringen jährlich rund 20 MWh. Zur Ergänzung haben die Architekten zuerst überlegt, zur Autobahn hin eine Photovoltaik-­Lärmschutzwand zu bauen. Aus Systemüberlegungen und zur besseren Kommunikation des Nachhaltigkeitsgedankens, wurden die PV­-Module an der Fassade gedacht: Mit diesen PV­-Modulen, können im Jahr weitere 80 MWh elektrische Energie generiert werden, womit der geforderte Überschuss von rund 200% sogar übertroffen wird.

Diese Fassadenelemente garantieren als fixes Verschattungselement den sommerlichen Wärmeschutz. Anstatt dass die Sonne das Rauminnere aufheizt, wird deren Sonnenenergie in elektrischen Strom umgewandelt. Im Gegensatz zu gesteuerten und motorisierten Storen, haben wir es hier mit einer Low­-Tech Installation zu tun. Es braucht keine Wartung von beweglichen Teilen. Fehlmanipulationen durch die Benutzerinnen und Benutzer sind durch die fixen Brise-Soleil ebenfalls ausgeschlossen. Gleichzeitig bleibt stets die Sicht nach draussen gewahrt. Die auftreffende und in Strom umgewandelte Sonnenenergie betreibt eine Wärmepumpe, die am Anergienetz der Stadt Chur angeschlossen ist. Mit einem Wirkungsgrad von über 400% kann die Sonnenergie so „multipliziert“ werden.

Ein letzter – vierter – Aspekt ist, schliesslich dass die Fassade der Öffentlichkeit kommuniziert, dass dieses Gebäude auch ein Kraftwerk ist und so auch den Green Deal sichtbar macht. Sämtliche Installationen für Elektro, Wasser und Abwasser und auch für die Lüftung sind Aufputz geführt. Auf Boden­, Wand­ und Deckenverkleidungen sowie auf Farbanstriche wurde verzichtet. Die Raumakustik wird durch die Lehmsteinwände, spezielle Vorhänge und Deckensegel sichergestellt.
Die Materialisierung, die Optimierung der Funktionalität sowie die Reduktion der grauen Energie beim Bau und Betrieb, konnten gemeinsam mit der Bauherrschaft und den Fachplanern im Projektverlauf verfeinert und präzisiert werden.

Wo Beton unverzichtbar ist, wird das Thema Suffizienz umso wichtiger. Auf eine Bodenplatte haben wir in der Tiefgarage verzichtet. Für die Arbeit an einem Leuchtturmprojekt braucht es im Planungsteam gegenseitiges Verständnis, um die unterschiedlichen Anliegen unter einen Hut zu bringen. Das Ziel Netto­Null kann nur gut gelöst werden, wenn erstens interdisziplinär im Team gearbeitet wird. Jede und jeder Beteiligte muss dabei über seinen Tellerrand ausblicken. Zweitens braucht es eine Vielzahl von kleinen Beiträgen, damit das Ziel erreicht werden kann. Es braucht das Zusammenspiel von sämtlichen Massnahmen. Die einzelne Massnahme ist für sich alleine nicht spektakulär.

Städtebau
An verkehrstechnisch günstiger Lage direkt an der Autobahnausfahrt Chur West befindet sich die langgestreckte Parzelle für den neuen Verkehrsstützpunkt. Das Grundstück bildet eine Restfläche begrenzt durch die Ausfahrt Chur West der A13 im Süden und der tiefer liegenden Sommeraustrasse Norden. Die Aussenräume sind in diesem Bereich durch den motorisierten Verkehr geprägt und auf dessen Bedürfnisse ausgerichtet. Das gesamte Raumprogramm wird in einem grossen, jedoch kompakten Volumen unter einem Dach vereint. Die präzise Setzung des Volumens im Westen der Parzelle bewirkt eine klare Trennung der verschieden zugänglichen Zonen sowie grosszügige Verkehrsflächen für die notwendigen Fahrzeuge. Auf den grosszügigen Flächen können auch grosse Fahrzeuge gut manövrieren.

Architektur
Fünf Geschosse bilden mit logischen und überblickbaren Einheiten einen effizienten Organismus mit diversen Interaktionsmöglichkeiten zwischen den funktionalen Ebenen. Ein vertikaler Erschliessungskern verbindet die Geschosse und funktioniert auch als Fluchtweg im Brandfall. Das Raumprogramm wird klar und einfach verteilt und geht Hand in Hand mit der repetitiven Tragstruktur. Die Stützen sind so platziert, dass räumliche Anpassungen der nicht­ tragenden Wände mit geringem Aufwand möglich bleiben. Das Erdgeschoss des Neubaus fördert über den offenen und transparenten Eingang den Bezug des Innenraums mit dem Aussenraum. Die Kunden können selbstverständlich ihre Fahrzeuge in unmittelbarer Nähe dazu abstellen. Die Einvernahme und Tageszelle sind ebenfalls im Erdgeschoss angeordnet. Die Raumaufteilungen in den oberen Geschossen sind modular aufgebaut. Der Grundriss ist flexibel unterteilbar, was die erste Voraussetzung für ein langlebiges und daher nachhaltiges Gebäude ist. Der Bau kann sich so im Laufe der Zeit den sich ändernden Bedürfnissen auf einfachste Weise und ohne grosse Investitionen anpassen.
Das Nullniveau des Baus ist so definiert, dass ein Gleichgewicht zwischen Aushub und Aufschüttung entsteht. Zur Reduktion der grauen Energie wird der Aushub minimiert und zur Herstellung von Beton und zur Umgebungsgestaltung verwendet.
Sämtliche tragenden Bauteile sind in Beton ausgeführt, wobei die Stärken jeweils immer minimal dimensioniert wurden. Die Bauweise in Beton hat gegenüber der Holzbauweise bezüglich des sommerlichen Wärmeschutzes entscheidende Vorteile. Die nichttragenden Wände aus Lehmbausteinen haben eine sehr geringe graue Energie und tragen zu einem guten Klima (Temperatur, Feuchte) bei. Die Oberflächen in Sichtbeton brauchen keine weiteren Oberflächenbehandlungen. Die Spannweiten sind relativ klein.
Die Fassade mit öffenbaren Fenstern im regelmässigen Raster ist durch Photovoltaikmodule vor übermässiger Sonneneinstrahlung geschützt. Die Fassaden folgen der Logik des Konzeptes der Klarheit und der Anpassbarkeit. Entsprechend diesem Raster, sind diese durch drei Schichten gegliedert. Jeder Schicht ist eine Funktion zugeordnet. Die hochisolierten Glasflächen garantieren einen guten Isolationskomfort, sowie Ausblick und einen hohen Tageslichteinfall im Innenbereich. In der Aussenschicht sorgen die auskragenden Fassadenelemente, für einen effizienten sommerlichen Wärmeschutz. Die Tragschicht soll sichtbar bleiben und dem Bau einen klaren und zugleich öffentlichen Ausdruck geben.
Die flexible Struktur ist ökonomisch betrachtet eine Investition in die Zukunft. Die konsequente Trennung von Struktur und Ausbau ermöglicht es, Umbauten oder Erneuerungen mit einem minimalen Aufwand zu bewältigen und der unterschiedlichen Obsoleszenz der Oberflächen und Baumaterialien Rechnung zu tragen.

Nachhaltigkeit
Bereits in der Wettbewerbsphase wurden neben ökologischen Kriterien auch wichtige ökonomische Indikatoren thematisiert. Bei den Lebenszykluskosten spielen strukturelle Aspekte eine wichtige Rolle. Insbesondere die Bewirtschaftungskosten lassen sich mit diesem Projekt auf einem tiefen Niveau halten – dies unter anderem auch durch die kompakte Bauform.
Die Themen Bauweise, Bauteile und Bausubstanz beziehen sich bezüglich Zugänglichkeit auf die Haustechnikinstallationen und deren Rückbaubarkeit. Die Installationen sind durchgehend offen und zugänglich konzipiert und die Trennung von Primär­ und Sekundärstruktur ist vollständig umgesetzt. Durch diese konsequente Trennung wird eine maximale Flexibilität für spätere Umnutzungen im Lebenszyklus sowie eine gute Rückbaubarkeit aller Konstruktionen und Materialien erzielt.
Bei den umwelt­, entsorgungs­ und gesundheitsrelevanten Bestandteilen sind Ausbauentscheide zur Materialisierung entscheidend. Die Zertifizierung nach Minergie-A-Eco, stellt sicher, dass der Verkehrsstützpunkt auch in dieser Hinsicht exemplarisch ist.
Die Aussenraumgestaltung bietet trotz der grosszügigen Parkplatz- und Manövrierflächen an seinen Rändern ein grosses Potenzial zum Beitrag an vernetzten Lebensräumen mit Förderung und dem Schutz der Biodiversität. Es wird bei diesen Aussenbereichen auf eine Auswahl standortgerechter Pflanzen und Gehölze geachtet. Unterschiedliche Zonen (trocken, feucht, sonnig, schattig, usw.) bieten auch Lebensräume zur Förderung der Tierwelt.
Auf den unversiegelten Flächen versickert das Meteorwasser direkt in den Boden. Die mineralischen Flächen werden über die Schulter oder über Versickerungsschächte entwässert. Das begrünte Flachdach hält das anfallende Meteorwasser zurück.

Text: COMAMALA ISMAIL ARCHITECTES

 

© Ingo Rasp

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