Stairway to Paranoia

Rückwärts abgespielte Popmusik, angeblich voller teuflischer Botschaften: ein kulturgeschichtlicher Mythos, der bis heute kitzelt. Backmasking ist ein Spiel mit dem Verborgenen – ein Hören zwischen den Zeilen, bei dem weniger die Musik als unsere Projektionen die wahre Botschaft liefern. Gregor Schwellenbach, Komponist und Majorleiter Pop in der Abteilung Jazz und Pop des Departements Musik der ZHdK, über die Faszination des Rückwärtshörens und warum der Teufel meist in unseren Köpfen sitzt.

Wer einmal eine Schallplatte rückwärts abgespielt hat, kennt den Effekt: Stimmen klingen unheimlich, vertraute Melodien kippen ins Dämonische, Worte scheinen sich zu offenbaren – oder eben gerade nicht. Schwellenbach erklärt das so: „Als Hörer identifiziere ich eine Rückwärtsstimme sofort als menschliche Stimme, gleichzeitig bin ich aber ausgeschlossen vom Inhalt, weil ich ihn nicht verstehe. Das assoziiert Zauberei oder Geisterstimmen. Gleichzeitig ist es einfach lustig.“

Schon in den 1960ern kursierten Gerüchte über die Beatles, die angeblich versteckte Botschaften in ihre Songs einbauten. Am stärksten entzündete sich die Fantasie an der sogenannten Paul-ist-tot-Legende. Ende der 1960er-Jahre verbreitete sich das Gerücht, Paul McCartney sei bereits 1966 bei einem Autounfall ums Leben gekommen und durch einen Doppelgänger ersetzt worden. Als Beweise dienten plötzlich Albumcover, Songtexte und eben auch Rückwärtsspuren. Wer das „White Album” oder „Revolution 9“ rückwärtslaufen liess, wollte dort klare Hinweise hören: etwa den Satz „Turn me on, dead man“. Andere entdeckten auf dem Cover von „Abbey Road” Indizien für eine Trauerprozession, bei der Paul barfuss ist und aus dem Schritt fällt – angeblich das Zeichen des Verstorbenen.

„Ich erinnere mich noch gut daran“, sagt Schwellenbach, „dass mich in den 1980er-Jahren religiöse Jugendliche angesprochen und gewarnt haben, die Beatles zu hören – weil angeblich teuflische Botschaften in den Songs steckten.“

Für Schwellenbach ist dieses Phänomen ein Paradebeispiel für das Zusammenspiel von Technik, Fantasie und Rezeption: „Am Anfang stand der reine Spass an neuen Studiotricks, doch als die Fans und der Musikjournalismus darauf aufsprangen, hatten die Beatles plötzlich ein Narrativ mehr, mit dem sie spielen konnten.“ Entscheidend sei nicht, ob die Musiker absichtlich geheime Botschaften eingebaut hätten, sondern dass das Publikum sie unbedingt finden habe wollen. Die Legende wurde so zum selbstverstärkenden System: Jeder neu gefundene Hinweis zog weitere nach sich, bis aus Zufällen eine ganze Verschwörungserzählung entstand.

Wichtiger als die Botschaft war ohnehin das Setting. Entscheidend sei gewesen, dass ab den 1960er-Jahren in fast jedem Wohnzimmer ein Plattenspieler gestanden habe, den man mit der Hand habe rückwärtsdrehen können. Es war fast wie eine Séance. Ein Kreis Jugendlicher beugt sich über den Plattenspieler, sucht nach einer Stimme aus dem Jenseits. Dieses Ritual war genauso wichtig wie das, was am Ende dabei herauskam.

Zwischen Okkultismus und Pop-Selbstironie
Nicht alle nutzten Backmasking als Schockmoment. Manche Künstler:innen machten daraus ein Stilmittel. Lee „Scratch“ Perry veröffentlichte schon 1969 „Honey Love“ rückwärts als „Evol Yenoh“. Missy Elliott rappte in „Work It“: „flip it and reverse it“ – und genau in dem Moment lief der Rap tatsächlich rückwärts.

„Das ist offenes Backmasking“, erklärt Schwellenbach. „Das wirkt kreativ und witzig, aber nicht so geheimnisvoll und bedrohlich wie verstecktes.“ Die spannendsten Beispiele seien aber jene, bei denen nicht eindeutig sei, ob Absicht oder Zufall im Spiel gewesen sei. „Bei den interessantesten Fällen bleibt diese Unschärfe – und genau das macht sie gruselig.“

Besonders berüchtigt wurde „Stairway to Heaven“ von Led Zeppelin. Manche meinten, dort rückwärts satanische Botschaften zu hören. Für Schwellenbach ist das ein Paradefall: „Wenn dir jemand sagt, du wirst etwas hören, dann hörst du es auch. Unser Gehirn versucht immer, Muster zu erkennen. Und was wir nicht verstehen, ergänzen wir mit unserer Erwartung.“ So wurde aus akustischem Rauschen eine vermeintliche Teufelsbotschaft.

„Freiheit ist anstrengend“
In den 1970er- und 1980er-Jahren erreichte die Debatte ihren Höhepunkt – in einer Zeit, in der sich Gesellschaften stark veränderten. Schwellenbach erklärt das so: „Wenn man Selbstbestimmung und das Infragestellen von Autoritäten als teuflisch auslegt, dann war die Satanic Panic gar nicht so weit hergeholt. Rockmusik hatte tatsächlich die Kraft, Menschen zu beeinflussen und ihnen neue, vielleicht sogar unheimliche Energien zu vermitteln. Nur eben nicht durch ein paar rückwärts abgespielte Wörter, sondern auf viel komplexere Weise – durch ihre Haltung, ihre Ästhetik und die Freiheit, die sie verkörperte.“

Die öffentliche Angst nahm groteske Züge an: Platten wurden verbrannt, Elternorganisationen klagten Bands an, Gerichte hörten Songs rückwärts ab. „Freiheit ist anstrengend“, sagt Schwellenbach trocken. Die eigentliche Angst sei nicht der Teufel in der Rille gewesen, sondern der Teenager, „der plötzlich eigene Entscheidungen traf“.

Backmasking war also weniger Auslöser als Projektionsfläche. „Satanische Bedeutungen hineinzulesen, war eine Folge von Angst“, meint Schwellenbach. „Angst vor Kontrollverlust, vor gesellschaftlichen Entwicklungen, davor, von Mode oder von Technik abgehängt zu werden.“

Vom Dämon zum Algorithmus

Heute ist die Sache entzaubert. „Seit der Digitalisierung ist der Spass nur noch halb so schön“, erklärt Schwellenbach. „Es ist heute zu einfach, Soundfiles rückwärts abzuspielen. Früher musste man nachts am Plattenspieler hantieren, heute klickt man und hat das Ergebnis sofort. Der Zauber ist weg.“
Statt Teufelsspuk sind es nun digitale Wasserzeichen, die im Verborgenen Botschaften tragen: Codes zur Herkunft und Legalität einer Datei. Künstlerisch spektakuläre Einsätze? Fehlanzeige. „Das klingt weniger sexy als ein Flüstern des Teufels, aber es ist die Realität.“
Die eigentliche Manipulation liegt heute bei den Plattformen. „Der Algorithmus hat den Teufel ersetzt“, sagt Schwellenbach. „Spotify entscheidet, was wir hören, nicht mehr die satanische Botschaft auf der B-Seite. Und das ist viel mächtiger als jedes rückwärtslaufende Flüstern.“

Die Verschiebung ist bezeichnend: Wo einst Jugendliche mit Fantasie und Mut zur Regelverletzung Geister beschworen, übernehmen heute Konzerne und Plattformen die unsichtbare Steuerung. Der Mythos hat sich in Ökonomie verwandelt. Das ist die bittere Pointe. Früher war Backmasking ein Spiel, das die Fans in die Hand nahmen. Heute ist es ein Spiel, das von Konzernen gespielt wird.

Humor als Exorzismus
Am Ende bleibt Backmasking als Spiegel der eigenen Projektionen. „Es ist ein popkulturelles Zeichen“, so Schwellenbach. „Es verweist augenzwinkernd auf Geister, Spiritismus und Heavy Metal, auf eine rebellische Jugend und ihre Kritiker, die sich bisweilen lächerlich machen.“

Sein Lieblingsbeispiel ist nicht aus der Rockgeschichte, sondern aus der Pop-Satire: „Ich mag die Simp-sons-Folge, in der ’N Sync mithilfe von Backmasking die amerikanische Jugend dazu verführt, in die Navy einzutreten. Oder Alligatoahs Trauerfeierlied, wo die rückwärts verfremdete ‚emotionale Manipulation‘ plötzlich wie eine Illuminatenbotschaft wirkt.“
Humor sei der beste Exorzismus: „Er zeigt, dass wir die Angst längst durchschaut haben.“ Der Teufel in der Rille bleibt damit das, was er immer war: ein Echo unserer Fantasie – aber vielleicht genau deshalb so unwiderstehlich.

teuflisch gut studieren: Mehr Infos zum Major Pop an der ZHdK.

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