„Architekturen sind für die Menschen unserer Gemeinschaft gedacht.“ (Miller & Maranta) – In unserem Format Vis-à-Vis sprechen Schweizer Architektinnen und Architekten über die verschiedenen Gesichtspunkte ihres Berufs und beantworten Fragen zu ihrer Idee von Schönheit und der Rolle, die sie in der Gesellschaft einnehmen.
Welche Aufgaben beschäftigen Sie gerade?
In unserer Arbeit geht es darum, mit den Mitteln der Architektur, Antworten auf die heutigen gesellschaftlichen Fragestellungen zu finden. In aktuellen Projekten beschäftigen wir uns mit dem Thema des Wohnens in unterschiedlichen Facetten und Massstäben. Veränderte Lebensbedingungen bilden sich in neuen Wohnformen ab, wofür die Architektur einen angemessenen Rahmen zur Verfügung stellen muss.
Ein Aspekt des Wohnens ist das enge Zusammenspiel mit dem städtischen Raum. Wie organisiert sich das Zusammenleben auf der Strasse und in den Häusern? Wie entsteht Gemeinschaft unter sich verändernden gesellschaftlichen Vorstellungen, und wie bildet sich diese in der Stadt ab? Das Projekt für die Wohnungen an der Hardstrasse in Basel definiert über die städtebauliche Setzung eine Öffnung des Areals zur Strasse hin. Die einzelnen Gebäude sind durch einen nutzbaren grünen Aussenraum miteinander verbunden und schaffen so eine halb öffentliche Situation, die unterschiedliche Bespielungen zulässt. Die Frage des Wohnraums wird gerade in Basel auch mit der Frage des Umbaus verknüpft, eine Fragestellung, die uns aktuell bei der Transformation des Handelshofes an der Nauenstrasse beschäftigt und uns seit vielen Jahren interessiert. Der sorgfältige Umgang mit bestehenden Gebäuden und das Weiterbauen an bestehenden Strukturen sind grundlegende Aufgaben der Architektur. Im Umgang mit historischer Substanz ist auch ein profundes Wissen über unsere baukulturelle Basis notwendig. Das Hotel Waldhaus in Sils Maria, für das wir seit 1995 verschiedene Projekte umgesetzt haben, ist dafür ein gutes Beispiel. Übergeordnetes Ziel der baulichen Eingriffe ist es, die identitätsstiftende Architektur des Traditionshotels zu erhalten und wo notwendig mit zeitgemässen Mitteln zu ergänzen, ohne den spezifischen Charakter zu beeinträchtigen.
Inwiefern unterstützen oder behindern neuartige Materialien die Architektursprache?
Wir sollten uns dem Neuen nicht verschliessen, etwa neuen Technologien oder Materialien. Wir haben heute andere Mittel zur Verfügung als vor 200 Jahren und können die Stimmung eines Ortes aufnehmen, ohne dass wir das Vorhandene replizieren. Wichtig ist, dass wir uns mit den Eigenschaften und der Bedeutung der Materialien auseinandersetzen, unabhängig davon, ob sie neu oder traditionell sind.
Haben Sie eine Idee von Schönheit?
Ein Gebäude ist nicht a priori schön oder hässlich, die Suche nach einer absoluten ästhetischen Wertigkeit ist in dem komplexen Zusammenhang der Bedeutungen nicht zielführend. Die Wertigkeit ist aber auch keineswegs Geschmacksache und dem einzelnen Individuum überlassen. Die Ästhetik ist in Funktion der kollektiven Wahrnehmung zu betrachten und verändert sich je nach den gesellschaftlichen Bedingungen im Laufe der Zeit.
Wann wird ein Gebäude zu Architektur?
Beim Entwerfen geht es nicht darum, eine Architektur für sich selbst zu entwickeln. Es geht nicht darum, dass das Objekt selbst das Wichtigste ist. Architekturen sind für die Menschen unserer Gemeinschaft gedacht. Sie haben eine Wirkung auf den Menschen. Bauten, die durch ihre Gestalt und ihre Inhaltlichkeit auf den Menschen in bestimmter Weise wirken, generieren einen gesellschaftlichen Mehrwert. Sie werden zu Architektur und gehen über schlichte Bauerei hinaus.
Welche Tugenden sollte ein Architekt erfüllen?
Unsere Arbeit sollte immer die Verantwortung für unseren Lebensraum ausdrücken – sie verlangt dafür profundes Wissen über unsere baukulturelle Basis und die Neugier, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Welche Rolle spielt der Architekt in der Gesellschaft?
Der Entwurf beginnt beim Ort, wir werfen einen kontextuellen Blick auf das Territorium. Dessen spezifische Historie versuchen wir nachzuvollziehen, dessen Präsenz zu begreifen, und leiten daraus Erkenntnisse ab. Es geht darum, das Essenzielle des Ortes zu ergründen und herauszuschälen und eine Basis zu legen. Auch der Zweck eines Bauwerkes birgt grundlegende Gesetzmässigkeiten. Sie leiten sich aus kulturellen Bedingungen ab und folgen im Abstand auf die gesellschaftlichen Entwicklungen. Es entstehen daraus Typologien in verschiedenster Hinsicht, gegen die man sich nur mit guter Begründung auflehnen kann. Wir sind mit unserem Metier des Entwerfens in ein gesellschaftliches Umfeld eingebettet und agieren von dieser Basis aus.
Welche Rolle sollte heute die Politik gegenüber der Architektur spielen?
In den letzten Jahren haben sich verschiedene Randbedingungen innerhalb der Gesellschaft verändert. Mit der Erklärung von Davos 2018 und dem Paradigmenwechsel im Vergabewesen 2021 wurden wichtige Meilensteine für das Bewusstsein für Baukultur in der Gesellschaft beschlossen. Auf der anderen Seite sind wir mit grossen Herausforderungen konfrontiert, mit der Pandemie, dem Klimawandel oder der politischen Lage in Europa. Die Politik sollte sich dafür einsetzen, dass das Verständnis für Baukultur auch unter sich verändernden Randbedingungen relevant bleibt. Dies hängt auch mit dem Bildungssystem zusammen. Die Allgemeinbildung bis zur Matura thematisiert unseren Lebensraum und die gebaute Umwelt als kulturelle Form nur wenig. Es werden wohl Kunstgeschich
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