Rheinschotter, Lehmbausteine und minimaler Materialeinsatz: Der Verkehrsstützpunkt des Kantons Graubünden ist Minergie-A-ECO-zertifiziert und ein Vorzeigebeispiel dafür, wie CO2-arm gebaut werden kann.
Anfang 2019 hat der Bündner Grosse Rat die Regierung beauftragt, einen Aktionsplan zur Dekarbonisierung zu erarbeiten. Mit diesem „Green Deal für Graubünden“ fördert und finanziert der Kanton Massnahmen zum Klimaschutz im Kanton. Der Neubau des Verkehrsstützpunktes in Chur wurde als Pilotprojekt im Rahmen des Aktionsprogramms „Green Deal für Graubünden“ lanciert. Ursprünglich wurde Minergie P-ECO angestrebt. Da das Gebäude jedoch als ein Leuchtturmobjekt realisiert werden sollte, wurde stattdessen der Minergie-A-ECO-Standard angepeilt. Es wird also mehr Strom produziert, als das Gebäude selbst benötigt.
Schwierige Anforderungen
Der neue Verkehrsstützpunkt der Kantonspolizei sollte zudem ein Netto-null-Gebäude werden. Die graue Energie, die bei der Erstellung des Gebäudes entstand, soll also kompensiert werden. „Damals gab es noch keine Standards. Wir hatten uns deshalb selbst zum Ziel gesetzt, dass die graue Energie innerhalb von einer Generation (20 bis 25 Jahre) kompensiert werden sollte. Diese Anforderungen, die der Kanton stellte, waren eine Herausforderung. Ein öffentliches Netto-null-Gebäude mit einer vorgegebenen Nutzung zu erstellen, ist etwas ganz anderes als eine private Liegenschaft, welche die Nutzungsvorgabe am Nachhaltigkeitsziel definieren kann“, sagt Toufiq Ismail-Meyer, Architekt von Comamala Ismail in Delémont, und spricht damit die Bedürfnisse eines Polizeistützpunktes an. Für den Polizeistützpunkt mussten aus betrieblichen Gründen 60 Parkplätze eingeplant werden, zwei Drittel davon überdacht, was viel graue Energie mit sich brachte.
Rheinschotter für den Beton
Lowtech, Suffizienz und wenn möglich lokales Material waren die Antworten der Planenden auf diese Anforderungen. „Wir haben uns erlaubt, alles infrage zu stellen“, sagt Toufiq Ismail-Meyer. Holz als tragendes Element wurde als Erstes geprüft. Das Aushubmaterial, der vor Ort vorhandene Rheinschotter, erwies sich aber dann als ideales Material für die Betonherstellung der tragenden Bauteile. Dieses vorhandene Aggregat wies einen entsprechend kleineren Fussabdruck auf als der für den Zusatz ECO geforderten Recycling-Beton. Und es wurde reduziert, wo immer möglich. „Da über alle Geschosse die Polizei untergebracht ist, konnte im gesamten Gebäude auf Trittschalldämmung und Unterlagsböden verzichtet werden“, macht Architekt Toufiq Ismail-Meyer ein Beispiel. Für die nicht tragenden Wände wurden Lehmbausteine verwendet. Diese wurden in einem neuen Werk in der Deutschschweiz hergestellt. Um diese Steine verwenden zu können, mussten extra Tests durchgeführt werden. „Das Hochbauamt des Kantons Graubünden hat eine grosse Offenheit gezeigt, aber mit all den Reglementen ist es manchmal nicht einfach, etwas Zukunftsweisendes zu erstellen“, erklärt Ismail-Meyer.
Fassade mit mehreren Funktionen
Ein Aushängeschild des neuen Gebäudes ist unter anderem die Fassadengestaltung mit fix installierten PV-Modulen. Die Fassade erfüllt gleich mehrere Aufgaben: Einerseits produziert sie als Photovoltaikanlage Strom, und andererseits dient sie als Sonnenschutz. „Dank des Anschlusses ans CO2-neutrale Anergienetz und der Wärmepumpe können wir jede Kilowattstunde verfünffachen“, sagt Ismail-Meyer. Die Photovoltaikanlagen auf dem Dach und an der Fassade mit rund 900 m2 Gesamtfläche und einer Leistung von rund 160 kWp liefern mehr Strom, als für die Haustechnikanlagen notwendig ist. Die Möglichkeit, eine Batterie anzuschliessen, ist gegeben, wurde aber noch nicht ausgeschöpft. Der Bau kostete 10 Millionen Franken und wurde im Herbst 2024 fertiggestellt.
© Ingo Rasp
